Schlagwörter

, , , , , ,

Empfang im Altenheim. Pardon, Seniorenresidenz. Vierzig Jahre hat die Einrichtung auf dem Buckel, der Grund für Empfang und Feierei. Das Alter des Gemäuers ist gut erkennbar an Baustil und bröselndem Putz hier und da in dunkler Ecke. Recht ordentlich gepflegt lässt sich der knackfarbene Plastikstyle der 70'er dennoch nicht überall verdecken. Vor Ort eine Menge regionaler „Haute volaute“, Landrat, Bürgermeister, die üblichen Verdächtigen halt, wir als kleine Lichter mittendrin. Vorzugsweise sieht man solche Menschen mittleren Alters, die die Einrichtungen und das Leben dort nur vom Hörensagen und Besuchen am Sonntagnachmittag kennen und im stillen Kämmerlein dafür beten, dass dies auch noch möglichst lange so bleiben möge.

Es werden Reden gehalten in denen natürlich alles, wie immer, schön, gut und sozial ist. Problemchen, ja klar, hier und da gab es sie, aber … man sollte auf das Gute schauen! Das grosse Ziel. Die Idee. Genau. Versprechen liesse sich für die Zukunft ja garnichts, die bösen Betriebskosten und so, aber man habe Grosses vor. Vielleicht. Gegebenenfalls. Man wird sehen. Ach ja, und dass nur der Bewohnerbeirat in einer Person vertreten sei und nicht alle Bewohner: man habe ja so wenig Raum in der Hütte und die würden sich Nachmittags zu Kaffee und Kuchen treffen. Hm, hm. Die Reden plätschern dahin, dieser Redner muss weg, wichtige Gründe, jener hat ein „vierstelliges Geschenk“, was er auch deutlich und mehrfach betont, der dort als örtlicher Verwaltungsobermufti hat garnichts und hält sich selber für völlig ausreichend, sein Gutmenschentum und seine weihnachtlichen Vorlesebesuche deutlichst herausstellend. Ein alter Herr, in der Tür stehend, Hausbewohner und ob des plötzlichen Speisereichtum wohl ein wenig erstaunt, redet Unverständliches dazwischen und wird mit einem lauten „Pschschscht“ zum Schweigen und zur resignierten Flucht bewegt.

Letztlich dann ists genug der verbalen Bauchpinselei und alles stürzt sich auf ein, für eine mittlere Hungersnot ausreichendes, kaltwarmes Buffet. Reichlich, reichlicher, Dessert und Käseplatte dürfen nicht fehlen. Natürlich schlage auch ich zu, ein schöner Körper will schliesslich erhalten werden, doch irgendwie meldet sich da im Hinterkopf die dunkle Seite des Gewissen. War da nicht was, beim letzten Besuch? Das Gemeuter der alten Damen über die Küche ohne Koch, den lauwarmen Schlangenfrass (Originalton), herangekarrt von irgendwo, den irgendwelche Hilfskräfte in der Küche nachwärmten? Schweig es stille, Gewissen, es schmeckt mir und ich habe es als Ausgleich für die Qual der Reden redlich verdient! So ein blöder, fader Beigeschmack will aber einfach nicht verschwinden …

Bestes Gespräch an diesem Tag, irgendwo am Rande, ein Geschäftsführer des Hauses: “ Wir haben inzwischen auf jedem Stockwerk einen funktionierenden Computer mit Internetanschluss.“ Meinen etwas hämischen Kommentar, dann sei man ja im Informationszeitalter angekommen, versteht er nicht. Ich werde klarer und vermittle ihm, dass das Fehlen eines WLans für mich als stark alternden Menschen und als zukünftige Füllung seines Belegplanes ein Ausschlusskriterium für sein Haus wäre. Und er versteht mich wider nicht. Wozu ein alter Mensch das brauche? Verständnisslosigkeit auf beiden Seiten.

Also flüchte ich nach dem Essen flugs zu neuen Aufgaben. Auf dem Weg dahin denke ich an die Veranstaltung zurück. Ein paar Worte weniger, ein paar Menschen mehr, ein ehrlicheres Eingestehen von Schwierigkeiten, ein Aufzeigen von machbaren Lösungswegen und ein bisschen mehr Blick für Standards wären gut gewesen. Es ist eben nicht alles gut. Kann es wahrscheinlich auch nicht. Könnte aber wenigstens akzeptierbar sein – mit ein bisschen Ehrlichkeit, Einfühlungsvermögen und Mühe.

Und Respekt. Wobei der Respekt vielleicht das Wichtigste wäre. Und so billig zu haben. Ganz ohne Betriebskosten. Darüber sollte man nachdenken.