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Also gut, ich gestehe und wer schon mal bei mir war hatte sicherlich sowieso den Verdacht: ich bin ein bekennender Arctophiler. Bevor jetzt jemandem völlig verschreckt das Brötchen aus der Hand fällt und er die Polizei holt: das ist die Bezeichnung für Teddybärenliebhaber aus Passion und diese dürfen gleichwohl als harmlos gelten.

Einen Bären – genauer formuliert – einen Teddybären hatte ich schon immer, zumindest solange ich denken kann. Aber irgendwann vor einigen Jahren hat es mich dann so richtig erwischt. Eine gute Freundin schenkte mir zu meinen beiden aus Kinderzeiten vorhandenen Bären noch einen Teddy dazu, ein kleines Bärenmädchen mit nordischen Namen „Ylva“. Und plötzlich – obwohl man trotz intensiver Forschung so wenig über das Paarungsverhalten von Stoffbären weiß – wurden es irgendwie und auf geheimnisvolle Weise immer mehr. Es muss ihnen bei mir auch gefallen. Umgebung, Hege & Pflege müssen ihren Nerv getroffen haben denn mittlerweile sind es so knapp um die 130 Bären geworden die meinen Haushalt bevölkern. Und, seien wir mal ehrlich, es wären sicherlich noch deutlich mehr, hätte ich nicht irgendwann vor zwei Jahren die Notbremse gezogen und einen Einwanderungsstopp verhängt.

Die, die da sind, werden bleiben, soviel ist klar. Sie sitzen auf Stühlen und Regalen, gucken von Schränken und linsen irgendwo zwischen den Büchern hervor. Sie besetzen mein Sofa, die Bettkante und inzwischen sind sie auch in die Küche und ins Bad vorgedrungen. Der Kleinste misst gerade 4 Zentimeter und bewohnt eine eigene Pappschachtel, der Größte bringt stolze 1,95 Meter Kopfhöhe zustande und bewohnt – fröhlich jeden unbedarften Besucher alleine durch seine Anwesenheit erschreckend – meine Wohnstube.

Mein allererster Teddybär saß vor mehr als 50 Jahren auf meinem Babybett und wartete auf mich, als ich noch gar nicht geboren war. Meine Großeltern hatten ihn für mich erworben, einen nicht nur Damals sicherlich teuren Hermannbären. Er ist fast 35 cm groß (Teddys misst man – unter Liebhabern – sitzend, so sie das können!) und wunderschön, mit beweglichen Armen und Beinen, auch der Kopf lässt sich drehen. Er ist da, solange ich denken kann, hieß immer einfach nur „Bär“ und war der Begleiter meiner Kindertage. Er musste meine Launen und Schrullen ertragen, bekam, ich erinnere mich noch Heute dunkel an den Protest meiner Mutter, irgendwann einmal mit der Nagelschere die Haare geschnitten, wurde gehauen und geliebt. Er fuhr mit in den Urlaub, schlief mit mir im Zelt, wurde hinten aufs Fahrrad geklemmt und war für mich da, wann immer ich ihn brauchte. Wir sind mehrmals zusammen umgezogen, haben neue Freunde gefunden oder auch nicht, haben schwierige Wege beschritten und zusammen manchen Traum geträumt.

Irgendwann dann blieb er hinter mir zurück, als Jugendlicher steht man über den Bären, sowas ist etwas für Kinder, die Lütten, man selber ist ja soooo cool… Er saß dann irgendwo im Regal, bei Mädchenbesuch ( die waren zu der Zeit plötzlich auch nicht mehr nur blöd ) auch mal im Schrank, kam aber nie auf den Dachboden, wie es das unverdiente Schicksal so vieler abgeliebter Teddybären ist. Und als ich mit meiner damaligen Freundin und späteren Frau in die erste gemeinsame Wohnung zog, war er, ungeplant und auf geheimnisvolle Weise, mit von der Partie und eroberte sich im neuen Wohnraum einen prominenten Sitzplatz. Heute denke ich manchmal, er hat sich selber in einen der unzähligen Pappkartons geschmuggelt, denn ich habe ihn da nicht reingepackt. Aber es passte schon, dass er dabei war. Es war ein gutes Gefühl und wenn jemand unbedingt lästern musste machte er das meistens nur einmal.

Irgendwie haben mich diese kleinen Plüschgesellen schon immer in den Bann geschlagen. Vielleicht liegt das an ihrer seltsamen Entstehungsgeschichte, die so faszinierend ist – es gibt da mehrere Versionen, doch ich tendiere zu der „steiffschen Geburtsgeschichte“. Vielleicht deshalb, weil sie eine fast amerikanisch wirkende „durch-den-Staub-zu-den-Sternen-Story“ ist und ich einfach Menschen mag, die unbeirrt „ihr Ding“ machen.

Teddybären gibt es jetzt seit knapp hundert Jahren. Sie sind – da ist sie wider, die Geschichte – geboren aus der Phantasie einer jungen, außer von ihrer Familie oft nicht sehr geliebten und behinderten Frau, Margarethe Steiff. Die von ihr ersonnenen Teddybären – diesen Namen hatten sie da noch gar nicht – haben klein angefangen und der Werdegang war sehr, sehr schwierig. Zu Beginn stand ihre Art oft genug vor einem ökonomisch bedingten „Aus“. Dann haben sie mit ihrem Vertrauen einflößenden Aussehen und sehr viel Liebe die Herzen der Kinder und der Kindgebliebenen angerührt und in einem beispiellosen Siegeszug auf friedliche und liebenswerte Art die Welt erobert. Über die Jahre hinweg besiedelten sie alle Kontinente und ihre Zahl wurde Legion. Sie sind überall. Es gibt sie in ungezählten Formen und Farben: Teddybären fliegen heute auf Rettungshubschraubern mit und fahren in Polizeiautos, sie sind in Krankenhäusern und Kindergärten, sie trösten mitten in einem entsetzlichen Verkehrsunfall Verletzte. Sie werden mit den Hilfslieferungen für die Überlebenden über Erdbebengebieten aus dem Flugzeug abgeworfen um traumatisierte Kinder zu trösten, sie sitzen im Kinderhospiz auf den Betten der kleinen Patienten, trösten erwachsene Männer der Feuerwehr, wenn es nichts mehr zu retten gibt. Sie fahren auf Seenotkreuzern mit hinaus in den Sturm um die hereinzuholen, die noch draußen sind. Sie sind mit den Männern und Frauen in das All geflogen, waren auf der internationalen Raumstation. Sie sitzen im Krankenhaus neben dem OP-Tisch und in der Zelle des lebenslang Verurteilten. Sie sitzen auf Betten, in Kinderwagen, hängen an Rucksäcken und kauern in Schultaschen. Sie bevölkern Spielplätze und Arztpraxen, man sieht sie in Schaufenstern und im Fensehen, sie sind in Flüchtlingslagern und in Palästen zu Hause.

Und immer, immer spenden sie ein kleines bisschen Geborgenheit und Wärme, die so oft so völlig aus einer so auf Funktionalität ausgerichteten, kalten Welt verschwinden würden. Ich mag sie sehr – sie haben, im Gegensatz zu so vielen anderen, lieblos zusammengeschusterten Spielsachen eine Seele und sie sorgen dafür, das Liebe und Nähe in der Welt der Kinder greifbar sind. Sie spenden Trost und Geborgenheit und sind dabei leider und oft die Einzigen. Sie sind durch und durch gut. Sie sind – so sehe ich das – die plüschigen und greifbaren Verwandten der Engel, die Internationale der Kinderfreunde …

Wenn man, wie ich, so viele Bären sein Eigen nennt, beginnt man natürlich auch, sich für ihre Geschichte und das Drumherum zu interessieren. Es gibt wunderbare Bücher über Bären und es gibt wunderbare Bären mit ganz eigener Geschichte, die ich mir leider nicht leisten kann. Ältere und richtig alte Bären werden zu horrenden Preisen gehandelt, es gibt da eine wohlbetuchte Liebhaberszene die – in wenigen Ausnahmefällen, aber das ist dokumentiert – durchaus mal einige hunderttausend Euro für einen einzelnen Bären springen lässt. Das sind dann solche mit besonderer Geschichte oder jene, die nur als Einzelstück und von Hand gefertigt wurden. Ich hingegen habe einfach Bären mit Charakter, solche mit einem speziellen Gesichtsausdruck oder welche, die mich als Geschenk mit mir wichtigen und lieben Menschen verbinden. Und, weil der ein oder andere asylsuchende Teddy, der bei mir gelandet ist, hier und da über Blessuren klagt, übe ich mich dann und wann auch und mit leider nur sehr langsam wachsendem Können auch als Bärendoktor. Einige, wenige Werkzeug, ein bisschen Stoff, ein paar Ersatzteile und reichlich viel Geduld (etwas, wovon ich definitiv zu wenig besitze) sind die Voraussetzungen dafür. Das Ergebnis ist dann oft ein halbwegs widerhergestellter Bär der ein noch hoffentlich langes Leben bei mir vor sich hat.

Ganz wenige Bären haben mich über die Jahre wieder verlassen. Und wenn doch, dann waren es ausnahmslos solche, die an Kinder von Freunden oder Bekannten gingen, zur Geburt oder wenn sie noch ganz klein waren. Um auch ihnen den „einen Bären“ an die Seite zu stellen, den, der sie auf ihrem langen Weg durch das Leben begleiten wird und eines Tages – nach vielen gemeinsam geteilten Geheimnissen und Schlachten – einen Ehrenplatz in ihrem Herzen und in ihrem Regal einnehmen wird.

Mein „Bär“ sitzt heute auf der kleinen, hölzernen Kinderbank auf der wir früher mal gemeinsam gesessen haben, einem Ehrenplatz in meinem Schlafzimmer, den er mit einigen anderen wackeren Veteranen aus jener Kinderzeit teilt. Ich mag sie alle, meine Bären, aber er ist und bleibt etwas Besonderes. Abgeschrabbelt und leicht verschlissen sitzt er da, mir oft änlicher, als mir das manchmal lieb ist. Die Zeit und die Liebe eines kleinen Jungen haben deutliche Spuren an ihm hinterlassen. Einige rettende Operationen hat er schon hinter sich und über die Jahre musste er sich leider an das Tragen von stützender Kleidung gewöhnen. Ein Pullover, in den ich als Baby passte, als Zusammenhalt seines ein wenig weich gewordenen Körpers. Eine blaues Jäckchen, von Urgrossmutter Marie schon zu Kinderzeiten genäht und mit den silbernen Knöpfen eines ausrangierten Uniformmantels meines Vaters versehen. Ich kann mich noch gut an das Rattern ihrer fussgetrieben Nähmaschine erinnern und daran, wie stolz ich danach auf meinen angezogenen Bären war.

Er ist etwas besonderes, dieser Bär. So, wie sie alle besonders für ihre kleinen und grossen Besitzer sind. Eben der Eine, der Bär ihres und meines Lebens!

Ich würde ihn niemals hergeben.