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Jeder hat so seine Ängste, logisch. Einige sind schon immer dagewesen, andere sind hinzugekommen. Bei jedem. So setze ich mich zum Beispiel nie mit dem Rücken zur Tür in einen öffentlichen Raum, es könnte jemand hereinkommen und hinterrücks auf mich schießen. Das ist mir unangenehm. Nein, ich arbeite nicht für die örtlichen Mafia, aber irgendwie liegt mir das im Blut und die Tür im Rücken ist einfach ein ungutes Gefühl. Übrigens: 80 % aller dazu befragten Männer geht das so und wenigstens 30% der Frauen ebenfalls. Eine Urangst, möglicherweise. Wer weiß.

Und dann Feuer. Die Angst davor führt dazu, dass ich dann und wann des Nachts im Dunkeln durch mein großes Gemäuer schleiche, spärlich bekleidet weil gerade dem Bett entsprungen, und schnüffelnd wie ein Trüffelschwein. Weil ich meine, irgendetwas gerochen zu haben. So einen Hauch von Rauch. Den sehr speziellen Geruch von schmorender Kabelummantelung. Eine überhitzte Herdplatte. Weil: Feuer ist so eine Sache.

Auf der einen Seite liebe ich es sehr. Es geht nicht über das abendliche Lagerfeuer, wenn ich mit Freunden irgendwo im Norden unterwegs bin. Der Tag geht zu Ende, irgendwie haben wir richtige Männerarbeit an der frischen Luft geleistet, ein vollgepacktes Boot Richtung neuer Entdeckungen und Landstriche oder doch zumindest über den See gebracht. Ein ordentliches Abendbrot liegt hinter uns, irgendwo außerhalb des Lichtkreises stehen unsere Zelte. Das Feuer knackt und prasselt, der Rauch vertreibt die Mücken und manchmal auch uns selber. Ein heimeliges Gefühl macht sich breit und – nachdem der obligatorische Besserwisser am Feuer rumgepfuscht und dafür einen Tritt bezogen hat – tritt eine erfreulich maulfaule und gemütliche Ruhe ein. Genuss pur, Mann kann wunderbar träumen an so einem Feuerchen und sich ein wenig wie bei den ersten Menschen weit draußen in der Wildnis fühlen. Ein Blick über die Flammen hinweg in die unrasierten Gesichter der Mitreisenden mag dieses Gefühl nocheinmal erheblich zu verstärken … und das offene Feuer gehört einfach dazu. Es grenzt ab, gegen die Wildnis mit ihren Schrecken und den bösen, touristenfressenden Tieren, es spendet Wärme und Licht, der Kreis um das Feuer ist auf der Reise das Zuhause.

Auch bei den Ferienhäusern, ein wenig weiter südlich im Norden und von mir vorzugsweise in der kalten Jahreszeit geschätzt, achte ich immer auf das Vorhandensein eines Kaminofens. Ich liebe es, nach einem langen Spaziergang am Meer nach Hause zu kommen und den Ofen anzünden zu können. Oder am Morgen die Kaffeemaschine anzuwerfen und mit eiskalten Pfoten neben dem Ofen auf das Erwachen der Flammen und die damit einhergehende Wärme zu warten. Diese Wärme ist eine ganz andere als aus einer Zentralheizung, sehr viel direkter, trockener und mit einem ganz eigenen Geruch verbunden. Im Sofa zu hocken, vor den Fenstern einen ewiglangdauernden, zappendusteren Winterabend und in das flackernde Licht des Kaminofen zu schauen würde ich ewig lange aushalten, dabei das heimelige Bullern des verbrennenden Holzes im Ohr. Ok, ein Kaffee und ein Buch würden die Sache noch abrunden, aber ich will da nicht unverschämt sein.

Es gibt aber eben auch eine andere Seite am Feuer. Das ist die allesvernichtende, wilde Macht, die es entfesseln kann, wenn man nicht aufpasst. Vielleicht ist mir das zu Beginn meiner Seefahrtszeit eingebläut worden, ich weiß es nicht. Interessanter Weise haben Seeleute vor Feuer sehr viel mehr Respekt als vor einem möglicherweise denkbaren Sinken ihres Schiffes, wobei beides eng ineinander verzahnt ist und das Eine das Andere oft genug nach sich zieht. Aber Feuer ist der Horror an Bord, Aussteigen und auf die Feuerwehr warten schlichtweg unmöglich. Rauchen im Bett konnte zur fristlosen (und berechtigten) Kündigung führen, auch zum Tod, davon mal abgesehen. Die wenigsten Menschen wissen, dass Seeleute voll ausgebildete Feuerwehrleute sein müssen, ansonsten kommen sie gar nicht an Bord. Und so wurden wir vom ersten Moment auf die Vermeidung von Feuer und die Bekämpfung desselben mit einer Ausbildung und unzähligen Übungen vor Ort gedrillt. Vielleicht hat das meine Paranoia befeuert.

Immerhin, sie ist nicht unberechtigt. Ich wohne und arbeite seit vielen Jahren in einem großen, weitgehend öffentlichen Haus in dem unzählige Gruppen und somit ein Haufen Menschen ein- und ausgehen. Da werden Kerzen angezündet (und nicht wieder gelöscht), da werden unzählige kleine Elektrogeräte dubioser Herkunft und Sicherheitsstufe betrieben. Da laufen Beamer nach einer Veranstaltung einfach mal weiter, da hängen Mäntel über einer kleinen Flurlampe, da bleibt in der Küche eine Platte an. Dazu gehört dann noch eine große, alte Kirche über deren Überlebensfähigkeit – sollte sie jemals Feuer fangen – wir uns wohl keine Gedanken machen zu bräuchten. Klar haben wir über die Jahre manche Gefahrenquelle erkannt und ausgeschaltet, die Löscher wurden aufgerüstet, Rauchmelder versehen ihren elektronischen Alarmdienst und schlagen auch schon mal an. Alles gut. Nur: so dumm denken wie es manchmal kommt fällt schwer! Und das betrifft ja nicht nur uns mit unserer Liegenschaft, sondern auch die Nachbarn, auf die und auf deren Vorsichtsmaßnahmen wir keinen Einfluss haben.

Einmal hatten wir schon ein hübsches Schadensfeuer, keine sechs Meter neben dem mit Holzschindeln gedeckten Kirchturm. Es war eine durchaus interessante halbe Stunde voller Adrenalin, bis die örtliche Feuerwehr die Sache im Griff und die Flammen niedergekämpft hatte. Wir kamen mit einem blauen Auge und einem verräucherten Kirchenschiff davon, die betroffenen Nachbarn mit dem Leben, verloren aber ihre Existenz.

Und so kommt es, dass ich manchmal aufwache und ein ungutes Gefühl habe. Mir einbilde, etwas zu riechen. Und dann mit kalten Füssen und innerlich fluchend durch das Haus schleiche, auf der Suche nach etwas, von dem ich weiß, dass es das wahrscheinlich gerade gar nicht gibt.

Andererseits, frei nach einem Spruch über das Rauchen im Bett: Ignorieren sie keinen Brandgeruch. Die Asche, die zu Boden fällt, könnte ihre eigene sein!