Einladung von einer wirklich lieben Freundin. „Sonntag Nachmittag, du kommst doch, es gibt eine Überraschung und ich freue mich schon soooo auf dein Gesicht …“ Zu solchen Ansagen sagt man natürlich nicht nein, bei ihr sowieso nicht, und wenn es einem dann auf so geheimnisvolle Weise noch zusätzlich schmackhaft gemacht wird …

Also los, Sonntagsmittags nach getaner Arbeit ab über Land. Ihr Zuhause liegt für mich nun leider nicht gerade um die Ecke. Eine geruhsame Stunde Fahrt ohne übermässige Eile so über Dorf & Land habe ich bis dorthin schon zu bewältigen, um diese Jahreszeit zusätzlich auch noch dann und wann gebremst durch einen Trecker im spätsommerlichen Ernteeinsatz . Ankommen bedeutet sich freuen, an dem Hexenhäuschen im Grünen, natürlich und besonders an eben jener einladenden Freundin, an ihren beiden Kindern, die ich wirklich sehr mag. Und an – tja, und an den Leuten, die dann nach und nach auch eintrudelm und die sie mir in ihrem Garten vorstellt!

Und diese Menschen, dich ich da nun treffe, kenne ich und zugleich eben auch nicht – es sind „Freunde“ aus einer Gruppe in einem von mir und von ihnen heftig frequentierten sozialen Netzwerk, dass mit einem blauen Logo auftritt und recht weit verbreitet ist. Menschen, die ich so gut aus ungezählten Chats kenne, über deren Witze und Sprüche ich gelacht habe, mit denen ich beiläufig und über das Netz in den letzten Monaten und teilweise Jahren irgendwie doch mächtig vertraut geworden bin. Deren Meinung ich schätze, mit denen ich spät am Abend und früh am Morgen auch schon einmal ernste Themen angegangen habe, jedenfalls mit Einzelnen davon. Die – wenn ichs‘ recht überlege – eine ganze Menge von mir wissen. Mit denen ich hemmungslos Quatsch erzählen darf. Mit denen ich locker, sehr locker umgehen kann. Menschen, die mir über die Zeit – das wird mir an diesem Nachmittag ganz plötzlich ganz schön deutlich – sehr wichtig geworden sind, ein ausschlaggebender und nur ungern vermisster Teil Teil meines „halbautonomen halbdigitalen Lebens“ sind! Und von denen ich bisher nur zwei im wirklichen, im „realen“ Leben getroffen habe …

Es wird ein schöner Nachmittag! Wir schnacken, trinken unter einem grossen Baum Kaffee, geniessen selbstgebackenem Kuchen und lachen über viele Witze. Dazwischen immer wider der Blick über den Tisch und das leise Staunen: so also sieht der oder die in Wirklichkeit aus, so bewegt und spricht sie, diese oder jene Macke hat er. Es wird gespielt, ganz „undigital“, so mit Karten und Würfeln und die Zeit verfliegt dabei unglaublich schnell. Wir erzählen, hören zu, machen Witze, ein Rudel Menschen, die sich so und ohne das Netzwerk kaum oder garnicht gefunden hätten. Zwar gibt es bei einigen einen geographischen und „lebensgeschichtlichen“ Zusammenhalt, aber andere sind mehr oder weniger zugelaufen, sehen sich das erste Mal und gehören trotzdem dazu. Viel zu schnell geht der Nachmittag vorbei, ist es Zeit, wider aufzubrechen und der eigenen Wege zu ziehen.

Warum ich das Schreibe und was ich eigentlich sagen will? Nun, mich stören immer die Diskussionen um die angeblichen „Parallelwelten“ in den Social Networks, das Heruntergeputze dieser Foren, meistens durch Leute, die dort selber nicht vertreten sind und alles nur vom Hörensagen kennen. Anstatt dieses Miteinander als Erweiterung analoger Lebenswelten und Chance zu sehen, wird es plattgemacht, abgewertet. Begriffe wie „oberflächlich“ und „inhaltslos“ fallen, die vorgeblichen Gefahren werden umfassend heraufbeschworen und in düstersten Farben beschrieben. Kein Wort über die Chancen, die vielen Möglichkeiten, mit freundlichen und interessierten Menschen in Kontakt zu kommen, Bekannte zu finden, sich auszutauschen und neue Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen. Klar gibt es Auswüchse, klar gibt es Gefahren und sicherlich müsste man Anfängern im Netz zur Seite stehen, damit sie nicht allzuviele Fehler machen. Aber Gefahren beim Kennenlernen neuer Leute gab es immer, auch in einer analogen Welt, keine Frage. Das wird in solch fruchtlosen Diskussionen nur so gerne vergessen.

Ich fand diesen Nachmittag so sehr schön und ich danke den Beiden, die das ausgeheckt haben sehr, was für eine wundervolle Idee! Und ich fühle mich in meiner „halbdigitalen Welt“, die Soetwas erst möglich gemacht hat, sehr wohl und gut aufgehoben. Sind das „Freunde“, wie das Netzwerk sie nennt und was von seinen Kritikern immer wider als die übelste und oberflächlichste Aussage von allen gewertet wird? Ich weiß es nicht. Freundschaft definiert sich für jeden Menschen ganz eigen und hat immer eine andere Bedeutung. Und ich kann ja auch nicht sagen, wie die Anderen in der Runde das sehen. Aber für mich gilt schon: was sonst könnte es sein, wenn man sich ehrlich darüber freut, andere Menschen zu Treffen, zu Sehen, mit ihnen Zeit zu verbringen? Wenn man darüber nachdenkt, wie es ihnen wohl gehen mag. Sich austauscht und Privates erzählt. Seine Macken und Schwierigkeiten nicht verdecken muss, sondern so sein darf, wie man ist. Wenn das keine Freundschaft ist, dann ist das aber – zumindest für mich – verdammt nahe dran!