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Ruhig ist es Draußen. Eine dunkle Nacht. Das Wetter ist nasskalt, heute Morgen gab es noch ganz feinen Sprühregen, aber damit ist jetzt Schluss. Die Temperatur nähert sich – von oben kommend – den null Grad und wo der leichte Wind hingreifen kann, wird es für die Menschen im Freien besonders unangenehm. Spätherbst eben, oder Frühwinter, je nachdem, wie man es sehen möchte.

Trotzdem ist da was. Noch nicht wirklich zu spüren, und trotzdem. Seit heute Mittag ist mein schönes, altes Barometer ganz langsam auf Talfahrt gegangen. Der Taupunkt hat sich verändert. Und – manche mögen jetzt lächeln – es gibt plötzlich einen ganzen Haufen Möven hier, mehr als 40 km von der Küste entfernt im Binnenland.

Irgendwo da draußen, im Moment noch mehr als zweieinhalbtausend Kilometer entfernt, in der Grönlandstraße, in den unwirtlichen Meeresweiten westlich von Island, braut sich etwas zusammen. Ein handfester Sturm ist es schon jetzt, das zeigen Satelitaufnahmen, melden Wetterstationen und sagen uns die Algorithmen der Vorhersageprogramme nationaler Wetterdienste. Auch, dass es stärker wird, Energie aus dem Meer bezieht und sich ausbreitet, wissen wir. In den weiten Seeflächen ohne Land im Wege kann der Wind das Wasser weit und ungebremst vor sich hertreiben, mächtige Wellen auftürmen. Schon jetzt zeigen Radarmessungen sechs bis acht Meter hohe Seen mit nicht wenigen Ausreißern nach Oben, gigantische, furchteinflößende Gebirge aus Wasser, die Vorstellung alleine ein Horror für jeden, der so etwas einmal von Deck eines Schiffes sah.

Wer sich dafür interessiert, bemerkt weitere, noch ganz leise, aber beunruhigende Vorzeichen. Die Wetterwarnkarten der hydrografischen Institute von Norwegen bis hinunter nach Frankreich färben sich mit ersten, noch leichten Hinweisen ein. Die Meldungen an die Seeschiffahrt werden da schon konkreter. Wer die Schiffsbewegungen verfolgt kann sehen, wie viele Schiffe dem Kurs des Sturmes auszuweichen suchen, wie sich der Nordatlantik, wo immer das in der kurzen Zeit möglich scheint, leert. Andere Schiffe, die zu weit vom sicheren Hafen stehen, suchen das offene Meer – niemand mit Verstand will ein solches Wetter in einem flachen Küstengewässer abreiten müssen.

Die einem Laien kaum auffallende Änderung in der im Laufe des Tages schon ausgesprochenen Warnung vor einer „Sturmflut an der gesamten deutschen Norseeküste“ zu einer „… schweren Sturmflut …“ beinhaltet in einem einzigen Wort die Potenzierung der damit verbundenen Gefahr. Mancher an der Küste mag sich bei der momentanen Wetterlage an 1962 erinnert fühlen, die Voraussetzungen waren ganz ähnlich. Selbst der „Deutsche Wetterdienst“, sonst eher für eine unterkühlte Einschätzung der Lage bekannt, erinnert in seinen aktuellen Meldungen an diese Situation. Tagelang hatte damals ein stetiger Südwestwind das Wasser in die Nordsee geschoben, dann drehte er auf Nordwest und nahm beängstigend schnell zu. Nach ein paar Stunden erreichte er Orkanstärke und in der dann folgenden Nacht überrannte eine schwere Sturmflut die – damals allerdings weitaus flacheren – Deiche an vielen Stellen. Besonders Hamburg traf es, mehr als 340 Menschen starben.

Die Deiche stehen heute mehrere Meter höher. Nach dem aktuellen Stand der Prognosen dürfte die Nordsee in Hamburg gut fünf Meter über Normal Null auflaufen. Auch das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie BSH rechnet mit einer schweren Sturmflut. Eine offizielle Hochwasserprognose wird es aber erst am Mittwoch geben. Den Scheitel wird das Hochwasser entweder Donnerstagabend oder Freitagfrüh erreichen. Der maximale Wasserstand hängt vor allem davon ab, wie stark der Wind zum Zeitpunkt der einlaufenden Gezeitenwelle weht. Das Tief scheint langsamer unterwegs zu sein als 1962, dies zeigen die bisherigen Messwerte. Das spricht dafür, dass sich höhere Fluten aufbauen könnten. Die für die Jahreszeit mit zehn Grad noch recht warme Nordsee dient als Quelle für starken Schneefall: Das milde Wasser verdunstet im kalten Nordweststurm und gefriert in der Höhe – mächtige Schauerwolken treiben übers Land. Der Deutsche Wetterdienst rechnet am Freitag mit zehn Zentimetern Neuschnee. In den Mittelgebirgen und den Alpen könnte doppelt so viel fallen. Starke Schneeverwehungen wären möglich.

Ich blicke aus dem Fenster. Dort ist dunkel und nass. Meine Schreibtischlampe verbreitet einen sanften Schein, es ist warm in meinem Zimmer und im Haus herrscht Ruhe. Schwer vorstellbar, dass es irgendwo da Draußen anders sein könnte. Während des Schreibens dieser Zeilen ist das Thermometer um ein ganzes Grad gestiegen und das Barometer um zwei Millibar gefallen.

Ich denke an die Männer und Frauen auf See, irgendwann vor langer Zeit war auch ich dabei. Ich sehe die bedenklich gewiegten Häupter der an Bord Verantwortlichen, die Kurse, die neu abgesetzt, die Möglichkeiten, die erwogen, die Entscheidungen, die gefällt werden. Die Anspannung beim Warten auf das Unausweichliche. Die flachen Witze, deren Antrieb die verschwiegene Angst ist. Die Hoffnung und den Kampf mit der See.

Ich denke an die Menschen auf Inseln und Halligen vor der Küste, an ihre immer gleiche Frage: Bleiben oder Gehen? Die meisten werden bleiben, es ist ihr Zuhause und sie sind es gewohnt. Generationen vor ihnen haben das so gemacht. Das Vieh wird herein-, die Maschinen und Geräte auf die Wurt geholt. Mit ihnen bleibt die Angst. Man rückt zusammen. Das Land zwischen den kleinen Wohnhügeln im Nirgendwo wird die See holen, bald schon. Für ein paar Stunden jedenfalls. Dann zieht sie sich wieder zurück und nichts ist geschehen. Hoffentlich.

Ich denke an all die Anderen, die mit und dicht am Meer leben, vor und hinter den Deichen. Die nicht ausweichen wollen oder können. Die wissen, was kommt und die sich darauf vorbereiten. Die verbleibende Zeit nutzen. Hoffen wir, dass es „nur“ ein Sturm wird.

Und hoffen wir, dass es gnädig abgeht.