Es gibt seltsame Geschichten, die das Leben schreibt und deren Merkwürdigkeit einem erst später klar wird. Eine davon möchte ich gerne erzählen. Es ist gut zwei Jahre her, als sich eines Abends bei mir die damals eigentlich unbekannte Freundin einer Freundin meldete. Sie nahm über ein „social network“ mit blauem Logo mit mir Kontakt auf und bat um Unterstützung bei der Begleitung einer erkrankten Freundin von ihr. Und so begann die wohl seltsamste und merkwürdigste meiner bisherigen … ja, was war es eigentlich? Eine Begleitung?

Die an einem bösartigen Hirntumor erkrankte Freundin in einer weiter weg liegenden Stadt habe ich selber nie kennengelernt. Mit meiner Freundin hier, jener Freundin der Erkrankten in Hamburg und der Tochter der Erkrankten vor Ort und nahe bei ihrer Mutter habe ich meistens gechattet oder – später – am Telefon gesprochen. Auch mit dem Hospiz in der Stadt, Ärzten, Krankenhaus und ambulantem Hospizdienst dort vor Ort habe ich nur telefonisch zu tun gehabt. Manchmal war es eine leicht surreale Situation, eine Begleitung und Unterstützung aus zweiter, aus elektronischer Hand, mal intensiver, oft etwas lockerer, so nahe wie die Anderen kam ich nie.

Es war für alle Beteiligten wohl keine einfache Zeit, denn so sehr das Internet die Verbindung über die Distanz erleichterte, so sehr barg es auch die Gefahren des Nicht- oder Falschverstehens, geboren aus dem immer neuen Interpretieren eines schnell geschriebenen Wortes. Dazu die Erkrankung, die einen Menschen auf für die Vertrauten oft so grausame Weise verändert und fremd werden lässt.

Im vergangenen Sommer ist die Kranke dann an ihrem Tumor gestorben und ja, ihre Freundin aus Hamburg und auch die so wunderbar starke Tochter dort in der Stadt habe ich inzwischen in der wirklichen, der „nichtelektronischen Welt“ kennen und schätzen lernen dürfen. Wunderbare Menschen die sich, wie auch meine Freundin hier vor Ort, in so selbstloser Art für ihre Freundin und die Mutter eingesetzt haben!

Diese Freundin in Hamburg ist zugleich ein Mensch, der dem geschriebenen Worte zugeneigt ist und so betreibt sie einen, wie ich finde, sehr lesenswerten Blog unter dem hübschen Pseudonym „Candy Bukowski“. Dort hat sie vor einigen Tagen einen sehr anrührenden Text zu dieser Zeit, dem Hoffen, Bangen, der Berg- und Talfahrt der Gefühle und ihrem ganz persönlichen Erleben geschrieben. Und eben weil ich diesen Text für so lesenswert halte, möchte ich ihn euch gerne vorstellen …

Eigentlich habe ich sie erst an ihrem 50. Geburtstag ein wenig näher kennengelernt. Vorher war das recht unverbindlich, man sah oder las sich mal, in meinen Augen fiel sie eher unter etwas naiv, ein viel zu kleines Mädchen in einem viel zu großen Frauenkörper, das zu viel träumte und zu wenig lebte. Wie man eben oft so in Schubladen steckt, um eine gewisse Ordnung zu halten.

Sie feierte ihren Geburtstag grundsätzlich nie und wirkte etwas alleine, deshalb habe ich sie zu mir nach Hamburg eingeladen, wir könnten ihn ja auch zusammen nicht feiern. Das fand sie gut. Sie kam. Und wir hatten ein nettes Wochenende, mit einem uneingepackten, kleinen Geschenk, weil es ja nichts zu feiern gab und erzählten uns ein wenig rund um die Alster.

In manchen Dingen blieb sie mir seltsam, ich steckte sie um, von der Naiv- in die Hartschublade. Von dort in die unausgegorene Erwartungshaltung, ich konnte ihr tatsächlich nicht folgen, bei ihrem wortstarken Krieg gegen ihren Exmann, den sie dafür verantwortlich machte, seit ein paar Jahren arbeiten zu müssen, trotz 13jähriger Tochter. Und für all das ungelebte Leben seitdem.

Das war ihr bestimmendes Thema, ein ganz großes. Dass irgendwann etwas scheiterte und die Dinge seitdem nicht mehr zueinander passten. Und seit sie nicht mehr passten, würfelte sie all dies nicht mehr Passende in ihrem Kopf herum. Fern dieses Würfelns war sie aber ein sehr liebenswerter und zarter Mensch, mit liebenswerten und zarten Träumen, von Glück und Selbstständigkeit und Helfen und Tun. Ich begann sie zu mögen.

Ein paar Wochen später redete sie von einer Sekunde auf die andere wirres Zeug und kippte um. All das Gewürfelte, war zu einem gigantischen Tumor in ihrem Kopf geworden und bestand auf Aufmerksamkeit.

Wenn sie Angst hatte, dann konnte sie diese damals sehr gut verstecken. Es musste eben herausgeschnitten werden, das Gewürfelte, und das sehr schnell, da machen wir jetzt kein großes Brimborium drumherum.

Aber um sie herum gab es nur einen viel zu alten Stiefvater und eine viel zu junge Tochter und da bin ich zu ihr gefahren. Wir könnten ja auch gemeinsam kein großes Brimborium um die Kleinigkeit machen, die es eben zu erledigen gab.

Ein Kopf ist nicht dafür gemacht, ihn aufzumeiseln und Gewürfeltes herauszuschneiden, immer knapp an den Zentren vorbei, die uns sprechen, sehen, hören, fühlen, denken lassen. Er ist nicht dafür gemacht und deshalb rächt er sich mit unmenschlichen Schmerzen und unmenschlichen Ausfällen und einem Kampf ums existenzielle Überleben, dass Dir bereits beim Zuschauen Angst und Bange wird.

Zu diesem Zeitpunkt waren wir noch ein recht gutes Team in Motivation und nach vorne Schauen und dem ganzen Krempel, den man so tut, im Versuch die Augen zu verschließen vor allem, was wir nicht sehen möchten. Normalität im unaussprechlichen Wahnsinn ist manchmal eine Tasse Tee, eine bestellte Pizza, ein Spaziergang – ganz langsam – durch den Park, die Suche nach einer toll aussehenden Strickmütze für den nackten Schädel. Ein Lachen. Wenn es kaum was zu lachen gibt.

Ich habe versucht, ein guter Freund zu sein, aber ich bin irgendwann daran gescheitert, als ich mir das Denken nicht mehr verkneifen konnte und langsam damit begann, ihr in den Rücken zu fallen. Hinter diesem mit ihrer Tochter über den Tod zu reden, ein paar wenige Menschen zu suchen, auf deren Schultern verteilt, das Nichttragbare zu tragen sein könnte. Einen Hospizplatz zu finden. Wie erbärmlich einsam stirbt Mensch in einem Krankenhausflur.

Sie hat in der selben Zeit um sich gekämpft. Mit einem solch elementaren Egoismus, wie er wohl nur in Hop oder Top Situationen möglich sein kann. Dann wenn Alles oder Nichts, morgens Dein erster und Nachts dein letzter Gedanke ist. Und einfach kein Platz mehr existiert, für irgend ein dummes, banales Gefühl, das unsteht im Wind baumelt und morgen schon wieder ein anderes sein kann.

Ich war kein guter Freund, nicht blind genug in der Sicht der Dinge, in denen sie gerne Unterstützung gehabt hätte. Ich habe irgendwann nicht mehr zugesprochen, sondern im besten Fall geschwiegen. Zu ihren Hasstiraden auf die Ärzte, die dazu raten, nur noch schöne Dinge zu tun. Zu ihrer Überzeugung, den Krebs auszuhungern und sich selbst dabei in Luft aufzulösen. Zur Heilung mit elektromagnetischen Impulsen, die was auch immer wieder ins Gleichgewicht bringen. Zu ihrem wortgewaltigen Pfiff gegen ein Hospiz, weil dort Gottverdammt nur halbtote Menschen hingehören, die nichts mehr zu erwarten haben, vom Leben. Bei ihren verschrobenen Gedanken und Vorwürfen gegen ihre Tochter, weil ein Monster im Kopf sich auch durch die frisst, die wir lieben.

Nein, ich war ihr nicht der Freund, den sie gebraucht hätte.

Dabei hätte jeder den Anspruch auf einen Freund, der am Schluß alles mitträgt, was Herz und Kopf befehlen, egal wie verwirrt beide auch sein mögen. Ich habe mich auf die Seite der Lebenden geschlagen. Das war billig. Und zum Ende hin, habe ich mich nicht ungern von ihr wegbeißen lassen. Weil Du zum Schluß einfach keinen mehr brauchst, der nicht zu 1000 Prozent aufrecht an Deiner Seite steht. Und weil es so verdammt anstrengend ist, an solch einer Seite zu stehen.

Sie hat die Zeitrechnung der Ärzte Lügen gestraft.

Halb verhungert länger durchgehalten, als jede Statistik ihr zugestand.

Sie hat auch ihren 51. Geburtstag nur erlebt, nicht gefeiert.

“Es dauert noch”, sagten sie Schwestern zu mir am Telefon. “Sie ist noch zu wütend. Der Mensch kann erst gehen, wenn er seine Wut aufgibt.”

Sie war noch etliche Tage wütend, dann ist sie gestorben.

Nein. Jetzt nicht auf den letzten Sätzen schonen, Candy.

Sie ist einsam und verwirrt in einem kargen Krankenhauszimmer langsam verreckt. Und wurde Wochen später ohne irgendeine Zeremonie lieblos in der vereisten Erde verscharrt.

Beim Verscharren war ich dabei und habe mich anschließend zwei Tage betrunken. Das hätte ihr vermutlich nicht gefallen. Sie selbst trank nur Salbeitee und träumte davon, noch einmal geliebt zu werden.

Bitteres Gesöff. So ein Salbeitee.

*grüß mir die Sterne, Christine*

Candy Bukowski

Das Copyright zu dieser Geschichte liegt ausschließlich bei Candy Bukowski und ich danke ihr für die Erlaubnis, sie hier weitergeben zu dürfen! Und hier gehts zum Original und noch zu viel anderem, lesenswerten Stoff: http://candybukowski.wordpress.com/2013/08/31/all-das-gewurfelte/