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“] © by Feral Arts “Aurora Australis”  [CC-BY-2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)]

Nun sind sie also sicher auf dem Weg nach Australien, nach Hobart in Tasmanien, um ganz genau zu sein. Beruhigung macht sich breit im aufgeregten Blätterwald der Regenbogenpresse. „Dem Eise entrissen“, „Dramatische Rettungsaktion abgeschlossen“ oder „Alle überlebt“ steht da zu Lesen. Na klar, warum auch nicht. Aber wieso bitte „Rettungsaktion“?

Fangen wir mal Vorne an. Die „Akademik Shokalskiy“, ein russisches Expeditions-Kreuzfahrtschiff, hat Neuseeland am 9. Dezember letzten Jahres mit Kurs Antarktis verlassen. Sie wurde 1984 in Turku in Finnland als eines von mehreren Schiffen der „Akademik-Shuleykin-Klasse“ als eisgehendes Kreuzfahrtschiff gebaut und nach dem russischen Ozeanografen Juli Michailowitsch Schokalski benannt. Sie gilt als älteres, aber verlässliches Fahrzeug. Knapp 70 Meter lang und in der Presse – wohl wegen ihres kurzfristigen Einsatzes in der Meeresforschung – gerne als „Forschungsschiff“ bezeichnet, wird sie unter russischer Flagge mit Heimathafen Wladiwostok vorwiegend durch das australische Touristikunternehmen „Aurora Expeditions“ für Passagierreisen in die Antarktis betrieben. Sie verfügt auf drei Passagierdecks über 28 Außenkabinen in unterschiedlicher Ausstattung sowie Speisesaal, Bar, Bibliothek und Sauna. Klassifiziert ist sie, soweit sich das feststellen lässt, mit einer ARC5-Eisklasse ( das entspricht wohl einer europäischen Klassifizierung als 1B ), was ihr in antarktischen Gewässern im Winter und Frühjahr eine Operation im Eis bis 80 cm bei geschlossener Eisdecke, im Sommer und Herbst bis etwa einem Meter Stärke derselben erlaubt. Wird das Eis unerwartet stärker oder ist sie zur falschen Jahreszeit am falschen Ort, wird es für das Schiff mit seiner „Klasse“ und der recht kleinen Maschinenanlage von 2.300 kW recht schnell recht eng.

“]©by DiedrichF “Akademik Shokalskiy”[CC-BY-SA-2.0-de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/deed.en)]

An Bord befinden sich auf dieser Reise 52 Passagiere und 22 Besatzungsmitglieder. Die Reise ist Teil einer angeblichen – aber nur vage näher beschriebenen – Forschungsexpedition unter Leitung des Professors für Klimawandel an der Universität von New South Wales, Chris Turney. Der Wissenschaftler hatte – den eigenen Angaben zufolge – ein durchaus ernstes Anliegen. Mit der Expedition wollte er die Veränderungen in der Umwelt in der Region um den Südpol erforschen. Dabei sollten die gleichen Methoden angewendet werden wie die des Polarforschers Douglas Mawson, der vor 100 Jahren auf einer abenteuerlichen Entdeckungsfahrt in der Region unterwegs war. Zusätzlich wollte man mit den modernen Kommunikationsmitteln der heutigen Zeit für die Polarforschung im Allgemeinen, sowie für die Arbeit von Professor Turney zur Klimaforschung im Besonderen werben.

Nach einer von hier aus nicht so ganz genau nachvollziehbaren Reiseroute befand sich das Schiff bereits auf dem Rückweg aus der Antarktis, als es am 25. Dezember vor der „Commenwealth-Bucht“, etwa 2.800 km südlich von Hobart auf der Position 66,88 S und 144,39 E, vom Eis eingeschlossen wurde. Die australische Schifffahrtsbehörde koordinierte nach einem eingegangenen Notruf via Satellit eine Such- und Rettungsaktion für das Schiff. Recht schnell stellte sich dabei jedoch heraus, das offensichtlich keine unmittelbare Gefahr für die Eingeschlossenen drohte und diese, bei laufenden Schiffsaggregaten, mit Strom, Heizung und reichlich Vorräten wohlversorgt schienen. Trotzdem dachte man über eine Evakuierung nach und schickte mehrere Schiffe zur Hilfe.

©by Mk2010 “Xue Long” (Own work) [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)

Als Erster versuchte der chinesische Eisbrecher „Xue Long“, die „Akademik Shokalskiy“ aus dem Eis zu befreien. Die „Xue Long“ ( für Europäer: „Schneedrache“ ) ist ein 1993 in der Ukraine gebauter, 167 Meter langer und mit einer 13.000 kW leistenden Maschinenanlage ausgestatteter chinesischer Versorgungseisbrecher. Als drittes Schiff ihrer Klasse gebaut, stellt sie bislang das einzige eisbrechende Schiff der chinesischen Polarforschung dar und versorgt regelmäßig die bisher drei antarktischen Forschungsstationen des Riesenlandes. Ausgestattet mit einem Bordhubschrauber führt sie als Eisklasse „1A Super“ für extreme Eisverhältnisse. Sie musste jedoch am 28. Dezember in nur sechseinhalb Seemeilen Entfernung von der Akademik Shokalskiy aus Sicherheitsgründen den Rettungsversuch abbrechen, da die Eisdecke auch für sie zu dick war.

Nach diesem gescheiterten Bergungsversuch der „Xue Long“ versuchte die inzwischen ebenfalls vor Ort eingetroffene australische „Aurora Australis“ an die „Akademik Shokalskiy“ heranzukommen, um diese aus dem Eis zu befreien. Dort an Bord feierte man derweil unter Leitung von Professor Turney offensichtlich rauschende Bordpartys zur Zerstreuung der gelangweilten Passagiere. In der bunten Presse als „oberster Stimmungsmacher“ benannt, sorgte der Expeditionsleiter offenbar maßgeblich dafür, dass sich der unfreiwillig verlängerte Aufenthalt für die Passagiere zu einer ausgelassenen Polarparty auswuchs. Alles wurde von Chris Turney und seinen Begleitern auf Twitter dokumentiert und über das Satellitentelefon einer mal mehr, mal weniger gebannt lauschenden Welt vermittelt.

Bei der herbeieilenden „Aurora Australis“ handelt es sich um ein von den Finnen entworfenen und in England gebauten australischen Forschungseisbrecher der seit 1990 für die Australian Antarctic Division in Fahrt ist. Ausgestattet mit einer 10.000 kW leistenden Maschinenanlage und von Lloyds Register of Shipping mit einer „1A Super“-Eisklasse bewertet, kann sie ganzjährig geschlossene Eisdecken von mehreren Metern Dicke durchbrechen. Sie dient hauptsächlich – neben ihren anderen Aufgaben – als Versorgungsschiff für die Stationen in dem von Australien beanspruchten Territorium in der Antarktis. Ausgestattet mit zeitweise mehreren Hubschraubern ist an Bord Platz für 133 Menschen inklusive der Besatzung. Als sie bis auf 18 Kilometer an die „Akademik Shokalskiy“ herangekommen ist, muss jedoch auch sie ihren Rettungsversuch aufgrund eines Schneesturms abbrechen, der eine Weiterfahrt zu gefährlich erscheinen lässt.

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Nach dem Abklingen des Sturmes übernimmt sie aber die 52 Passagiere der „Akademik Shokalskiy“, die nach gemeinsamen Vorbereitungen auf den Schiffen und dem Bau eines improvisierten Hubschrauberlandeplatzes in mehreren Gruppen mit dem Kamow Ka-32 Bordhubschrauber der „Xue Long“ zur „Aurora Australis“ ausgeflogen werden. Das Schiff bricht für diese Aktion sein für den antarktischen Sommer vorgesehenes, übliches Forschungsprogramm ab und macht sich nach der Übernahme der Passagiere direkt auf den Weg nach Hobart in Tasmanien, wo sie mit ihren Gästen Ende Januar eintreffen dürfte.

Es bleiben Fragen. Reichlich sogar, wie nicht nur ich finde. Grundsätzlich kann natürlich tatsächlich niemandem verboten werden, in die Antarktis zu fahren, da der Südliche Ozean – anders als das Nordpolarmeer – internationales Gewässer ist.

Nur: was ist, wenn Leute sich mit ganz offensichtlich zu schwachen Schiffen, mangelhaftem Material und – man muss es so werten – dem Vertrauen auf den im Notfall schon stattfindenden Hilfseinsatz von Anderen verlassen? Pauschaltourismus an der Grenze, mühsam verbrämt als Forschungseinsatz. Geht’s gut, verdienen wir ordentlich Geld und haben ein tolles Erlebnis, geht’s schief, wird uns schon irgendwer raushauen und wir haben trotzdem ´ne tolle Story zu erzählen. Wer es sehen will, schaue bei Twitter oder YouTube. Da findet man sie, die Helden. Hoch die Tasse.

Und natürlich lässt niemand so einen Dampfer mit 72 Leuten an Bord einfach absaufen. Das wissen auch die Veranstalter solcher Touren. Wäre es wirklich eng geworden mit der Gefährdung, wären Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt worden und ein Haufen Leute hätten Kopf und Kragen riskiert um zu helfen. Die Internationale der Seeleute. Man lässt niemanden da Draußen. Und wenn es das eigene Fell kostet.

Während ich das schreibe schwimmt die „Akademik Shokalskiy“ immer noch. Eingeschlossen im Eis, ok, aber das ist die „Xue Long“ in Folge ihres Hilfseinsatzes inzwischen auch. Die Aggregate an Bord laufen, es ist warm, die Vorräte reichen weit über ein Jahr, der zurückgebliebenen Mannschaft gehe es gut, so hört man. Die Australier haben ihr Forschungsprogramm für dieses Jahr aufstecken dürfen und spielen Passagierdampfer für ihre Gäste, „die sich ganz schrecklich langweilen“, so wohl einer der Betoffenen in einem Gespräch mit einem Reporter. Wann der chinesische Eisbrecher seine Fahrt fortsetzen kann steht in den Sternen, äh, Wolken.

Immerhin hört man von den sonst überaus toleranten Australiern nun erste, zaghaft und ja wohl auch berechtigte Fragen nach der Übernahme der entstandenen Kosten. 400.000 Dollar, so der zuständige Minister, möchte man von der Versicherung des russischen Schiffes sehen. Oder dem Veranstalter. Oder Beiden, egal. Vorerst. Das mag sich nach Oben hin noch ändern, man müsse da mal ein wenig Rechnen. Ein legitimes Ansinnen, das hoffentlich Schule macht und abschreckt.

Früher gab es eine Klausel in den Versicherungsverträgen für Schiffe und Mannschaften. „Dangers oft he sea accepted“ hieß es da, sprich, wer dabei war hatte die „Gefahren der See akzeptiert“. Will heißen, wer da rausgeht und sich in solchen Gegenden herumtreibt, muss mit den Konsequenzen leben. Das gilt nicht für echte Notfälle.

Aber dann, wenn vielleicht gerade nur das Bier ausgeht oder es den Helden langweilig wird …