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In ein paar Stunden ist Weihnachten. Ja, doch, keinen Widerspruch. Ok, eigentlich sind es noch zwei Tage bis zum ersten Gottesdienst am Dienstag um drei Uhr, ich weiß das auch, der Countdown tickt nur allzu deutlich rechts Unten auf meinem Desktop. Aber letztlich ist die Sache gelaufen. So langsam ist alles gemacht, alles geschafft, aufgebaut & vorbereitet. Eigentlich kann es losgehen.

Die vielzitierte Besinnlichkeit will sich trotzdem nicht so recht einstellen. Die eigenen Batterien sind leer, dafür aber Haus, Hof & Gemäuer gefechtsbereit. Der Baum steht und bis zu sechs Metern Höhe ist er hübsch gleichmäßig geschmückt, mit Strohstern, Apfel & Kerze. Die nach oben fehlenden zwei Meter hingegen bleiben nun doch im Dunkel der Weihnachtsnacht. Zwar wollte ich das heute Morgen noch angehen, jedoch, zu wackelig die Leiter und zu unsicher das – affenartige Artistik voraussetzende – Tun in luftiger Höhe. Vor die Wahl gestellt, am Heiligen Abend einen Baum ohne Lichter an der Spitze zu haben oder als unschöner, feuchter Fleck auf dem Sandsteinboden präsent zu sein, fiel die Wahl auf Ersteres. Es wird auch so gehen. Und gesünder für mich ist das auch.

Heute Morgen dann vier geschlagene Stunden Krippenspielprobe. Bühnenaufbau, jede Menge Technik, Licht, Mikrophone. Kabel ziehen, dazwischen die Kinder in ihren Kostümen. Lichtprobe, Diskussionen um die besten Winkel, die sichersten Kabelführungen. Aufgeregte Engel bei der Sprechprobe, ein Rudel Schäfer trampelt immer mal wieder durch das Bild, hier und da einen Koppler im Ton, hach ja, sowas macht wach. Maria & Joseph haben das Christkind verlegt: sowas habe ja durchaus moderne Parallelen, merkt jemand aus dem elterndominierten Begleittrüppchen süffisant an. Es findet sich dann nach kurzer Suche hinter der Krippe wider. Auch das wie im wahren Leben. Schönes Singen, schönes Stück, unglaublich viel Einsatz bei den jungen Mitspielern und reichlichstes Engagement bei den planenden Müttern. Was für ein Aufwand. Dann alles wider abbauen, so Verpacken und Stellen, dass es Heilig Abend schnell zur Hand ist. Zum Wideraufbau. Weil, im selben Raum sollen bis dahin schließlich noch ein Gottesdienst, eine Doppeltaufe, eine Probe und ein Gospelgottesdienst stattfinden. Wenn´s mehr nicht ist. Machen wir mit Links. Aber dann ist Weihnachten. Hurra.

Der Stall für die heilige Familie steht seit zwei Tagen. Aufgebaut mit meinem Sohn, abends, alleine in der Kirche. Eine Familientradition, hochgehalten seit den Tagen, als ich hier anfing. Die Krippe selber, ein wunderschönes Teil, norddeutsch, mit Reetdach und sauschwer. Handarbeit, solide. Ein Kraftakt, sie dorthin zu bekommen, wo sie hinsoll. Unbeschadet. Einer meiner Vorgänger, begnadeter Holzarbeiter, hat sie selber gebaut. Zwar haben norddeutsches Reetdach und Wüstenrandlage Bethlehem nicht so wirklich viel miteinander zu tun, aber es passt schon. Ist halt eine Frage der Vorstellungskraft. Die Figuren: handgeschnitzt, aus einer Partnergemeinde im Osten. Aus DDR-Zeiten, manch unterstützende und nach östlichem Recht illegale Hilfe gelangte damals dorthin, von West nach Ost und, auf ebenso dunklen Wegen, manch Krippenfigur als Dank dafür zurück. Eindrucksvoll sind sie, groß, mit ausdrucksvollen Gesichtern. Sie sind etwas wirklich Schönes, ich liebe sie sehr. Besonders einer der Schäfer hat es mir angetan, ein hagerer, trainierter Outlaw in der Kleidung seiner Zeit, mit abweisendem Gesichtsausdruck. Trotz seines rauen Äußeren schützt der Mann ein kleines Schaf, trägt es fast sanft auf seinen Schultern. Spendet Hilfe und Mitgefühl. Das Tun spricht für sich. Und mich an.

Das Drumherum ist auch fertig. Handzettel für die Krippenspiele: noch nicht da, macht die Kantorin, also werden sie pünktlich kommen. Die Liederhefte für die späteren Gottesdienste: gestapelt im Turm. Boxen, um sie am Ausgang wieder einzusammeln: beschriftet und bereit. Schilder für die Türen, wo Zugänge und Ausgänge sind, um den Ansturm zu steuern: sind gedruckt, sie werden Montagnacht beim Endaufbau aufgehängt. Die Notfallausrüstung, die keiner eigentlich benutzen möchte: Trage, Feuerlöscher, Verbandszeug, alles griffbereit und außer Sicht gelagert. Muss man ja nicht gleich sehen. Reinigungsmittel für den Fall der nicht mehr zu steuernden Übelkeit. Gummihandschuh. Ablauflisten für die Veranstaltungen. Reservesicherungen. Schlüssel. Handy. Multitool. Ersatzkerzen. Feuerzeuge, mehrere. Handpuppe zur Kinderberuhigung. Spannungsprüfer. Wasserflaschen und Becher. Taschenlampe. Und … und … und … Alles da. Alles bereit. Es kann losgehen.

Und ich freue mich darauf. Klar wird es noch Pannen geben, irgendetwas fehlen. Hier und da wird Ärger aufkommen, weil irgendwer irgendwas nicht so macht, wie es sein soll. Irgendjemand wird meckern. Irgendwas besser wissen. Hätte es anders gemacht, hätte man ihn doch nur gefragt. Dieser und Jener werden sich anblaffen und dann doch am selben Strick ziehen. Zwangsweise. Um der Sache willen. Und weil sie sich eigentlich ja doch mögen, auch, wenn der andere ein dummer Hund ist. Jedenfalls im Moment.

Und dann ist es soweit. Heilig Abend, 15.00 Uhr. Die Stunde Null. Die Glocken läuten, die Orgel spielt, Kinderaugen leuchten. Erwartungsvolle Gesichter, ein Geräuschpegel im Raum wie ein startendes Flugzeug. Das Krippenspiel nimmt seinen Lauf. Gebannte Blicke, wenn die schwangere Maria eine Bleibe sucht. Wenn der Engel – hinterrücks von einem den Stern ersetzenden Scheinwerfer bestrahlt – den Hirten das Wort verkündet und dabei stecken bleibt. Wenn die drei kleinen Könige den Mittelgang entlangstolpern und der eine von ihnen dabei laut über seinen offenen Schnürsenkel flucht. Egal. Der Baum strahlt, die Augen auch. Der Pastor predigt und fasst sich kurz. Kinder sitzen im Mittelgang oder laufen herum. Vorfreude, Geräuschpegel und Erwartung steigen. Noch´n Lied, den Segen, dann geht es hinaus in den dunkler werdenden Nachmittag, nach Hause.

Zu den Geschenken. Zu einer – so hoffe ich immer – guten, fürsorglichen und friedlichen Familie. Ganz egal, wie sie gestrickt sein mag. Weil Kinder sowas einfach verdienen. Alle. Immer. Das wäre dann auch ein Stückchen Weihnachten …