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Sonntagabend. Zwei alternde Seeleute auf dem Weg nach Vorgestern. Durch Nacht und Wind, wie Zeitreisen eben so zu sein haben. Pünktlich zur vereinbarten Abfahrtszeit hat es angefangen heftig zu Regnen, natürlich. Die Fahrerei durch Nacht & Moor ist, trotz reichlich eingeplanter Zeitreserve, nicht wirklich schön. Das nasskalte Dezemberwetter zieht mit Wind & starkem Regen alle Register um die Reise durch die Dunkelheit so unschön wie möglich zu machen. Eine mühselige Navigation am Zielort bei spärlichster Straßenbeleuchten erweist sich als nicht einfach und fehlerfrei und es bedarf eines zweiten Anlaufes, um den an einem einsamen Bahnhof im Moor nördlich von Bremen abgestellten Theaterzug zu finden.

Dichter Regen. Man könnte auch sagen: es Gießt! Ein Parkplatz? Fehlanzeige, irgendwie findet sich ein verkrauteter Seitenstreifen neben einer alten Laderampe, die nach schräg nach Oben in einer ungemütlichen Nacht verschwindet. Im Regen sind die Begrenzungen des erwählten Stellplatzes nicht wirklich zu erkennen, eine leise Angst vor den – hinterhältig im Dunklen lauernden – tiefen Moorgräben ist beim Einparken zu spüren. Der erste Schritt gleich in eine Pfütze, der zweite in den quatschigen Matsch. Lautes Gefluche, aber weiter, Wasser läuft von Oben in den Kragen.

Eine seltsame Szenerie erwartet die Besucher, eine Mischung aus Science Fiction und Hölle. Ein starker, roter Scheinwerfer taucht den Zug in ein seltsames Zwielicht und lässt den Besucher glauben, in einen dunklen, von Licht umkränzten Tunnel zu laufen. Es hat ein bisschen was von dem leuchtend rotierenden „Zeitsturm“ aus dem Film „Der letzten Coutdown“, wer auch immer sich daran erinnern mag. Und irgendwie ist es auch hier so: wir machen einen Schritt durch die Zurück, schon zu merken beim Betreten des ersten Waggons.

Ein ganz besonderer Abend, eine Zeitreise, in doppeltem Sinne. Einmal das Ambiente hier: eine alter Zug, irgendwo mitten im Moorland auf einem – bei Licht und im Sommer betrachtet – schönen, alten Bahnhof. Solche Züge wie Diesen gibt es heute nicht mehr. Türen, die mit einem speziellen Griff und einem starken Ruck in einer gut wohlabgestimmten Bewegung vom Fahrgast selber geöffnet werden müssen. Das besondere Geräusch, das dabei entsteht, dieses schleifende Klacken beim Hochklappen der Sicherungsstufe. Der seltsame Geruch in den Wagen, eine Mischung aus Öl, Bohnerwachs und völlig überheizten Abteilen, das Knarren des Bodens unter dem grauen und an den Kannten hochgezogenen Linoleum. Schließt man die Augen meint man, das Rattern und die Schläge der früher verwendeten kurzen, verschweißten Gleisenden unter den Rädern des Zuges zu hören. Alles zusammen eine Reminiszenz an Bahnreisen in Kindertagen.

Es findet sich eine bunt gewürfelte Gruppe Interessierter zusammen, die nach und nach durch Wind & Wetter eintrudeln. Da stehen der teure Kaschmirmantel neben einem durchnässten, hochhackigen Pelzjäckchen, ein Rudel offensichtlich wohlsituierter Großstädter neben älteren Typen in mittelprächtig wetterfestem Gebrauchslook mittlerer Preisklasse. Das gehobene Bildungsbürgertum bildet sehr offensichtlich das Gross der Anwesenden und sie zeigen das auch deutlich. Bei näherem Überlegen stand das durch die Nähe zur großen Stadt und der Künstlerkolonie zu erwarten und war von den Machern des Stückes sicherlich so auch gewinnbringend bedacht worden.

Dann geht es los. Einen Vorhang und ein Bahnabteil weiter findet sich ein grosser Kartentisch, bedeckt mit Ladelisten, Seekarten, nautischem Almanach und einer lange nicht mehr gesehenen Ephemeriedentafel. Beleuchtet mit dem gelblichen Licht kleiner, an ihren beweglichen Armen befestigter Metallampen früherer Büros, erzeugt er ein fast wirkliches Abbild eines alten Kartenraumes, gleich hinter der Brücke gelegen. Das leicht abgeschrabbelte Interieur, der auf Eiche gebeizte Tischgrund, das herumliegende Kartengeschirr wie Kursdreieck und Stechzirkel – alles da, alles ein wenig unaufgeräumt, in Nutzung. Die dunklen Fenster nach Draußen mit den Regentropfen die daran herunterlaufen, nicht unähnlich der Wirklichkeit auf der Brücke. Würde sich der Boden leicht zu den beiden Seiten bewegen, die Illusion wäre perfekt.

Und während das Schauspiel seinen Lauf nimmt und ein junger, nachgemachter „Kapitän“ ein wenig zu forsch und gekünstelt die Geschichte der chinesischen Wäscher an Bord – denn um sie soll es hier gehen – zu erzählen beginnt, machen wir auch innerlich einen Schritt zurück. Damals Beide etwas älter als sechszehn Jahre beim ersten „Einstieg“ an Bord und bei verschiedenen Reedereien und zu unterschiedlicher Zeit gefahren, haben wir trotzdem jeder für sich noch die damals gerade zu Ende gehende Zeit der großen und in ihrer Vollendung vollkommenen Trockenfrachter erlebt. War der Eine in Asien, Mittelamerika und durch den Panama auf den langen Strecken über den Pazifik unterwegs, fuhr der Andere die Strecken nach Südamerika und später dann den Törn von dort nach Südafrika, Australien und Neuseeland.

Es war eine andere Epoche der Seefahrt – nicht besser oder schlechter als jene, die davor oder danach kamen. Anders eben, wie alle anderen auch in ihrer Zeit und Konstellation einmalig. Die Schiffe hatten noch eigenes Ladegeschirr und wir lernten den Umgang damit. Entrosten, Rostmaschine fahren, Streichen, seemännisches Instandhalten waren tägliche Aufgaben im Kampf gegen den nagenden Zahn der See und der Zeit. Das Stauen der Stückgüter in den Luken war eine hohe Kunst, die der Ladeoffizier in langen Hafennächten, mit bösen Flüchen und viel Kaffee zustande brachte. Die ersten Container tauchten gerade als „Exoten“ auf (Der Mist wird sich nie durchsetzen!) und wurden an Deck mit viel Improvisation sicher vertäut. Die Mannschaften umfassten 25, auf den Ausbildungsschiffen auch einmal schnell 35 und mehr Leute aus vielerlei Nationen. Und: wir hatten Hafenliegezeiten, lange Hafenliegezeiten. Unvorstellbar für heutige Seeleute, deren Schiffe weit vor den Städten in den Containerterminals auf die Minute genau abgefertigt werden. Uns eröffnete das in den vielen Ländern, in denen wirlagen, ein ganz neues Leben, eine andere Perspektive und förderte nachhaltig – ja, tatsächlich – die Toleranz gegenüber anderen Weltsichten und Lebenseinstellungen. Und – natürlich – hatten wir einen „Max“ an Bord.

Der „Max“ war der chinesische Wäscher eines Schiffes. „Max“ war für ihn, der immer alleine an Bord war, der gebräuchlichste Ausdruck. „Hop Sing“ oder „Chink“ gingen auch leicht über die Lippe. Nicht wirklich ausgrenzend oder herabwürdigend gemeint, sondern in rauer Umgebung eher gedankenlos verwendet, würde diese gängige Bezeichnung jener Tage heute jedem „politisch Korrekten“ augenblicklich den Schweiß auf die gefurchte Stirn treiben. Mithin, es war so wie beschrieben und niemand störte sich daran, zumal „Seemann“ die wirklichen, chinesischen Namen sowieso nicht aussprechen konnte. Jedes ordentliche Schiff hatte zu dieser Zeit einen solchen chinesischen Wäscher an Bord der sich, irgendwo in den Tiefen der Technik an einem lauten, heißen Ort in der Nähe des Maschinenraumes, gegen Heuer um die Wäsche der Mannschaft bemühte. Brachte man am Freitag seine private Wäsche dorthin, bekam man sie am Dienstag wohlgereinigt, gebügelt und säuberlich in das Wäschenetz einsortiert zurück und zahlte Pfennigbeträge dafür – ein unversteuertes, verdientes Zugeld für den Wäscher, ein bescheidenes und doch so wertvolles Zweiteinkommen für die Familie daheim im fernen China, die er so lange nicht sah. Alleine an Bord bewegte er sich – so meine Erinnerung – in der der Hierarchie der Mannschaft an deren unterem Ende. Ich habe aber nie erlebt, dass jemand wirklich unfreundlich zu ihm war. Bei Landgängen in den Häfen kam er selbstverständlich mit und genoss – wie alle – den uneingeschränkten Schutz der Mannschaft.

Vieles Andere, damals nicht Gewusstes, kam erst gestern Abend in dem Stück an den Tag. Dinge, über die man an Bord nicht nachgedacht hat, die kein Thema waren, um die sich niemand kümmerte. Das der „Max“ Dreijahresverträge bekam und erst dann zurück nach Hause fliegen durfte. Wie alleine er sich als einziger „Chinamann“ an Bord oft gefühlt haben muss. Dass er – als illegal nach Honkong gebrachter, sehr junger Mensch – das erste Mal weit von heimatlicher Scholle und Familie war. Das er, wie die meisten Seefahrtsanfänger, mit der permanenten Übelkeit zu kämpfen hatte. Das die Arbeitsbedingungen tief unten in der kochend heißen Wäscherei sicherlich nicht die Besten waren, wo das Fehlen des Horizonts die Übelkeit noch verstärkte. Das die Heuer klein war und der „Obermax“, der Vermittler in Honkong, seinen nicht kleinen Prozentanteil davon auch noch abzog.

Der Abend endete mit einem einfachen, chinesischen Essen und einem Blick darauf, was aus jenen Wäschern geworden sein mag. Denn es gibt sie nicht mehr, auch ihre Zeit ist abgelaufen. Manche gingen zurück nach China, andere blieben in Deutschland oder an anderen Orten der Welt, als Wäscher oder mit einem kleinen Restaurant. Wie sprach der nachgemachte Kapitän im Stil jener vergangenen Zeit und in seinem Schlusswort? „Maxe gibt’s nicht mehr an Bord. Das machen heute die „Fipse“ oder die computergesteuerten Waschvollautomaten“.

Es war ein schöner und zugleich lehrreicher Abend. Für uns Zwei hat er Vieles zurückgebracht, was schon im Strom der Zeit verschwunden schien, angestaubte Bilder und Erinnerungen. Die nie verlorenen Erkenntnis, dass die Fahrenszeit eine gute Zeit war. So oder so. Das wir viel gelernt haben damals. Ohne nachträgliche Vergoldung und ohne zu vergessen, dass es auch düstere Momente gab. Nicht „die beste Zeit des Lebens“, aber eine gute Zeit, die wir Beide nicht missen wollten.

Was erzählte einer der „Maxe“ in dem Stück? Ein Matrose antwortet ihm, als er sein erworbenes Vermögen nach zehn Jahren Seefahrt auf 1.500 Mark zusammenrechnete und darüber klagte: „Lass es gut sein Max, immerhin haben wir gelebt!“

So ist das wohl.