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Sonntagabend. Das Wochenende ist rum. Es war das Abschlusswochenende unseres diesjährigen Hospizlehrgangs. Und ich bin geschafft. Und sowas von zufrieden.

Verbracht habe ich es mit einem Haufen ganz besonderer Menschen in Glückstadt, in einer Jugendherberge. Das klingt – ich gebs zu – erstmal nicht so besonders toll. „Jugendherberge“ hat so einen Beigeschmack, riecht nach Schlafsaal, Dusche auf dem Flur und um 10.00 Uhr Schlafen. Dem ist hier nicht so – ein Neubau, wunderschön gelegen am alten Hafen, mit freundlichem Personal mit einem Faible für uns alten Knacker. ( Warum ist klar: wir machen nicht soviel Trouble wie die Jugendgruppen. Jedenfalls meistens. ) Einziges Manko in meinen Augen: die „hähnchenlastigen Küche“. Ok, die Viecher sind – ich gebs zu – nicht gerade mein Ding. Aber ich hab sie überlebt. Und das ist doch auch schon mal ein Erfolg.

Die eigentliche Story: Acht Frauen und drei (!) Männer haben ein halbes Jahr lang viele komplette Samstage für diesen Lehrgang geopfert. Dafür, um in Zukunft als Freiwillige Sterbende begleiten zu dürfen, ehrenamtlich und ohne Entgelt, versteht sich. Sie haben nicht nur Hobby, Freizeit und Ruhe nach einer harten Woche hintenangestellt, sondern oft auch Kinder & Familie. Haben sich einem unglaubliche schwierigen Thema gestellt, die eigenen Bedenken bekämpft, mit den eigenen Ängsten gerungen. Denn: wer hätte die beim Thema „Tod“ nicht? Haben sich in der Gruppe mit dem Thema beschäftigt, es von den verschiedensten Seiten beleuchtet. Sind schlauer geworden. Haben neue Fragen gefunden. Neue Zweifel. Haben aufgeben wollen und weitergemacht. Haben im Praktikum erlebt, wie Heime – Pardon: Seniorenresidenzen – von Innen aussehen. Und funktionieren. Oder auch nicht. Wie mit dem allgegenwärtigen Tod vor Ort umgegangen wird. Oder auch nicht. Haben sich in den „Vertiefungskurs“ gewagt und alle Fragen noch einmal – und diesmal sehr viel persönlicher – durchgearbeitet. Haben sich Gedanken um den eigenen Tod gemacht. Sich erschrocken. Sind den eigenen Ängsten begegnet. Haben Fragen gestellt. Sich. Den Anderen. Haben Vertrauen zueinander gefasst. Viel Vertrauen. Haben die Dinge miteinander probiert, besprochen, geordnet und für sich sortiert. Haben sich – besonders und gerade am Ende des Lehrganges – persönliche Dinge gesagt, die man sich sonst nicht so sagt. Die belasten. Sehr sogar. Für die man Kraft braucht. Unglaublich viel Kraft. Gemeinsame Kraft. Haben erkannt, dass das nur ein Anfang ist. Das man weiter arbeiten muss. Es aber ein guter, wirklich sehr guter Anfang ist.

Das Wochenende war der Abschluss. Eine „Stauparty“ auf dem Hinweg an der Fähre. Nicht mehr ganz so viel Stoff, dafür Zeit miteinander, auch die Abende. Ein wenig miteinander sprechen, feiern, einen guten Wein oder Whiskey trinken, Reden, auch einmal über andere Themen. Den Tod als Dauerinhalt ein wenig beiseiteschieben, wenigstens mal eine Weile. Sich freuen an dem gemeinsam erreichten Ziel, an den vielen Fragen, die man zusammen besprochen und zu ergründen versucht hat. Ruhe einkehren lassen, bevor man in die wirkliche Begleitung geht.

Dazu Gratis ein wundervolles Wetter, zwar nicht wirklich warm, aber trocken und sonnig. Und eben diese kleine, gemütliche Stadt, für die auch ein bisschen Zeit blieb … so war es geplant und so war es dann auch.

Ab Morgen, ab Montag ist dann alles anders. Klingelt dann das Telefon und die Koordinatorin des Dienstes meldet sich, ist es „der Ernstfall“. Klingt wahnsinnig militärisch, ist aber überhaupt nicht so gemeint. Kommt dieser Anruf – und er kommt über Kurz oder Lang ganz sicher – dann werden sie in ihre erste, eigene Begleitung gehen und sie werden es gut machen, ich weiß das und bin überzeugt davon. Nicht, weil sie „Fachleute für Tod & Sterben“ sind, wie mancher manchmal zu glauben scheint, nein, weil sie sich über das Thema Gedanken gemacht haben an der Stelle, wo die Meisten von uns davor zurückschrecken. Sie wissen nicht mehr, oder kaum mehr, als alle anderen Menschen über diesen letzten Weg, die letzte Grenze, aber sie haben für sich selber gründlich darüber nachgedacht und daraus ihre Schlüsse gezogen. Und genau das macht den Unterschied und ermöglicht es ihnen, eine gute Hilfe zu sein.

Sie haben keine Patenrezepte, die sie weitergeben könnten, woher auch. Aber sie können im Gespräch das, was sie für sich gefunden haben, vorsichtig vermitteln. Nachfragen, was der Andere denken mag. Anstöße geben, weit jenseits von manchmal einzelnen Glaubensvorstellungen, jenseits von Anklage oder Bevormundung. Sie sind offen für ein Gespräch, für das Zuhören, das Schweigen, für das Miteinander mit dem Sterbenden und seinen Angehörigen. Sie sollen und sie wollen ein Mensch für einen anderen Menschen sein.

Und – ich gebe es zu – ich bin ein kleinwenig stolz, zufrieden und dankbar. Weil meine Kollegin und ich diesen Kurs haben abhalten dürfen und ihn zu Ende gebracht haben. Weil es uns erlaubt war, diese tollen Leute mit auf ihren Weg zu führen. Ihnen ein bisschen die Ausrüstung zu vermitteln und hier und dort die vielleicht richtige Frage zu stellen, um ihre eigenen Gedanken weiter gedeihen zu lassen.

Das war schon ein ganz besonderes Privileg! Habt Dank dafür und alle Stärke und alles Glück auf euren nicht einfachen Weg!