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Ich bin in der Küche und schnitze an einem Tassenhalter für mein Regal. Das ist schön einfach und macht meistens keine Probleme und mit zunehmender Tassenzahl ist immer mal wieder so ein Teil fällig. Natürlich kann man da auch allesmögliche Andere ranhängen, keine Frage, Handtücher zum Beispiel, aber das scheitert bisher an der immer wieder aufgeschobenen Renovierung meines Bades. Denn was soll ein neuer Handtuchhalter in einem unrenovierten Bad? Das aber nur am Rande, ich schweife ab.

Zum Schnitzen braucht es Werkzeug und ich habe über die Jahre so nach und nach schönes und gutes Schnitzwerkzeug zusammengetragen. Der Haken an den Messern und den Dingen, die man sonst noch so braucht, ist der verhältnismässig hohe Preis dafür. Zwar halte ich den für gerechtfertigt – gutes Werkzeug kostet halt nun mal seinen Teil – aber trotzdem konnte ich mir das natürlich nicht alles auf einmal leisten und so kam über die Zeit das Eine zum Anderen. Jetzt habe ich die meisten Dinge und nutze sie zu wenig, schade eigentlich. Aber möglicherweise habe ich bald weitaus mehr Zeit als bisher, das wird sich zeigen und dann soll es werden.

Was ich aber eigentlich erzählen will sind ein paar Gedanken über einen meiner Handbohrer. Richtig gehört, aber ich glaube, das Nachdenken über dieses ganz besondere Teil lohnt sich. Ich benutze, wenn ich mit Holz herumspiele, Handbohrer und habe derer zwei. Beide aus Edelstahl, irgendwann käuflich auf einer Reise erworben und zusätzlich zur Funktion nun auch mit Erinnerungen behaftet. Sie reichen mir völlig für Aufhängelöcher und andere, kleinere Arbeiten & Dinge. Und ich habe einen Dritten, einen alten aus normalem rostanfälligen Metall, mit einer merkwürdigen und sich seltsamer Weise auf der Länge ändernden Steigung im Bohrgewinde. Oben daran ist ein runder Holzknauf, quersitzend, die Holzart undefinierbar unter der von den vielen Griffen blankgescheuerten und leicht speckig wirkenden Oberfläche. Diese hat reichlich Riefen und Schrammen, der Stahl sitz ein wenig schief im Holz, man sieht dem Teil die häufige und intensive Nutzung an.

Dieser ganz besondere kleine Bohrer ist von meinem Großvater auf mich übergegangen. Wie das genau passiert ist, kann ich gar nicht mehr sagen, es war kein bewusstes Geschenk oder so. Eher denke ich, dass das Teil – Jahre nach dem Tod des Großvaters – bei der Auflösung der Wohnung irgendwo herumlag und weg sollte.

Beides liebe ich so gar nicht. Wohnungsauflösungen meide ich, wo immer das geht. Ich finde es entsetzlich deprimierend, wenn Menschen im Leben Anderer herumwühlen, es aufräumen, es entsorgen. Wenn Dinge auseinandergerissen werden, die einmal voller Liebe zusammengetragen wurden. Wenn Sachen im Müll verschwinden, die ein Leben lang gepflegt wurden, eine Funktion hatten, gehalten haben und nun, weil sie niemand haben will, einfach untergehen. Das Wegschmeißen von funktionsfähigen, oftmals sehr viel stabiler als die aktuellen Kopien aus Fernost seienden Dingen, empfinde ich als eine herangezüchtete Pest unter den Menschen, die zwar möglicherweise eine Volkswirtschaft stärken mag, grundsätzlich aber jedem Gedanken von Nachhaltigkeit widersprechen muss. Jedenfalls glaube ich, bei dieser Gelegenheit landeten Bohrer und noch ein paar artverwandte Geräte als Rettungsmaßnahme in meinem Auto und damit in meinem Besitz.

Ich benutze ihn gerne. Das Holz fasst sich gut an. Er ist alt und hat sicherlich schon viel erlebt, wurde bei vielen Werken eingesetzt. Ich bin mir da nicht sicher, möglicherweise ist er sogar irgendwann einmal selbst gemacht worden. Mein Großvater, aus dessen Besitz ich ihn nun habe, war Schulmeister, Lehrer und später Direktor an einem Gymnasium, ein ungemein belesener Mensch der, neben all seinen anderen Interessen in Kirche und Politik, in jungen Jahren wunderschöne Dinge aus Holz fertigte. Es gibt da – neben vielen anderen Sachen – einen wundervollen, handgeschnitzten Altar, der heute bei meinem Onkel hängt und den ich von Kind auf angestaunt habe. Er ist, in Größe und Ausführung, wahrlich eines Platzes in einer Kirche würdig. Stehe ich heute davor, weiß ich, dass ich bei nochsoviel Mühe niemals etwas auch nur Ähnliches in Holz werde schaffen können. Und wenn ich mir dann aus der Nähe den Zusammenbau anschau, die Verzapfung und die Bohrlöcher, dann denke ich manchmal, mein kleiner Bohrer war daran sicherlich beteiligt. Es spricht vieles dafür.

Und so habe ich jedesmal, wenn ich ihn in die Hand nehme – neben einem einfachen Werkzeug – zugleich ein Stück Familiengeschichte in der Hand. Ich denke an den Menschen, der ihn vor mir in der Hand hatten. Und ich wünsche mir dann, dass ein wenig von seinem Können, seinen Ideen und seinen Vorstellungen bei mir wirken mögen, das wäre schön. Ich glaube und hoffe, er würde zu schätzen wissen, dass sein Bohrer bei mir ist und – viel wichtiger – noch immer eine praktische Aufgabe erfüllt. Für mich ist es eine Art gefühlte Verbindung durch Raum und Zeit die ich sehr liebe.

Ein gutes Gefühl.