Kurz nach sieben weckt mich eine aufs Zelt scheinende Sonne und eine, tja, Lerche? Jedenfalls trällert sie, genau über meinem Kopf in einem Busch sitzend, mit erheblicher Phonstärke. Hübsch anzuhören, aber auch recht schnell wach machend!

Das übliche Morgenritual, Zelt öffnen und dabei einiges an frischen Tauwasser in den Nacken oder sonstwohin bekommen, begleitet von einigen ebenso üblichen Flüchen. Dann den Kocher anschmeissend und 5 Minuten dem Wasser beim Blubbern zuschauen. Kaffee aufbrühen. Ahhhh … jetzt kann der Tag beginnen!

Danach schäle ich mich Heute verhältnismässig schnell aus dem Zelt, räume auf und mache mich an das Frühstück. Kurz vor zehn rolle ich schon Richtung Lonstrup über Land, fahre am Kreisel in Hirtshals auf die Landstrasse die Küste hinunter und lasse die Autobahn Links liegen. Mit gemütlichen 70 Sachen schuckel ich so über Land, halte immer mal wider für ein Foto an oder bremse die örtlichen Milchlaster aus und geniesse die Fahrt.

Kurz hinter Lonstrup dann das eigentliche Ziel des Tages, die Rubjerg Knude, eine gewaltige Wanderdüne mit einer wirklich dramatischen Abbruchkante zur Seeseite hin. Hier stehen zwei Bauwerke, die ich immer mal wider besuche und auch auf dem Herweg vor einigen Tagen bin ich hier schon einmal durchgekommen. Diesmal allerdings will ich etwas machen, was ich bisher noch nie angegangen habe: ich möchte nicht nur auf die zentrale „Leuchtturmdüne“, sondern das komplette Dünensystem in seiner Länge Überwandern, dann einen Abstieg zum Strand suchen und dort die gesamte Seeseite ablaufen. Das geht nur bei Niedrigwasser und nur, wenn keine Brandung bis in die Dünenkante schlagen sollte, wir werden sehen. Zweimal habe ich so einen Versuch in den letzten Jahren schon aufgeben müssen, zu kitzelig wurde das Eingezwängtsein zwischen Brandung und stark überängenden, instabilen Sandwänden.

Ich parke meinen Wagen also am Wegesrand und laufe durch den hier recht dichten und hübsch grünen Küstenwald bis an die ersten Ausläufer der Düne. Und dann geht es los! Wer schoneinmal in völlig losem Sand gelaufen ist wird wissen, wie schwierig das ist. Die Sandalen kann ich noch nicht ausziehen, zuviele freigewehte Kiesflächen tun doch mächtig weh am Fuss und so rieselt es Vorne hinein und Hinten Heraus. Den ersten Anstieg schaffe ich noch recht schnell, oben angekommen muss ich aber doch erstmal Pause machen. Ein grandioser Anblick, unten das grüne Land mit Feldern und Wäldern, davor zur See hin das riesige Dünensystem, eigentlich wohl aus sechs oder sieben Einzeldünen bestehend und mit einem völlig leeren Aussehen wie eine echte Wüste.

Darüber der Wind und der ständige Sandflug, fein, aber ununterbrochen, überall eindringend, alles rund und kleinschmirgelnd. Eine urtümliche Landschaft, ich kann mir vorstellen, wie die Bauern früher den Sandflug gefürchtet haben müssen der, quasi über Nacht, Felder, Höfe, ja ganze Ortschaften unter sich verschwinden ließ. Ich wende mich nach Süden und suche mir einen Weg von Düne zu Düne. Unübersichtlich ist das Gelände, die Sandhänge von einer rutschigen Steilheit, die ich nicht erwartet habe. Immer wider muss ich zurücklaufen und einen neuen Weg suchen, weil meiner in einer Senke ohne Ausgang endet oder an der Abbruchkante zur See. Keine Möglichkeit, da hinunter zu kommen, eine steile Wand aus Lehm, Geröll und Sand würde die Wand bei einem solchen Versuch im wahrsten Sinne des Wortes zu einer Abflugrampe machen.

Nach Süden werden die Sandhügel flacher, dafür kommt ein dornig-buschiger Bewuchs hinzu durch den ich mich arbeite und mir dabei heftig die Beine zerschramme. Tut zwar ein bisschen weh, macht aber nicht wirklich etwas, ich trage selten Minikleider. Was mir dann doch etwas ausmacht ist das Abrutschen von einer Dünenkante und das Verschwinden in einem darunterliegenden Feld von Brennnesseln.

Schliesslich gelange ich am Ende der kleinen Wüste an und – siehe da – es findet sich eine windschiefe Treppe hinunter zum Strand, wahrscheinlich von örtlichen Touristbüro unter Missachtung aller Sicherheitsnormen und tollkühn nach einem chinesischen Bauplan angelegt. Von Unten betrachtet vielleicht ein „Stairway to heaven“, von Oben eher ein „Highway to hell“. Ein deutscher TÜV-Ingenieur würde bei diesem Anblick einfach nur wortlos und auf der Stelle tot umfallen!

Am Strand laufe ich nun zurück, mehr als die Strecke, die ich „Oben“ schon bewältigt habe. Die Sicht ist teilwiese urtümlich, teilweise dramatisch: steile Sandabhänge wechseln mit Lehm- und Gesteinsschichten ehemaliger Meeresgründe, die heute gerade oder durch Verwerfung halbschräg in der gewaltigen Schicht eingeschlossen sind. Winkel von 45 Grad oder gar Überhänge hätte ich bei ner solchen Mischung für unmöglich gehalten, trotzdem sind sie da. Der Abbruch unterhalb des Leuchtturmes ist nicht ganz so steil, aber auch hier erstaunt die Höhe der Düne, den man von Oben so nicht wahrnehmen kann. Wenn er eines, hoffentlich noch fernen Tages, herunterkommt dann wird es interessant werden …

Weiter, der Strand ist mit einem Abbruch zwei Mann hoch verschüttet. Ein Versuch, Aussen herum durch die Brandungslinie an der Schüttung vorbei zu kommen scheitert schnell an der unerwarteten Tiefe des Wassers und der aufprallenden Brandung. Also darüber hinweg – durch tagelange Sonne ist der Lehm hart wie Beton, die Kletterei in dem zerklüfteten Material gestaltet sich weder besonders schwierig noch anspruchsvoll, dafür aber dreckig. Auf der anden Seite, beim Beginn des Unterfangens noch nicht einsehbar, dann eine böse Überraschung – ein Lehmüberhang, acht Meter hoch, von Rissen durchzogen und mit deutlicher Neigung über den Strand. Da muss ich durch – verdammt! Also die Beine in die Hand genommen und mit mehr als mulmigem Gefühl einen Sprint die Wasserlinie entlang. Natürlich passiert nichts und die Wand wird bis zum nächsten Regen auch so stehen bleiben, trotzdem, ich brauche sowas eigentlich nicht wirklich! Für kitzelige Situationen haben wir andere Fachleute in der Familie … 😉

Ich wandere weiter, weit Hinten liegt Lonstrup und die Kannte wird ein wenig flacher. Es fällt mir schwer, von unten die Stelle zu erkennen, an der die Marup Kirke liegt, trotzdem glaube ich, sie gefunden zu haben. Auch hier ein steiler Abbruch, den ich fotografiere – um Abends bei Durchsicht der Bilder festzustellen, dass es wohl die richtige Stelle war. Ich habe die Abbruchkante des Friedhofes erwischt und auf den Bildern lassen sich deutlich Knochen und Schädel ausmachen, die aus dem Boden dort ragen. Schön, dass sie vor Ort so unkenntlich sind, manch ein Banause würde ansonsten wohl ein solches „Souvenir“ mitnehmen.

Kurz vor Lonstrup schaue ich eine Weile den Schanzarbeiten zu. Wider werden Felsen und Sand gefahren um die Küstenlinie wenigstens vor dem Ort zu halten. Solange ich zurückdenken kann, sind hier Bagger und Radlader am Werk, Sommer für Sommer, manchmal auch im Winter. Ohne die Intervention der Menschen gäbe es das Örtchen schon lange nicht mehr und der Restbestand an Schutzküste vor den ersten Gebäuden des historischen Ortskernes ist auf ein Minimum von wenigen Metern geschrumpft. Ein Fehler in den Arbeiten, ein besonders schwerer Sturm und die ersten Häuser werden in der See verschwinden.

Ich laufe oben an der Abbruchkante zurück. Grüne Wiesen, viele Blumen, nur wenige der Häuser scheinen bewohnt, Vorsaison. Viele der Sommerhäuser stehen unmittelbar an der Kante, Strassen führen ins Nichts, Wege verschwinden im Abgrund. Ein wenig unheimlich ist fas schon, eine Welt auf Zeit, das Meer wird kommen. Ich denke an den tollen Film, den ein junger französischer Paraglider hier gedreht hat und an die tollen Blicke, die er von Oben gehabt haben muss. Wider mein kleine Kirche, diesmal „von Oben“ eine Schulklasse, die über den Friedhof tobt.

Die Grabsteine an der Seeseite hat man entfernt, so lassen sich die sterblichen Überreste nicht mehr zuordnen, eine Frage der Pietät. Andere Gräber, landeinwärts, machen einen frisch gepflegten Eindruck und tragen Blumenschmuck. Eigentlich darf mich das nicht erstaunen, die Grabsteine geben Auskunft darüber das die letzten Beisetzungen gerade 20 Jahre zurück liegen.

Dann wider Düne, langsam fällt mir das Laufen schwer. Es geht wider steil bergauf im lockeren Sand und dann stehe ich bei IHM, dem Leutturm von … Er wurde in den 1880er Jahren erbaut und gehörte zur Linie der unverzichtbaren Leuchtfeuer an der für Seeleute und Schiffe so gefährlichen dänischen Westküste. Hier gab es kaum einen Schutzhafen zwischen Riebe im Süden und Skagen im Norden, eine Linie von immerhin 600 langen Kilometern, keine Bucht unterbrach die lange, flache und nur schwer sichtbare Küstenlinie. Schutz vor den wilden Weststürmen war hier Fehlanzeige, dafür gab und gibt es schnell wandernde Sände und in Legerwall eine wilde, abweisende Küste von der man keine oder nur wenig Hilfe erwarten konnte. Akkurate Navigation war hier überlebenswichtig, Leuchtfeuer eine unabdingbare Hilfe für den Weg durch Nacht und Sturm. Hier hatte man allerdings einen Fehler gemacht oder man wusste es nicht besser – kurz nach dem Bau des Feuers begann die See Sand anzulanden und aufzuschütten und innerhalb weniger Jahre erhob sich eine gewaltige Wanderdüne höher als das Feuer selber. Jahrelang versuchte man dieser Heimsuchung Herr zu werden und schaufelte den Sand zurück in die See, fuhr ihn ab oder verstreute ihn im Hinterland.

Umsonst, wie sich zeigte und, auch das war damals noch nicht bekannt, mit eher gegenteiligem Effekt. Und so wurde das Leutfeuer, nachdem es, wie alle Feuer der dänischen Küste, schon von 1940 bis 45 nicht leuchten durfte, 1868 endgültig gelöscht. Neuere Navigationsmethoden und die Aufrüstung der Strahlkraft der südlich und nördlich gelegenen Feuer machten den Turm überflüssig. Als ich 1971 das erste Mal mit meinem Vater und meinem Bruder vorbeikam, stand die Anlage leer. Wir konnten noch mit dem Auto bis an den Turm und die ihn umgebenden fünf Häuser heranfahren. Über die Jahre habe ich dann erlebt, wie es weiterging: Vandalismus, ein Cafe, ein „Sandmuseum“. Letztlich musste alles vor dem gnadenlos herankriechenden Sand weichen und 1990 überrannte dieser dann die Häuser, die ob der Last zusammenbrachen.

Nur der Turm, dem ein ähnliches Schicksal beschieden wurde, wehrte sich – die Abwinde seiner Mauer bliesen seine Fundamente frei und er blieb in einem steilen Loch all die Jahre frei stehen. Irgendwann trug man die Reste der Häuser ab, zu. Gross die Verletzungsgefahr für die Besucher. Aber der Turm stand und steht, verlassen und einsam in seiner Düne, den Stürmen und dem Sand trotzend seit nun mehr als 40 Jahren seit seiner Ausserdienststellung und wandert langsam durch die Düne auf die sich heranfressende, allgegenwärtig Abbruchkante zu. In ein paar Jahren wird er sie erreichen und fallen, wie ich hoffe, aufrecht und unbesiegt.

Endlich, ich erreiche meinen Einstiegsort in diese schöne Tour, fast sechs Stunden bin ich nun unterwegs und langsam reicht es. Ich wandere durch den Wald zurück zum Auto und dort gibt es erst einmal zu trinken. Sachen verstauen, noch einen kurzen Ausflug nach Lonstrup und ein gewaltiges Eis als Belohnung für den langen Marsch. Dann knattere ich gemütlich zurück über das Land nach Skiveren, wo ein schönes Abendbrot auf mich wartet.

Mit dem Sonnenuntergang am Strand habe ich das Heute nicht mehr so wirklich und Zelt und Schlafsack sehen mich verhältnismässig früh. Das Laufen im Sand war trotz der eigentlich wenigen Kilometern ungleich anstrengender als die Tour von Skagen aus, aber wunderschön und empfehlenswert!