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Ich gehöre zur Gattung der notorischen Zettelschreiber, sprich, ich notiere eigentlich Alles und Jedes auf verschieden großen Zetteln. Das macht manchmal Sinn, noch öfter leider nicht. Dennoch fördere ich mit meinem Wahn die Papierindustrie und das Abholzen der nördlichen Urwälder, ich muss es leider eingestehen.

Privat ist das für mich kein Problem: Sätze, Erlebnisse und Aussprüche landen in einem dieser von mir so heißgeliebten, wunderschönen und halbgrossen Moleskine-Notizbüchern, die man mit Verschlussbändchen und Kugelschreiber versehen bei sich tragen kann und die so verdammt elegant aussehen. Flugs notiert, nie verloren, auch, wenn man dann halt mal 80 Seiten durchblättern muss um eine Notiz wiederzufinden. Dieselben Teile nutze ich auch für Reisen und Urlaub, dort – und nur dort – schreibe ich Tagebuch weil ich ein Anhänger des nicht von der Hand zu weisenden Gedankens bin, dass man sich bewusst Erinnerungen schaffen muss, wenn man denn später welche haben will. Andere Sachen landen in einem Zettelkasten in dem ich – auf der Suche nach Inspiration oder einer dunklen Erinnerung – herumwühlen kann, bis ich Entsprechendes finde. Einige der in diesem Blog an anderer Stelle schon verwendeten Zitate und Sprüche sind auf die Art wieder aufgetaucht, teilweise nach 30 (!) Jahren. So lange mach ich das nämlich schon …

Von Berufs wegen notiere ich aber eben auch viel und da wird das mit dem Widerfinden dann zu einer ganz anderen Sache: Ideen, Wünsche, Termine, Liedernummern, Vorlaufarbeiten, Nachlaufarbeiten, Einsätze, Belegungszeiten. Was ein Künstler Essen möchte und wie herum sein Saft drehen muss. (Kein Witz!) Wie warm es wann wo sein soll und wo bitte ein Tisch zu stehen hat. Wer wann in welchen Raum sein Ding machen will und dabei – BITTE! – nicht gerade den Posaunenchor neben sich sehen will. Die Liste lässt sich endlos fortsetzen und, nachdem ich sie notiert habe, lege ich sie dann wie alle anderen auch irgendwo hin, wo ich sie schnell und ganz sicher widerfinde. Und wo ich mich daran erinnere. Todsicher. Unbedingt. Und genau da beginnt dann mein Problem!

Denn bisher habe ich in all den Jahren kein wirklich funktionierendes System gefunden – analog oder digital – dass mir eine Ordnung in meinen Notizen erlauben würde. Das mit meiner von mir als „genialem Chaos“ verkauften Ordnung wirklich ordnend Schritt hielte. Eines, das mich verlässlich auf einen Termin hinweist, einschließlich einer gewissen nervenschonenden Vorwarnzeit! Denn es ist schön plötzlich zu sehen, dass in einer halben Stunde eine Trauung stattfindet, erzeugt auf der anderen Seite aber auch einen gewissen – von mir als ungesund empfundenen – Handlungsdruck.

Früher hatte ich für solche Dinge ein Ringbuch in DIN-A5-Grösse mit jährlich wechselnden Einlagen, terminlich sortiert und einem mäßigen Erfolg in Sachen Überblick. Später stieg ich auf eines der allerersten elektronischen Teile in grünlich schimmerndem Gehäuse, mit Monochrombildschirm umd 512 MB Speicher um. Damit war ich für andere zwar interessant – und sei es auf Grund meines Gefluches bei der Bedienung – bringen tat es nicht wirklich viel. Dann – Krone des Fortschritts und Ende dieser Entwicklungsform – auf einen der ersten und schon recht vielseitigen Palms. Echter Fortschritt, aber fummelig in der Bedienung. Synchronisation, na ja, ok, sagen wir mal: manchmal. Und, Problem, vergessen habe ich Sachen trotzdem, eine Warnfunktion gab es nur rudimentär.

Dann die Erleuchtung. Der Dämmer der elektronischen Neuzeit. Wir erreichen das Hier & Jetzt. Mein auch heute noch genutztes und heißgeliebtes Smartphone einer Edelmarke, Kalender integriert, plattformübergreifend und selbstsynchronisierend. Für Deppen wie mich. Nie wieder etwas vergessen, eine Art Ersatzgehirn. Eingabe an jedem meiner Rechner, Warntöne, dezente Hinweise, To-Do-Lists gleich dabei. Mails direkt auf den Schirm. Das goldene Zeitalter brach an. Hurra!

Und was passierte? Die blöde Tipperei zu unmöglichen Zeiten, wenn zwei Leute hinter einem stehen und etwas wollen. Das Zuordnen und Einsortieren, denn, ohne dem findet auch ausgefeilte Technik nichts wider. Also schnell einen Zettel geschrieben und in die Tasche gesteckt: das gebe ich nachher ein. Oder gleich im Kopf behalten: ich tipps dann gleich nach dem Gespräch. Schon vergessen auf dem Weg zum Rechner, ach, es ist eine Plage und hinzu kommt das Alter, schnief. Und so hangele ich mich – technisch hochgerüstet – durch den Dschungel meines Terminlebens. Mit Smartphone, Rechner, iPad und Zetteln. Einer bunten Mischung aus wunderbaren Erkenntnissen, plötzlichen Adrenalinschüben und Wutanfällen beim Suchen von brandwichtigen Notizen. Mit Zetteln, die darauf hinweisen, wo ich wichtige Zettel gebunkert habe.

Ich habe das ungute Gefühl, dass sich daran nicht mehr viel ändern wird. Und irgendwas ganz Relevantes wollte ich noch erzählen. Was wirklich Wichtiges zu dem Thema. Ich hatte es mir extra notiert. Aber – verdammt – ich finde den Zettel nicht mehr …