Ich lebe in einer Gegend, in der mir die Elbe den Weg nach Norden verlegt. Sprich, will ich in das benachbarte Schleswig-Holstein muss ich irgendwo über den Fluss.

Ein schöner und meistens interessanter Strom, ich mag ihn sehr. Wunderschöne Natur, einen Hauch von Weite kann man hier finden. Daneben riesige Schiffe und moderne Technik. Beim Reisen jedoch ist er eben ein Hindernis und meine heimatliche Ausgangsposition legt eine Querung bei Hamburg (schnell) oder bei Wischhafen (geruhsam) nahe.

Über Hamburg brauche ich nicht reden, jeder reisende Norddeutsche wird schon einmal leise ( oder lauter ) fluchend vor einem verstopften Elbtunnel gestanden oder andere nette, verkehrstechnisch begründete Kalamitäten im Zusammenhang mit der grossen Stadt erlebt haben.

Die Alternative ist die Elbfähre bei Wischhafen. Schon die Anfahrt ist anders. Über Landstrassen geht es durch recht leeres Land bis zum Landepunkt. Hafen wäre übertrieben, eine Betonrampe irgendwo im Nirgendwo des Vordeichlandes muss ausreichen. Hat man Pech, hatten viele andere Menschen auch die Idee, hier über den Fluss zu setzen. Eine Stunde Wartezeit ist hier keine Seltenheit. Es darf auch gerne mal ein bisschen mehr sein. Ist es dann endlich soweit fährt man, vom Personal eingewiesen, die bei Ebbe recht steile Rampe hinunter und mit metallischem Gerumpel auf das schon recht betagte Fährschiff. Ein Berufsschiff, ein Arbeitstier des Flusses – alles stark gebraucht und durch seemännische Hand mit Roststecher und Farbeimer betriebsbereit und sicher gehalten. Nichts Neues, aber mit dem professionellen Charme des Verlässlichen. Legt das Schiff ab, beladen mit einer Batterie Autos, Lastwagen und den auf diese Route obligatorischen Campern, steht eine halbstündige und je nach Wetter möglicherweise sogar leicht rauhe Seefahrt bevor.

Und jetzt passiert Geheimnisvolles. Eine nicht unerhebliche Anzahl der Fahrgäste verschwindet schlagartig unter Deck. Dort, in den nach Diesel duftenden Tiefen des Schiffsbauches, dort, wo die Maschine in all ihrer dumpfen Lautstärke zu hören ist und wo freundliche Resopaloberflächen Wände und die mit dem Boden verschraubten Möbel beschichten, ausgerechnet dort wird den reisenden Gourmets an einem kleinen Tresen eine der besten Bockwürste Nordeutschlands feil geboten. Die in Geheimsprache vorgetragene Bestellung („twei Wuast, abba fex biddä!“) zaubert blitzschnell eine umweltverträgliche Papplatte mit dem gewünschten Genuss vor einen hin, kombiniert mit einer etwas traurig wirkenden Toastscheibe und einem ordentlichen Klacks Senf daneben.

Ich bin nie so ganz genau dahinter gekommen, was den Kultstatus dieser Wurst ausmacht. Sie schmeckt, keine Frage. Und es ist tatsächlich ein gutes Würstchen, auch, wenn der Preis – nun, sagen wir mal – „happig“ ist. Aber das alleine kanns beim besten Willen nicht sein. Vielleicht die „schiffige“ Umgebung, der Dieselgeruch? Das freundliche Ambiente handgesägter und wider und wider gescheuerter Resopalplatten? Die nonchalante Art der Bedienung, die arme Wurst leicht gelangweilt auf die Pappunterlage zu klatschen um sie dann mit einer fliessender Bewegung über den Tresen zum Endverbraucher zu schieben? Oder ist es das Gefühl, auf Reisen zu sein und auf eine warme Mahlzeit schon aus Sicherheitsgründen im Angesicht der noch zu erwartenden Abenteuer nicht verzichten zu können?

Letztlich ist es wohl egal. Eines ist jedenfalls für jeden halbwegs Einheimischen und für erfahrene Reisende auf dieser Route gleichermassen und völlig klar: Elbfähre ohne Wurst geht nicht! Aber mal so überhaupt und garnicht! So issas!