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Heute war ein guter Tag. Es gab das „Highlight“, vielleicht nicht nur des Tages, sondern der Woche. Den Besuch einer guten Freundin, die ich schon so lange nicht mehr gesehen hatte! Vor einigen Jahren aus privaten Lebens- und Liebesgründen von hier fortgezogen hatten wir nur über diverse Netzwerke miteinander Kontakt halten können, ihn aber voller genseitiger Wertschätzung nie abreißen lassen. Gestern dann plötzlich eine kurze Meldung, sie sei aus eigentlich traurigem Grund in meiner Stadt und wolle gerne bei mir vorbeischauen. Erstaunen, Zusage, Absprachen. Und heute, tatsächlich, stand sie vor mir. Was für eine Freude, ein „mit-Lachen-um-den-Hals-fallen“, gleichzeitiges Erzählen und Anstrahlen, zwei Stunden Zeit mit- und füreinander um drei ganze Jahre „Nichtsehens“ aufzuholen, Geschichten und Erlebtes zu erzählen, einander auf den neuesten Stand des Lebens zu bringen. Es wurde ein schöner Nachmittag und wie jedes Mal, wenn wir uns treffen, denke ich an „unsere Anfänge“ zurück, an eine Zeit, in der ich sie und ihre Art so sehr zu schätzen und bewundern lernte.

Kennengelernt haben wir uns vor inzwischen vielen Jahren  in einem der ortsansässigen Fitnesstempel, wo ich zu jener Zeit und vorübergehend meinem leichten Gewichtsproblem Herr zu werden suchte. Nein, nicht in Jenem, wo die selbsternannten Schönen & Reichen der Provinz sich herumtreiben sondern dort, wo die stark gebrauchten Männer & Frauen aus zweiter und dritter Hand unter den gnädigen Augen von Trainern versuchten, ihren Körpern noch einmal sowas wie eine positive Form zu geben. Dort stand sie mit immer guter Laune hinter dem Tresen, verteilte Anweisungen, Aufmunterungen, isotonische Drinks und flotte Sprüche. Korrigierte die Übungen, baute auf wo es nötig war, bremste, wo der Übermut sich breit machte und verschlissene Rückenwirbel gefährlich ins Knarren kamen. Wir verstanden uns von Anfang an gut, ohne uns jedoch irgendwie groß näher miteinander zu beschäftigen. Sie war die Seele des Ladens, Mutter aller  an den Übungen Verzweifelten und bestand lächelnd neben ihrem Chef, einem kleinen, eigentlich sehr netten aber manchmal übellaunig gestimmten Wikingerfürsten aus dem Nordlande.

Ich werde in meinem Leben nie das Bild vergessen, als ich nach einer sportlichen Schaffenspause und den Sommerferien zurück in das Studio kam. Während ich über den Tresen spähte und neben dem dort residierenden Wikinger nach eben dieser Freundin suchte wurde –  ich nahm es aus den Augenwinkeln wahr –  neben mir aus einem Büro eine kleine Gestalt in einem Rollstuhl geschoben. Keine 40 Kilo vielleicht, riesige Augen, ansonsten nur Knochen  und Haut in einer grauen, kranken Farbe. Zusammengesunken in dem Stuhl hockend,  auf dem Kopf eine viel zu große Mütze mit einem Schirm, der  ihr Gesicht halb im Schatten ließ, war sie nicht in der Lage die zufallende Tür festzuhalten, die mit Wums gegen ihren Rollstuhl schlug. Als jemand hinzusprang  um ihr zu helfen, erkannte ich sie und konnte es nicht fassen: das dort war die einst starke, sportliche Frau „von hinter dem Tresen“.

Heute kenne ich die schon damals lange Vorgeschichte ihrer Erkrankung, an jenem Tag kam das für mich völlig überraschend und ich war, gelinde gesagt, geschockt. Das ein Mensch in so kurzer Zeit so abbauen konnte: unvorstellbar. Das war nicht mehr die fröhliche Frau von vor noch einigen Wochen. Kein noch so kleines Lächeln, keine Freude mehr, ein geschlagener Mensch, so offensichtlich von der tödlichen Krankheit gezeichnet das ich kaum zu hoffen gewagt hätte. Wir haben an dem Tag – wenn ich es recht erinnere –  nicht einmal miteinander gesprochen, ihre Söhne brachten sie kurz nach unserem Zusammentreffen zu einem Auto und fuhren mit ihr davon, irgendwelchen weiteren Behandlungen entgegen.

In den folgenden Wochen bekamen wir langsam Kontakt zueinander. Eine Mail hier, eine Nachricht dort. Eine Karte im Studio. Etwas längere Mails mit Wünschen, irgendwann einen vorsichtigen Austausch. Wünsche. Danksagungen. Und dann habe ich aus der Ferne etwas miterleben dürfen, was mich damals und bis heute zutiefst beeindruckt hat und sie wirklich – für mich jedenfalls –  zu einem Vorbild gemacht hat: den langen, langen Weg zurück in das Leben und hinter den Tresen im Studio, in die Normalität eines gesunden Alltages den wir Nichtkranken kaum wirklich zu schätzen wissen.  Die klare Ansage von ihr, dass das Leben keineswegs hier und jetzt vorbei sei. Dass es da Dinge und vor allem zwei Söhne gäbe, für die sie weiter da sein wolle. Dass sie bereit sei, darum zu kämpfen. Um jeden Preis. Mit aller Härte. Und ohne jede Rücksicht gegen sich selber.

Und das hat sie gemacht. Wie ernst es ihr mit dieser Ansage war, hat sie dann gezeigt. Stückchen um Stückchen, mit Zähnen und Krallen, Rückschlägen, Tränen und Hoffnung, mit mehr Rückschlägen und kleinen, zu Anfang klitzekleinen Erfolgen. Ohne zu jammern, ohne die Frage „warum“ oder „warum ich“. Einfach so. Die Medizin trug ihren Teil bei und half, das Glück oder das „was-auch-immer“ ebenfalls. Es ging langsam voran. Manchmal sehr langsam. Manchmal war die Kraft fast am Ende und trotzdem: weiter.  „Ad aspera ad astra“. Durch den Staub zu den Sternen.  Unendlich viel Staub und sehr, sehr wenig Sterne, jedenfalls zu Anfang. Eiserner  Willen der sie aus dem Rollstuhl zurück an die Trainingsgeräte führte. Dann erste Erfolge, die Kondition kommt langsam zurück, ein „normales“ Leben rückt irgendwann viel später in greifbare Nähe. Und noch immer viel Weg, Vor- und Nachuntersuchungen, banges Warten auf Ergebnisse, blankes Entsetzen, wenn irgendwelche Werte nicht stimmen. Weiter. Neue Tests, irgendwann dann: kein Befund mehr. Freude, aber: weiter, abwarten was kommt. Noch mehr Zeit geht ins Land, die Abstände der Tests werden grösser, das positiv negative Ergebnis bleibt bestehen, sie wird fitter und fitter, kehrt zurück an die Arbeit, zu ihrer Familie, zu einem Haufen Menschen die sich mit ihr freuen, feiern, glücklich über ihre Rückkehr ins Leben sind.

Heute erzähle ich manchmal in unseren Ausbildungsgängen für Hospizbegleiter von der kleinen Frau im Rollstuhl und ihrem Kampf um den Weg zurück ins Leben. Wie sehr sie mich mit ihrem eisernen Willen beindruckt hat. Der Begriff „Heldin“ hat in unserem Land – geschichtlich bedingt – einen etwas merkwürdigen Klang, aber wenn es so etwas gibt, dann stellt sie das für mich dar.

„Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren“  Sie hat gekämpft. Und gewonnen.

Respekt.