Dänemark, am Strand, irgendwo weit im Norden im Herbst. Ich mache einige Tage Urlaub, fast alleine. Ruhe rundum, wenige Menschen. Trifft man sich, gibt es ein paar Worte über das Wetter, ansonsten lässt man sich zufrieden. Nach einigen Tagen merke ich am Morgen wie einer meiner Nachbarn mein Auto näher und länger mustert, später am Tag beim Brötchen holen spricht er mich dann an.

„Ich habe diesen Aufkleber auf Ihrem Auto gesehen“, sagt er. „Machen Sie das wirklich?“ Nun habe ich nur einen Aufkleber an meinem Wagen und weiß daher, was er meint. „Hm“, sage ich, „das mache ich wirklich. Interessiert Sie das?“ Er ziert sich ein wenig. „Ich weiß nicht recht“, meint er dann, „immer diese Sterbenden und Toten, macht das nicht depressiv? Sehr speziell, ich glaube, ich könnte das nicht!“ Spricht‘s und verschwindet flugs mit seiner Brötchentüte, wohl in der Annahme, ich könne ihm mehr zum Thema erzählen als er hören mag.

Später am Tag gehe ich am Strand spazieren und lasse mich vom Wind durchpusten. Dabei fällt mir dieses kurze Gespräch ein und so viele andere, ganz ähnlich verlaufenden Treffen mit anderen Menschen an anderen Orten. Was habe ich da nicht schon alles an Reaktionen erlebt! Vom furchtsamen Anstarren beim Erstbesuch in einer Familie und der leisen, bei mir heraufdämmernden Erkenntnis, dass ich gerade für den eintretenden Todesengel gehalten werde, über das gequält-lustige, die Situation ins Lächerliche ziehende Verhalten von völlig überforderten Verwandten bis hin bis zu einem anerkennenden, aber scheuen Blick von der Seite und dem gehauchten Satz „Ich könnte das ja nicht.“

Die allermeisten Menschen, so glaube ich, haben weder eine rechte Vorstellung vom Tod und allem, was damit zusammenhängen könnte, noch von der Arbeit jener, die in irgendeiner Form damit zu tun haben, die Mitarbeiter in einem Hospizdienst eingeschlossen. Für sie ist der Tod und seine Umgebung ein dunkles Land, wer dorthin geht – ja, allein damit zu tun hat – ist, so ihr Eindruck, für die Welt der Lebenden verloren. Den Meisten ist schon klar, dass ein Jeder von uns eines Tages an dieser Grenze stehen wird. Aber bis dahin ist es noch weit, sehr weit und noch viel weiter. Und so wenden sie sich – manchmal verständlicherweise – ab, nehmen nicht wahr, was dort an dieser wortwörtlich letzten Grenze des Lebens geschieht und sind erstaunt, wenn sich dieser natürliche Aspekt jeden Lebens eines Tages überraschend in ihrer Familie, unter den Freunden oder Kollegen, in jedem Falle aber in ihrer Nähe und für sie völlig unvorbereitet und dann auch unausweichlich eröffnet.

Dabei gibt es, zumindest über den Teilaspekt Hospizdienst, gar nicht so sehr viel zu wissen. Eigentlich kommt das Wort „Hospiz“ aus dem Lateinischen, von „Hospitium“, will heißen „Gastfreundschaft, Herberge“. Von dieser Bedeutung ausgehend hat es einen langen Weg gemacht um seine heutige Aussagekraft zu erhalten. Die ehemals so benannten Einrichtungen wurden im Mittelalter von vielen christlichen Orden als Unterstützung für Pilger auf ihrem Weg nach Jerusalem betrieben. Dort, im Hospiz, wurden Pilger und Kreuzritter von den Strapazen des Weges aufgepäppelt, spirituell begleitet, bei Krankheit gepflegt und – da Krankheit in diesen Zeiten weit öfter zum Tode führte als das heute der Fall ist – auch oft genug auf ihrem letzten Weg begleitet. So entstand wohl die Verbindung der beiden Ausdrücke, Hospiz und Tod. Mit dem Ende der Kreuzzüge gerieten diese ersten Hospize in Vergessenheit und wurden, nach vielem Hin und Her und einem langen Weg durch die Geschichte, erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts in London – unter allerdings leicht veränderten Vorzeichen – wiederbelebt. Dort entstand unter Cicely Saunders das berühmte „St. Christopher’s Hospice“, die Keimzelle der modernen Hospizbewegung.

In der heutigen Hospizarbeit ist ein wichtiger Faktor die medizinische und pflegerische Versorgung und hier ganz besonders die spezielle palliative Versorgung der Sterbenden. Die Palliativpflege hat sich in den letzten Jahrzehnten erheblich und zu einem ganz eigenen Zweig der Medizin weiterentwickelt. „Palliativ“, ebenfalls aus dem Lateinischen, steht für „Mantel“ – gemeint ist ein pflegerischer Mantel, der schützend um den Kranken gelegt wird, ohne dass dieser letztendlich von seiner Krankheit geheilt werden könnte. In diesem Bereich arbeiten Menschen unterschiedlichster medizinischer und pflegerischer Fachrichtungen mit dem gemeinsamen Ziel zusammen, dem Sterbenden einen würdevollen Tod und, bis dahin, ein möglichst selbstbestimmtes und schmerzfreies Leben zu ermöglichen.

Und neben all den andern in diesem Bereich Beschäftigten setzt genau hier setzt auch die Arbeit der Hospizmitarbeiter an. Sie wollen da sein, wollen dem Sterbenden und seiner Familie Nähe vermitteln, zuhören. Die Last ein wenig von den Schultern der Angehörigen und Freunde nehmen, ihnen, wenn gewünscht, eine emotionale Auszeit ermöglichen, wenn der Druck des Erlebten und Gehörten zu groß wird. Ein Hospizmitarbeiter ist keine Pflegekraft – er kann und darf solche Aufgaben nicht übernehmen – aber er will vor Ort eine seelische Hilfe sein, den Angehörigen, aber eben besonders natürlich für den Sterbenden.

Immer wieder erleben wir, dass es Dinge zu bereden gibt, von denen ein Sterbender meint, damit dürfe er seine Familie „nicht belasten“. An dieser Stelle ist der Mitarbeiter des Dienstes dann ein Ventil, ein verschwiegener, verständnisvoller Zuhörer, ein Besucher aus einer anderen Welt, außerhalb der eigenen Familie. Das macht ihn zum Ansprechpartner, zu dem Menschen, bei dem man sich von oft seit Jahren vor sich hinschwelender, seelischer Pein erleichtern kann ohne befürchten zu müssen, dass dies unabsehbare Folgen im eigenen, familiären Umfeld hat. Dem seelischem Schmerz Sterbender, und sei er manchmal in den Augen anderer noch so gering zu bewerten, wurde in der Vergangenheit oftmals viel zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet.

Das Abschiednehmen von der Familie, das Unvermögen, mit geliebten Menschen über den eigenen Tod zu reden, die Sorge um die bald Zurückbleibenden belasten den Sterbenden schwer. Der Kummer über Versäumtes, über belastete Beziehungen, die Ungewissheit, „was da nach dem Tod kommt“, das Unvermögen, für erlittene Unbill zu verzeihen, schmerzen oftmals auf eine für einen Außenstehenden kaum zu glaubende Art und Weise. Und dann gibt es da auch die Menschen, die niemanden haben, der bei ihnen ist – das ist gar nicht so selten in der heutigen, mobilen Zeit. Die Familie ist weit fort, niemand ist von den alten Freunden (mehr) da, menschliche Nähe und Wärme auf dem letzten Stück Weg sind gefragt und werden durch den Hospizangehörigen gespendet. Niemand soll alleine sterben müssen, ohne dass – wenn er dies wünscht – eine Hand die seine hält.

Hier bei uns im Bereich Bremervörde-Zeven hat sich aus bescheidenen Anfängen ein inzwischen wirklich großer Hospizdienst entwickelt. Die zur Zeit 50 Frauen und Männer sind in zwei Ortsgruppen gegliedert, die eng zusammen arbeiten. Sie gehen, wenn sie angefordert werden, zu den Menschen, kommen nach Hause, bewegen sich im gewohnten Umfeld des Sterbenden. Sie sind für diesen Dienst intensiv vorbereitet, haben einen mehrmonatigen Lehrgang hinter sich, indem sie das notwendige, persönliche Rüstzeug für diese nicht einfache Aufgabe erhalten haben. Sie haben Praktika absolviert und sich in Gesprächen und Übungen intensiv und soweit möglich auf die Begegnung mit der Grenze des Lebens vorbereitet. Sie bringen den persönlichen Wunsch mit, dem Sterbenden menschlich nahe zu sein, ihm auf seinem schwierigen Weg ein kleines bisschen helfen zu können, Nähe und Wärme zu vermitteln.

Über die Jahre hat sich dieser Dienst entwickelt, hat immer neue und immer mehr ehrenamtliche Mitarbeiter aus- und weitergebildet, hat sich Partner in Medizin und Pflege gesucht, eine eigene Fachkraft für Hospizarbeit ausbilden lassen und als Koordinatorin eingestellt und ist Teil des palliativen Versorgungsnetzes im Altkreis Bremervörde geworden. In dieser Zeit fand die Arbeit des Dienstes eine immer breitere Akzeptanz und Anerkennung bei den Menschen; die Zahlen der Begleitungen stiegen und steigen unaufhörlich und bringen immer neue Anforderungen mit sich. Aus dieser kontinuierlichen Entwicklung resultiert wohl auch das neueste und sicherlich größte Projekt, an dem der Hospizdienst gemeinsam mit seinen Partnern beteiligt ist, der Errichtung eines modernen, stationären Hospizes in Bremervörde, zusätzlich zu dem bestehenden, ambulanten Angebot.

Doch zurück zu dem kurzen Gespräch in Dänemark. Die Frage, die dabei im Raum stand, ist ja folgende: wie kommt man dazu, eine solche Aufgabe zu übernehmen? Und warum sollte man das tun? Das ist etwas, worüber ich schon häufiger mit Leuten gesprochen habe und die mir und auch anderen im Dienst schon oft gestellt wurde. Sie ist ein wichtiger Bestandteil in unserer Ausbildung und wird dort umfassend mit neuen Mitarbeitern besprochen. Und sie ist eine Frage, die ich mir natürlich zu Beginn meines Dienstes auch selber gestellt habe. Und wahrscheinlich, so nehme ich jedenfalls an, hat jeder eine andere Antwort dafür parat.

Ich, für mich, habe nach einer Aufgabe gesucht, in der ich meinen Mitmenschen ein Stück von der Hilfe zurückgeben konnte, die mir an einer ganz anderen Stelle und als ich in Not war, ganz selbstverständlich und ohne Gegenleistung zu Teil wurde. Es war dann Zufall und einer Freundin zu verdanken, dass ich den Hospizdienst als Aufgabenfeld wählte, ein Glücksfall, wie sich später für mich herausstellte.

Was die wenigsten sich vorstellen können: es geht nett und lustig zu bei uns, jedenfalls meistens. Das hat mit der Offenheit untereinander zu tun, die schon während der Ausbildungszeit entsteht, und mit dem wahrlich nicht einfachen Thema. Ich muss mich in den vorbereitenden Gesprächen weit öffnen, viel von meinem innersten „Ich“ preisgeben, über meine eigenen Ängste, Hoffnungen und Erwartungen im Angesicht des Todes sprechen. Das schafft Vertrautheit, eine wissende Lockerheit im Umgang miteinander, ein sehr vertrauensvolles Verhältnis. Die Arbeit im Hospizdienst hat meine Einstellungen zu vielen Dingen schon sehr verändert, hat mich Distanz zum manchem und die Wertschätzung der „kleinen Dinge“ gelehrt.

Hospizarbeit ist, und ich kann immer nur für mich sprechen, Arbeit bei den Menschen, am Menschen. Nähe und Ehrlichkeit ist am Sterbebett gefragt, Authentizität, oftmals das gemeinsame Nachdenken, nicht die großen Worte und Antworten. Es ist ein leiser, oft mühsamer Dienst für den Nächsten, nichts, wo sich Ruhm, Ehre oder Aufmerksamkeit erhaschen ließe. Manchmal begleiten wir Menschen nur wenige Stunden, eine Verständigung ist nicht mehr möglich. Wir sitzen schweigend am Bett und ich bin überzeugt, dass der Sterbende meine Nähe, meine Zugewandtheit spürt und diese zu schätzen weiß auf dem letzten Stück Weg. Manchmal hingegen begleiten wir Menschen über Monate oder länger, dann entsteht in den unzähligen Gesprächen oftmals eine große Nähe, die den eigentlich für uns notwendigen Abstand schrumpfen lässt und den Abschied auch für uns immer schwieriger und emotionaler gestaltet. Dabei gibt es Situationen, die mir die Tränen in die Augen treiben und zutiefst betrüben, die ob der Verzweiflung im Angesicht des Todes kaum auszuhalten sind. Und es gibt wunderbare Momente, voller Lebensfreude und voller Erfüllung, wenn ein Mensch das Ende seines Lebensweges erreicht, auf ein wunderbares, volles Leben zurückschauen und sich daran freuen kann, wenn sich noch einmal Menschen treffen, die vielleicht so lange nichts miteinander zu tun hatten.

Und noch eine Erkenntnis habe ich gewonnen, die für die lebenden Menschen von großer Wichtigkeit sein sollte. Es sind nicht die großen Dinge, die einen Menschen am Ende seines Lebens bewegen. Die wohl elementarste Frage, die immer wieder zur Sprache kommt und die vor allen anderen Dingen im Leben rangiert ist etwas ganz Einfaches: Wen habe ich geliebt und wer liebt mich?