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Vor ein paar Tagen, ich bin unterwegs, irgendwo jenseits der östlichen Heide im alten Grenzland am grossen Strom. Es ist Abend, ich schaue auf dem Heimweg auf einen Sprung bei einem Freund herein. Kleiner Ort, kleines Haus. Überrascht ist er nicht wirklich, wirklich erfreut aber auch nicht. Er sitzt am Schreibtisch, schaltet gerade den Rechner ab. Die Brille liegt daneben, ungewöhnlich, er macht einen müden, einen kaputten Eindruck. Wir sprechen miteinander. Hallo, woher, wohin. Er antwortet lustlos, scheint in Gedanken woanders. Schon nach wenigen Sätzen bin ich erstaunt, so kenne ich ihn nicht. Also frage ich.

Es stellt sich heraus, dass er sich so auch nicht kennt. Nicht kannte. Na ja, bis vor ein paar Wochen. Monaten vielleicht. Oder so. Da ist es losgegangen. Losgegangen? Womit? Na ja, dieser Überdruss. Dieses „müdeSein“. Nein, nicht wirklich körperlich, das auch, aber hauptsächlich im Kopf. Beim Denken an die Arbeit, die ungeliebte, die gewählte Aufgabe, die geschätzte. Besonders an Letztere, die er eigentlich wohl als seine Berufung sieht.

Über dem Schreibtisch: Bilder und Sprüche. „Aufgeben ist das Letzte, was man sich erlauben darf“. Hängt da auch, neben Anderem. Ist das wirklich so? Ohne jede Einschränkung? Seit fast einem Jahr denke er darüber nach, erzählt er, seit einigen Monaten sei das extrem geworden. Er überlege tatsächlich, aufzugeben. Nicht die Arbeit, davon lebe er schließlich. Die gewählte Aufgabe oder, besser formuliert, einen Teil davon. Dabeibleiben schon, schwebe ihm vor, aber irgendwo wider in der zweiten Reihe oder mit neuer Aufgabe. Wieder da, wo etwas direkt am und für Menschen geleistet werde. Nur eben nicht mehr da, wo andere erst eine Ansage erwarten und sich dann über diese echauffierten. Wo hausgemachter Ärger leicht und Mitarbeiter für ein Projekt schwer zu finden seien. Wo das Gerücht residiere, die Nachrede, der geflüsterte Neid, die Verabredung zur verbalen Attacke. Wo es Leute gäbe, die Feedback mit Therapie verwechselten, die wenig leisten würden, dafür aber umso mehr „auf den Schoß“ wollten.

Das, genau das habe er satt. Aber so richtig. Der Ärger mit den Leuten. Nicht mit allen, weiß Gott nicht, es gäbe wirklich gute und ihm wertvolle Freunde darunter, aber mit einigen, wenigen. Und der Umgang mit diesen Wenigen sei es, der alles so schwierig habe werden lassen. Das fresse seine Energie auf. Brächte Ärger, tagelanges, stilles Wüten in Kopf und Herz. Oder Enttäuschung, ja, auch menschliche. Sowas ließe ihn des Nachts manches Mal nicht Schlafen oder sehr früh am Morgen aufwachen. Kaffeetrinken und Aufstehen sei dann noch die beste Alternative zu sinnlosem Grübeln und Herumgewälze. Und das, so sprach er weiter, könne schließlich nicht der Sinn einer selbstgewählten Aufgabe sein.

Meine Frage nach dem aus meiner Sicht verständlichen und schnellen Ausstieg lässt ihn grübeln. Er wisse nicht so ganz genau, was ihn halte. Die Möglichkeit, dass der Fehler auch bei ihm liege. Er seine Aufgabe nicht genügend reflektiere, das habe man ihm schliesslich schon unterstellt. Die Freunde, wahrscheinlich, die seien ihm sehr wertvoll. Die Freude an manchem Aspekt der Aufgabe, der dann auch mit dahinginge. Möglicherweise. Die üblichen Einwände vielleicht: „Wo kämen wir dahin, wenn jeder gleich hinschmisse?“ Nur: es sei hier keineswegs „gleich“ und keineswegs leichtfertig. Lange habe er das Gespräch, sogar den ihm nicht immer ganz leicht fallenden Ausgleich gesucht. Und „wo man dann hinkäme“ bei einem Ausstieg sei ja vielleicht einmal eine ganz gute Erfahrung für einen selber und für Andere. Bedeute es doch in jedem Fall einen neuen Weg, eine neue Richtung.

Wir kommen zu keinem Ergebnis an diesem Abend, obwohl, es wird reichlich spät über unser Gespräch. Auch ein paar Tage später nicht, bei einem zweiten Versuch. Darf man aufgeben? Die Frage bleibt im Raum stehen. So etwas müsse vielleicht ja wachsen, meint er, als ich beim zweiten Male gehe. Zuviel sei im Moment wohl in Bewegung und eine Weile werde es schon noch gehen. Vielleicht. Hoffentlich. Ach was, sicher.

„Neue Wege entstehen beim Gehen.“ Auch so ein Spruch über dem Schreibtisch.

Hoffen wir es mal.