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Ich habe vor drei Tagen recht überraschen Clark Gable getroffen. Käthe von Nagy auch und Norma Shearer. Aber das nur am Rande, die Namen mögen auch nicht jedem etwas sagen. Bei Gable ist das was ganz anderes, obwohl, er ist inzwischen ja tatsächlich auch schon ein wenig älter. Trotzdem.

Netter Kerl übrigends, jedenfalls so auf dem Bild. Die Biografie hat da durchaus auch anderes zu zu sagen, aber das lassen wir hier mal ausser Acht. Ich phantasiere? Aber mitnichten!

Aufräumen im Bücherregal, eigentlich die Nachsuche nach einem vermissten Buch. Dabei wird dann auch schon mal die zweite Reihe freigeräumt in der die weniger genutzten, aber durchaus schönen Wälzer ihr über lange Zeiträume ruhiges und nur vom Staub gestörtes Leben führen. Und dort – nachdem sich die Staubwolke wider gesenkt hatte und in der Tiefe des Systems – fiel mir dann ein altes Album in die Hände.

Hochkant im Regal stehend, gebleicht-braun, abgeschrabbelt, deutlich vom Zahn der Zeit angenagt lässt sich auch bei scharfem Nachdenken meinerseits nicht mehr rekonstruieren, wo es einmal hergekommen sein könnte. Möglicherweise ein Erbstück, aber dann hätte es mir früher auffallen müssen. Vielleicht für ein par €uronen vom jährlich im Hause stattfindenden Büchermarkt mitgenommen, ins Regal gelegt und flugs vergessen? Könnte sein, man ist nicht mehr der Jüngste, aber auch hier eher: nein.

Andererseits: es spielt eigentlich auch gar keine Rolle! Beim interessierten Öffnen des etwas lapidar als „Filmalbum No. 2“ betitelten Albums tat sich urplötzlich eine andere Welt auf, eine längst vergangene und teilweise vergessene. Babelsberg, die Filmstadt östlich von Berlin, die Metropole des Zelluloiddramas, Damals und wider Heute. Die Welt der Schönen & Reichen, der Sterne & Sternchen, der Leinwandstars und der aufsteigenden Filmgrößen der 20ér und 30ér Jahre des letzten Jahrhunderts. Federboas, messerscharfe Bärtchen in markanten Gesichtern, lässig getragene Pilotenhauben und schmachtende Blicke über den aufgespannten Fächer hinweg … eben alles, was nach unserer Meinung zu einer Traumfabrik aus jener Zeit dazugehört.

Das Ganze auf kleinen Schwarz-weiß-bildchen eingefangen und mit den Zigaretten der Marke „JUNO“ verkauft. 3 ½ Pfennig kostete ein solches Paket der kleinen, ungefilterten Glimmstengel, vertrieben wurden sie von der später im Reemtsmakonzern aufgegangenen Cigarettenfabrik „Josetti“. Und in jedem der Pakete steckte ein solches Bild. Rechne ich mal locker die Anzahl der Bildchen in dem Album zusammen, dann komme ich so auf roundabout 300 davon. Der Preis war sicherlich auch damals nicht gerade niedrig – auch, wenn er uns so erscheinen mag – und Vatern musste schon eine ganze Weile qualmen und investieren, bis die lieben Kinderchen das Album vollkleben konnten.

Denke ich an die Zeit mit meinen Söhnen, ein paar Jahre zurück, als solche Sammelaktionen bei uns „in“ waren ( ja, ja, schon klar, da waren es Dinosaurierer und später Pokemons ), dann wird es damals wie auch noch heute sicherlich Tauschbörsen und Sammlertreffen gegeben haben: „ … hier, eine Greta Garbo gegen zwei Clark Gables!“ „Bist du blöd? Was soll ich mit dem Typen, der bringts doch nun wirklich nicht!“ So oder ähnlich wird es geklungen haben und das Tauschergebnis war sicherlich nicht immer befriedigend. Auch in meinem Album fehlen hier und da ein paar der Bildchen, auch, wenn es ansonsten erstaunlich komplett zu sein scheint.

Blicke ich auf die Bilder, dann verschwimmt die Zeit zwischen meinem Jetzt und dem Sein der Stars damals. Gute 70 Jahre plus-minus ein Jahrzehnt hier und da mögen uns trennen und trotzdem oder gerade deshalb wirken die Aufnahmen erstaunlich aktuell. Ok, heute wären sie meist farbig, aber Qualität und Schärfe waren auch damals erstaunlich gut. Die eingenommenen Posen auf den Bildern: fast dieselben wie heute, wenn nicht sogar identisch.

Ein Schlafzimmerblick lässt sich auch nur schwer ändern. Die Haartrachten: inzwischen schon dreimal wider modern gewesen oder gerade auf dem Weg dahin. Die Kleidung: nichts wirklich Zeitspezifisches, „ziemlich abgefahrenes Retro“ würde ich unter manchen Jugendlichen von heute zu hören bekommen. Und tatsächlich, ich würde mich bei manchem Dress nicht wundern, liefe jemand in einer größeren Stadt damit an mir vorbei.

Viele der Namen sagen mir nichts mehr oder kaum etwas. Andere hingegen sind auch nach so vielen Jahren präsent: Heinz Rühmann, Lilian Harvey oder Clark Gable sind ganz Große ihres Metiers gewesen, Name und Schaffen klingt bis in unsere heutige Zeit nach. Andere sind – so wie es heute ja auch ist – irgendwo auf dem Weg zum ganz großen Ruhm untergegangen oder waren irgendwann schlichtweg nicht mehr „in“. Künstlerschicksal. In diesem Album leben sie alle zusammen in einer Momentaufnahme aus dem Jahre 1934 weiter und lassen sich von mir betrachten.

Und so sitze ich da und höre zu, wie mir das Album Geschichten aus einer anderen Zeit erzählt und dabei selber zu einem Stück davon geworden ist.