Drei Tage Fortbildung. Ich hab es so gewollt. irgendwann jedenfalls. Weit im Süden, Ein kleines Nest irgendwo in der Ecke von Duderstadt, hart an der Grenze zum Nirgendwo. Harzrandgebiet, strukturschwach und menschenleer seit jeher, viel Landschaft. Sehr viel Landschaft. Sonst nix.

Eine lange Anreise, ein Haufen Chaoten unterwegs auf den Autobahnen. Hinter mir hirnlose Raser die drängeln. Vor mir schleichende Deppen an denen ich nicht vorbeikomme. Der Einzige, der hier richtig fährt, bin sowieso ich. Es nervt. Es regnet. Am Harzrand lösen sich mordgierige Lastwagen mit dicken Regenschauern ab, manchmal habe ich es mit Beiden zusammen zu tun. Alle fünf Kilometer Alarm vom Navi, es kommt mal wider eine Blitzanlage, dieses moderne Äquivalent zum Raubrittertum vergangener Jahrhunderte. Hockten damals diese Bösewichter in ihren finsteren Burgen hoch oben auf den Bergen, lagern sie Heute in den Rathäusern Links und Rechts der Strasse und raffen mit gierverzerrten Gesichtern und unter schäbigem Gelächter ihre Beute zusammen …

Drei Stunden später lässt der Regen nach. Ich schnurre die Hügel hoch, auf der anderen Seite wider runter. Hübsch. Nächster Hügel. Hmtja. Noch’n Hügel. Es reicht. Und noch so’n F….hügel! Noch einer. Und noch einer. Und … verdammt, hört das denn nie auf? Nach geschlagen vier Stunden und zwanzig Minuten rolle ich total entnervt vor unsre Fortbildungslokalität, stelle den Motor ab und hätte sicherlich auf der Stelle und aus Wut ein Stück aus dem Lenkrad gebissen, wäre ich mir nicht allzuschmerzlich der Zustandes meines Gebisses bewusst und wüsste ich nicht, was eine solche Tat im Affekt für Folgekosten zeitigen würde. Kurzum, ich habe die Nase voll, keine Lust mehr und will auf der Stelle nach Hause und auf mein Sofa! Sch….fortbildung. Und überhaupt!

Und dann stehe ich im Flur und nach und nach trudeln die Leute ein, die ich vom Januar, als der erste Teil der Veranstaltung stattfand, schon kenne. Die lustige Viertruppe aus dem fernen Friesenlande. Eine Koordinatoren aus einer Gruppe vor den Toren Hamburgs, mit wunderbar trocknem Charme gesegnet und ihrer „zweite Frau“, einer mehr als gewitzten und mit allen Wassern gewaschenen Ehrenamtlichen, wie gehabt immer einen knappen Meter hinter sich im Schlepp. Die Zurückhaltende, die soviel zu erzählen hat, wenn man mit ihr erstmal warm geworden ist. Die lächelnde Gemütliche mit dem grossen Herzen für ihre Begleitungen und den Problemen mit ihrer Gruppe. Die Referentinnen, die mit ihrem für all den angeschleppten Krempel viel zu kleinen Auto angehobelt kommen und immer noch eine und noch eine Tasche aus dem Gefährt ziehen. Die kleine Dunkelhaarige aus dem tiefsten Westen mit der gewaltigen Energie, die eine Stunde später kommt und irgendwas von „verdammt verstopften Autobahnen“ murmelt, dann entwaffnend grinst und meint, sie sei aber ganz entspannt. Und irgendwie geht bei mir in diesem Moment so ein wenig die Sonne auf, fange ich mich trotz meines ramponierten Nervenkostüms zu freuen an, auf die Veranstaltung, aber besonders auf diese Menschen!

Und so wird es dann auch gut. Das Thema ist Gruppenleitung und, ach, hier klaffen beim Autor doch gar manch Defizite, so war es im vergangenen Jahr in Gruppe und mit Kollegin nur zu deutlich zu spüren – daher auch die selbstkritische Anmeldung zu diesem Lehrgang. Zu lange her die Basics und, da aus seeligen Seefahrtszeiten stammend, möglicherweise für heutige Zeiten auch zu – ja, was eigentlich? Zu straff? Im Ton nicht verbindlich genug? Von einem Mann stammend und daher in einer bisher fast reinen Frauengruppe von Haus aus suspekt? Oder aber in einer solch anderen Vorstellungswelt zu Hause, möglicherweise von den Zeiten überholt, sodass da eh nicht zu machen sein wird? Auch um das herauszufinden bin ich hier.

Wie auch immer, das Geschehen nimmt seinen Gang. Ich höre viel, kupfere fleissig Ideen ab und schreibe Seiten mit zukünftigen Gruppenabendabläufen voll, die ich mir als gut vorstellen könnte. Die Wohlgefallen finden könnten. Die ich mittragen kann. Sortiere. Verwerfe reichlich, alleine schon aus der Sicht als Mann, irgendwie scheine ich bei manchen Dingen doch – vielleicht genetisch bedingt – voreingenommen. Man möge mir verzeihen. An das meditative Tanzen werde ich mich trotz reichlicher Versuche nie gewöhnen und, nein, ich werde es auch mit ganz viel „goodwill“ nicht freiwillig in meine Abende einbauen. Da bin ich eigen. Verstockt. Und irgendwie bin ich gemeiner Weise erfreut, wenn ich höre, dass es woanders hier und da auch nicht klappt, der Umgang untereinander auch nicht spannungsfrei ist, die Vorstellungen um das Miteinander aufeinanderprallen. Das beruhigt. Nicht, weil es die Anderen trifft. Eher, weil es beweist, dass ich nicht alleine bin. Wenn die sonst so taffe Koordinatorin aus dem Norden sich mehrmals nachdenklich das Wort „Konsequenzen“ auf der Zunge zergehen lässt und dann seufzend hinterherschickt: „Ach ja, daran werde ich arbeiten müssen …!“ ( Recht hat sie, wer nicht? ) Wenn ich in Gesprächen am Rande mitbekomme, wie auch andere sich einen Kopf darum machen, die Waage zwischen der Aufgabe und dem Wohlergehen der ( freiwilligen ) Mitarbeiter irgendwie ausgeglichen zu halten, ohne zu sehr in die eine oder andere Richtung zu tendieren. Oder wenn es um das Zusammenarbeiten zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen geht, nur allzuoft ein rotes Tuch und Quell fröhlichen Ärgers.

Last but not least, es waren gute drei Tage. Der fachliche Inhalt knackig und mit vielen gut verwendbaren Vorschlägen. Der inoffizielle Teil, die Gespräche untereinander, wichtig wie schon lange nicht mehr, echtes Balsam und eine Hilfe bei den Überlegungen zur Neupositionierung. Mitgenommen habe ich einen Haufen Dinge, die ich ausprobieren möchte und die Erkenntnis, das es auch einen Weg außerhalb von Gruppenleitung geben kann. Möglicherweise den Schritt zurück in die zweite Reihe um wider mehr und intensiver wirklich „am Menschen“ und in den Begleitungen zu sein. Möglicherweise etwas ganz Anderes. Neues. Interessantes. Wir werden sehen.

Und die Rückfahrt war speziell. Nur, um es zu erwähnen. Vier lange Stunden mit Deppen und Stau auf der Autobahn. Und als ich endlich zu Hause war, hätte ich sofort ein Stück aus dem Lenkrad … siehe halt oben. Hatten wir das nicht schonmal?