Fortbildung im Hospizdienst. Ein Wochenende soll es sein, wie jedes Jahr. Nicht, dass ansonsten nicht fortgebildet und reflektiert würde, aber einmal im Jahr ist gemeinsames Wegfahren angesagt, zusammen irgendwo Anders sein, tagsüber Lernen und an den Abenden rotweintrinkenderweise Kontakte pflegen und „Miteinandersein“. Das ist wichtig. Und nicht zu unterschätzen. Beides eben.

Bei der Vorbereitung ist es dann immer so ein Thema mit dem Thema. Die Referentin: diesmal keine Frage, sie lief uns an anderer Stelle und Fortbildung über den Weg, bestechend durch Inhalt & Art, kompetent & geradlinig, mehr oder minder vom Fleck weg verpflichtet. Ort und Zeit sind auch – na ja – verhältnismässig schnell gefunden, ein Thema nicht. Also überlegen. Was hatten wir die anderen Jahre? Was liegt möglicherweise „obenauf“? Was gab es lange nicht mehr?

Letztlich dann ganz schwerer Stoff. „Lebensbeichte“. Entstanden aus eigenem Erleben. Was ist eigentlich eine Beichte? Wo kommt sie vor? Wie gehe ich damit um? Einfallen tut einem dazu normaler Weise katholisches Brauchtum, aber auch bei den Evangelen gibt es sie. Nein. Doch, schon mal gehört, nein, glaube ich nicht, darf ich sowas überhaupt … ah ja. Also los. Je tiefer der Einstieg in der Vorbereitung, die Suche nach Antworten, desto mehr Fragen tun sich auf. Passt also, das Thema.

Freitags Mittags gehts los, grosser Reisebus, zwei Stunden zu früh, für letztlich nur 23 Peoples. Ärgerlich, sowas. Geplant war weit mehr. Mitarbeiter haben wir genug, aber dann trotz langer Anlaufzeit das Übliche: keine Zeit, Geburtstag bei Schwiegermutter, der Hamster krank, das Telefon geht nicht, in Afrika ist Muttertag. Was auch immer. Tja. Iss wie's iss. Alle Mitfahrenden sind fast pünktlich, erstaunlich, vielleicht half auch der alte Trick die Abfahrtszeit eine viertel Stunde „vorzuverlegen“, wer weiss.

Reise über Land, die Autobahn ist zu. Ankommen, eine Hügelkette westlich von Hannover, ich bin immer wider gerne hier. Ein altes, recht gemütliches Haus, in den 80'ern, als noch Geld da war, aufwendig renoviert. Die Kirche daneben hat über 900 Jahre auf den grob behauenen Natursteinen, ein alter Platz also und voller Geschichte für den, der sie spüren mag. Zimmer verteilen, doch, klappt, dann Abendbrot, die Referentin fliegt ein, leicht angenervt ob der auch für sie verstopften Autobahn. Dann, am Abend, noch eine Stunde den Einstieg in das Thema. Worauf lassen wir uns da eigentlich ein? Was erwarten wir? Was erwartet uns? „Lebensbeichte“, muss die eigentlich durch Glauben inspiriert sein? Ist der Lebensrückblick, ein Art Lebensresume gemeinsam mit einem anderen Menschen auch so etwas wie Beichte, eine weltliche „Lebensbeichte“ vielleicht? Und wie „steuere“ ich ein solches, wohl einzigartiges und unwiderholbares Gespräch, wenn es denn dazu kommen sollte? Darf ich sowas überhaupt? Und, die wichtigere Frage, traue ich es mir zu? Eine echtes Gebirge an Fragen, wenn man es sich recht überlegt, dazu die Aufgabe für die Nacht, gestellt von der Referentin: „Meine Aufgabe in dieser Welt ist …“. Auch nicht schlecht, das klärt sich nicht mal eben. Danach gehts zum Miteinander, Gesprächen, Gemütlichkeit, die gestellte Frage rumort irgendwo im Hinterkopf.

Viel zu schnell der nächste Morgen. Je eher dabei, desto später davon. Frau Referentin verkünden absprachengemäß ein knackiges Tagesprogramm, einschließlich eher knäpplich geschnittener Pausenzeiten und glassklarer Arbeitsregeln. Und ehe sich noch jemand so richtig darüber erschrecken kann, gehts auch schon los. Es mangele an mancher Stelle am theoretischen Unterbau, das hat sie nach dem Studium der Vorlagen beschlossen, und eben diesen gibt es jetzt knüppeldicke und im Schnelldurchgang nachgereicht. Im Eilschritt geht es durch Begrifflichkeiten, Zusammenhänge, eigenes Denken ist angesagt, Fragen sind zu erörtern die sich so im „normalen Leben“ eher selten stellen oder denen man – nur zu gerne – aus dem Weg geht. Standpunkte werden gesucht, die Frage nach dem “ was darf man eigentlich“ taucht auf und wird stückchenweise und nicht ohne Widerstände zerlegt. Bekanntes, aber auch erstaunlich Neues kommt zu Tage, muss verdaut werden, wird hinterfragt, wird langsam verinnerlicht. Dazwischen kurze Pausen, neue Anläufe, Kopfschmerzen, Fragen. Irgendwann gegen Abend neigt es sich dem Ende zu, nichts geht mehr, die Köpfe sind voll, auch die Referentin wirkt leicht erschöpft, unzufrieden mit dem Gesamtergebnis ist aber keiner. Fragerunde. Alle alles geschnallt? Klar doch, was 'ne Frage, wie war das doch gleich nochmal? Die Zuhörer wanken Richtung Essen und Verdauung, auch geistiger, sie klettert in ihr Auto um gen Heimat zu fahren und um dann dort noch ein größeres Fest am nächsten Tag vorzubereiten. Respekt, aber wirklich.

Ein weiterer netter Abend, konditionsbedingt und nach der Tageserfahrung ein wenig kürzer als am Abend zuvor. Am folgenden Sonntagmorgen dann Nachlese, noch einmal intensive Gespräche über Gelerntes, Erkanntes und nicht so ganz Verstandenes. Ein wenig Zeit für Luft und Spaziergang, Mittag, dann geht es zurück. Diesmal Autobahn, ja, einschliesslich des obligatorischen „zähen Verkehrs“, erträglich im geräumigen Reisebus. Unterwegs Leute absetzen, Ankommen, Klamotten und Material entladen, home again.

Tür zu, Kaffee kochen, Sessel, Ruhe. So viele nette und interessante Leute, aber so viele auf einmal und über Tage, ich bin es einfach nicht mehr gewohnt. Das war meine Dosis Nähe für zwei Wochen. Und das Arbeiten und Verstehen: Anspruchsvoll, ich hab es mit reichlich Kopfschmerzen bezahlt. Aber große, große Klasse, es hat mich inhaltlich wirklich weiter gebracht. Andere auch, das Gefühl hatte ich jedenfalls. Jetzt Relaxen, mitgenommene Sachen wider in der Wohnung verteilen, blitzschnell sieht's aus wie auf dem Schlachtfeld. Aufräumen also, aber nicht zu weit wegräumen. Wozu auch, übernächste Woche gehts wider los. Mit einer anderen Gruppe. Lehrgangsabschluss. Gut wird es werden. Und bis dahin kann ich auch wider auf Menschen …