Die Nacht war hell und ruhig, Kurz nach acht blicke ich in einen plötzlich etwas grauen Morgen. Nein, kein Regen, aber ein starker Wind, der im Laufe des Tages immer mal wider dunkle Wolkenbänke heranschiebt, sie aber ebenso schnell am Horizont zum Verschwinden bringt. Kaffee kochen, Ruhe geniessen, nach einem schnellen Frühstück geht es nach Skagen, der Künstlerstadt. Sie hat sich wider einmal geändert, wie eigentlich jedes Mal, wenn ich hier bin. Viele der alteingesessenen Geschäfte sind verschwunden und haben Saisonläden Platz gemacht. Klamotten, Tand, Chinaimporte. Schade eigentlich. Dazwischen Kneipen & Lokale voller überlustiger Schweden und Norweger, die auf einer Tagessauftour mit einer der Fähren herübergekommen sind. “Skagen sehen und blau sein” dürfte das Motto sein, sie führen sich größtenteils so auf, wie bei uns die Ausflügler an Pfingsten. Und unter all diesem Trubel die alte Stadt Skagen, zwischen den beiden Meeren so wunderschön anzusehen mit ihren properen, beigegelben Häuschen, den roten Dächern in dem so besonderen Licht. Künstlerkolonie, fast zur selben Zeit wie bei uns in der Gegend Worpswede, hat es ein wundervolles Museeum voller beeindruckender Gemälde zu bieten die das Leben der Fischer und der Künstler hier im Ort vor mehr als 100 Jahren zeigen. Anna & Michael Ancher, Lauritz Tuxen oder Holger Drachmann sind Damals und Heute Namen, die einen grossen Ruf geniessen und ich besuche das hübsche Museeum gerne immer wider einmal. Heute bleibt leider keine Zeit dazu, nach einem Stadtbummel in der Sonne soll es Kaffee in der Schwedischen Seemannskirche am Fischereihafen geben, nicht ohne vorher am Yacht- und Fischereihafen vorbeigesehen zu haben.

Die schwedische Seemannskirche, auch sie immer wider so ein Anlaufpunkt. Hier gibt es wohlschmeckende “Bullar”, kleine, im Haus gebackene Kuchen mit – wie könnte es anders sein – hohem Kalorienanteil. Dazu Kaffee bis zum Abwinken, das ganze in einer Clubatmosphäre wie wohl überall auf der Welt in solchen Einrichtungen. Eine Mischung, wie sie nur aus pragmatischer, seefahrtsnaher Kirche, recht raubeinigen Seeleuten und der Mischnutzung als Gotteshaus und Gemeinschaftsraum herauskommt. Kicker & Billard neben vielen Schiffsbildern, mitgebrachte Andenken aus aller Welt, hier ein Kreuz, da eine Marienstatue deutlich südländischer Herkunft. Passt alles nicht so ganz und gibt irgendwie doch ein rundes Gesamtbild. Am Nachbartisch versammeln sich die Mitarbeiter des Hauses zum gemeinsamen Essen, Leute kommen und Gehen, niemand stört sich am Anderen, alle üben sich irgendwie in Respekt. Über allem Bilder des letzten schwedischen Königspaares, in einer Ecke, kleiner, auch das amtierende, dazu eine Flagge und das Symbol der Schwedischen Kirche im Ausland.

Der Yachthafen bietet viel neues Segelschiff, Chrom, geschrubbte Teakdecks und schöne Menschen mit offensichtlich viel Geld vor malerischer Kulisse. Auf der Pier der passende Volvo-Geländewagen oder fürs, nach letzter, maritimer Mode gekleidete, Weibchen das schicke Zweisitzercabrio, sie will beschäftigt sein, wenn ER segeln geht. Die Geschäfte werben mit den Grundessenzen eines ordentlichen, skandinavischen Seglerlebens und bieten wenig zu Essen, dafür um so mehr „flüssige Nahrung“ an. Rund ums Hafenbecken eine Gastronomie in den malerischen, alten Fischschuppen, die sich für gehoben hält (es aber nur teilweise ist) und ob des reichlichen Publikums entsprechend exorbitante Preise verlangen kann.

Im Fischereihafen dann die Walkabouts, die ein wenig heruntergekommenen, nach Fisch müffelnden Arbeitstiere der Meere. Rostige Ketten, riesige Netztrommeln, kein Schnickschnack an Deck, alles nüchtern zweckmässig und leicht verschlissen in langer und intensiver Nutzung. Die Mode hier eher, hm, rustikal: Latzhosen mit reichlich Taschen und Flecken, dazu Gummistiefel und Pullover sind zeitloser Dress der Fischersleute, Takel- oder Schlachtmesser baumeln lässig am Gürtel und gehören ebenfalls dazu. Die wenigen Frauen eher von Typ “geländegängig”, Kleidung ähnlich den Herren, Karohemden in Übergrössen dominieren die Szene, ein gewisser Umfang in Hüfte und Bizeps ebenfalls.

Fahrzeugtyp sind PickUps und Transporter, im Aussehen und Alter den Schiffen angeglichen. Über der ganzen Szenerie ein Haufen Möven, die alles, was sie nur treffen können, vollsch… und sich ununterbrochen lauthals um wirkliche oder vermeintliche Reste streiten. Nett ists hier, mir gefällt das, wie immer, sehr gut. Ich mag auch diesen Schlag kerniger, mehr wortkarger Menschen die so direkt, aber auch so hilfsbereit sein können, egal, wo auf der Welt ich auf sie treffe … da kommen wohl verwandtschaftliche Denk- und Handlungsweisen an den Tag. Lang ists´ zwar her, aber Seefahrt bleibt Seefahrt.

Nach einer halben Stunde des Geniessens und Relaxens dann der Weg nach Gammle Skagen, Alt Skagen. Lauter schicke, renovierte Häuser im Skagenstiel, hier darf nicht anders gebaut werden und so fügen sich auch Neubauten recht unauffällig in das hübsche Ortsbild. Vor Jahren war hier alles Heruntergekommen und, vor allem, völlig Verkommen und ganz offensichtlich dem Abris geweiht. Die beiden grossen Bäderhotels hatten damals geschlossen, standen zum Verkauf und dämmerten einer eher ungewissen Zukunft entgegen.

Keine Spur mehr Heute von solch wirtschaftlichem Schwächeln, die Grösse der hier überall geparkten Fahrzeuge lässt einen deutlichen Rückschluss auf die Finanzstärke des Publikums zu, das Aussehen der Häuser weist auf gute Geschäfte hin. Man “ist” wider in Skagen, lässt sich sehen und wird gesehen. Für die Dänen hat das etwas von Sylt, hält man auf sich, ist man hier. Dabei ist das Ganze auf dänische Art freundlich unaufgeregt, keiner tut sich sonderlich hervor. Da läuft einem durchaus schon mal ein Teil der königlichen Familie in Jeans und Shirt über den Weg und man merkts, wenn überhaupt, erst beim dritten Hinsehen, einem expliziten Hinweis der weiblichen Begleitung und auch dann nur vielleicht. Mir soll das egal sein, ich freue mich an dem schönen Stadtbild und der Tatsache, dass die Häuser hier so vor Schlimmerem bewahrt wurden.

Von der Strandpromenade mit ihrer umsatzstarken Imbisbude aus laufe ich zurück nach Skiveren, so war es vorgesehen. Immer den Strand entlang, an der Wasserlinie. Windjacke, Wasser und Pulli habe ich vorsichtshalber im Rucksack, ansonsten brauche ich nun nur noch Zeit für die 30 km. Keine dreihundert Meter hinter dem Zugang zum Wasser in “Gammle Skagen” bin ich schon alleine, nach 500 Metern sehe ich die Leute hinter mir kaum noch.

Ein paar hundert Meter und eine viertel Stunde weiter endet der aus Strandsicherungsgründen aufgeschüttete Kies und Sand ist der Untergrund. Ich ziehe die Sandalen aus und laufe ab hier Barfuss. Wind, Sand & Meer – sonst Nichts. So wird es nun Stunden weitergehen und ich freue mich auf das Laufen und das Alleinesein. Immer den Strand entlang. Der Wind weht und ich kann meine Gedanken schweifen lassen. Die Sonne brennt und sengt, ich weiss es wohl, ignoriere es aber. Den Preis werde ich am Abend mit einem verbrannten Fell zahlen, aber jetzt will ich Wind und Salz spüren und mich nicht in irgendeine Jacke hüllen. Immer mal wider finde ich Strandgut, einen kleinen, reingewaschenen Golfball nehme ich mit, er wird, wie so vieles über die Jahre Gefundenes, eine meiner Fensterbänke zu Hause schmücken. Strandräuberblut halt. Von Steinen halte ich mich bewusst fern, ich liebe ihre hübschen Muster, habe in meiner Wohnung jedoch schon eine geschätzte halbe Tonne davon und werde eines Tages mit meiner Sammlung durch den Fussboden brechen, wenn ich sie weiter hemmungslos vergrössere.

Unangenehm sind die in regelmässigem Abstand auftauchenden Kadaver von Tümmlern oder Schweinswalen, sieben zähle ich auf den 30 Kilometern bis Skiveren und kann nicht so recht beurteilen, ob das normal ist oder etwas besonders Beachtenswertes.

Links ein einsames Haus, inzwischen steht es durch die Änderung der Küstenlinie direkt auf dem Strand und auch hier frisst das unersättliche Meer. Vor einigen Jahren wohnte hier noch ein alter Fischer, auch damals schon in vorderster Front der Dünenlinie. Zum “zur-See-fahren” war er wohl schon zu alt, aber er trieb noch das Strandfischen, sozusagen direkt vor seiner Tür. Auch das ein harter Job für einen alten Mann, man sah ihm die Mühe an. Ein paar Worte Dänisch und brockenweises Englisch sowie mein Interesse für seine Arbeit liessen uns ein wenig zusammenstehen, er zeigte mir seine verwendeten Netze und den Fang. Einen Fisch sollte ich mir mitnehmen, wohl als Dank für das Interesse an ihm und seinem Leben, aber das ging leider nicht: zu lebendig noch seine Beute im Eimer und zu wenig darauf vorbereitet mein Rucksack. Ich habe seither oft an ihn gedacht und ihn, ein klein wenig, um seinen einsamen Wohnort “Zuäusserst am Meer” beneidet. Jetzt ist er fort, möglicherweise auch gestorben und sein Haus wird die See holen.

Bei Kandestenderne mache ich Pause an der Dünenkante und esse meine mitgebrachten Brote. Dann geht es weiter, nur wenige Menschen treffe ich auf dem Weg, dafür um so mehr Seevögel, die am Strand rasten. Nach fünfeinhalb Stunden dann Skiveren und, weil hier auf der Strasse vom Strand aus Schotter liegt, wider die Sandalen.

Abendessen, ein wenig rumdrömeln und den mittlerweile knallroten Kopf mit “PreSunLotion” einschmieren, weh tut es nicht, aber spannt unangenehm. So richtig Lust auf einen Sonnenuntergang am Beach habe ich merkwürdiger Weise an diesem Abend auch nicht mehr und falle – nach einer ausgiebigen Duschorgie – recht früh auf mein Lager im Zelt. Schwierigkeiten einzuschlafen habe ich an diesem Abend auch nicht wirklich …