Schlagwörter

, , , , , ,

2003 wars. Sommerfreizeit, Zeltlager in Norwegen. Telnessanden, eine Zeltwiese mit Holzhaus auf einer netten, kleinen Halbinsel. Mit eigenem Strand, in jener Gegend eine kleine Sensation, hier herrschen ansonsten eher reichlich Fels und Wald vor. In einem großen und oft recht frischen See gelegen, drum herum die merkwürdig gerundeten Berge der südlichen Telemark. Kiefer- und Fichtenwälder auf den unteren Hängen, der nackte Fels weiter oben. Der schönste aller Orte für eine Freizeit, für uns im Norden erklärter Massen „Gottes eigenes Plätzchen“ und oft, sehr oft besucht.

Zelte, soweit das Auge reicht. Na ja, nicht ganz, aber die etwas steinige Wiese schon so dicht bestellt, wie es die hier und da aus dem Boden ragenden Brocken es halbwegs komfortabel zuließen. Lagerleben, einen Haufen Jugendliche zwischen 14 und 18, Programm, Freizeit, Tagesausflüge, eigenes Erleben. Dazu eine kleine Gruppe Begleiter, drei Oldster, der Rest ältere Jugendliche, sie halten das Lager am Leben und machen das Programm.

Irgendwann in der Mitte der zwei Wochen, ich fahre Nachschub holen im nächsten Städtchen. Der Einkauf ist beendet, zwei grosse Kisten voller Brot und Milch – zu horrenden Preisen beim örtlichen Lebensmitteldealer erworben – rutschen fröhlich auf der hinteren Ladefläche des Transporters herum. Ich rattere aus dem Ort, genieße wie immer den leisen Wildwestflair und lasse mein Auge wohlgefällig und voller Gier auf zwei uralten Buckelvolvos ruhen, die ein Hinterhofbastler an der Ausfallstraße wohlfeil zum Kaufe anbietet.

Kurz hinter Bø klingelt das Handy, irgendwo vorne auf der Ablage, zwischen einem Haufen Papier, Dosen und was sich da sonst noch so angesammelt hat. Ich fluche, grabbel danach und bekomme es schließlich zu fassen. Keine Mensch machte sich zu jener Zeit irgendwelche Gedanken um die der Verkehrssicherheit möglicherweise nicht gerade förderliche Kombination von Autofahren und Telefonieren. In Norwegens Hinterland schon mal sowieso gar nicht und ich denke auch, das ist dort bis heute so geblieben. Endlich habe ich das Teil erwischt, bekomme es halbschräg ans Ohr und belle ein wenig erfreutes: „Na???“ hinein. Ich kenne die Dinge, die da nun so wichtig kommen mögen: „Fahr mal zurück, wir brauchen noch Sahne“ oder „Hab ich dir vorhin gesagt, dass wir noch 50 altrosa Briefumschläge für das Spiel brauchen?“ Bedeutet umdrehen, wider an den Volvos vorbei, nochmal in den Shop, die Verkäufer nerven und unmögliche Dinge suchen. So kann man natürlich auch seine Vormittage verbringen.

Umso mehr erstaunt mich, was nun in Form einer aufgeregten Mitarbeiterstimme an mein Ohr dringt: „Du musst sofort zurückkommen, Niklas hat einen Angelhaken in der Nase, wir müssen zum Arzt!“ Ja klar doch. Angelhaken. In der Nase. Logisch. Mit einem einzigen Wort vermittele ich meine Meinung über den Geisteszustand des Anrufers und lege auf. Hampelmänner. Nix zu tun im Lager, was? Es klingelt wider. Weggedrückt. Erneutes Bimmeln. Mein Blutdruck schwillt. Ein kleiner Joke, wenn auch blöd gemacht, ist je nett, nun nervt es. Also: weggedrückt. Erneutes, panisches Gebimmel. Fuuuu ….! Blick aufs Handy, ah, „the master himself“, Diakon & Lagerleiter in Personalunion. Will der auch mitspielen im doofen Spiel? Also rangehen: „WASS ISS ???“ „Komm her, Nike hat einen Haken in der Nase, wir müssen zum Arzt!“ Öhhh … tja. Hm. Keine Verarschung??? Nein, keineswegs, KOMM HER! Ok, ok, nicht aufregen, ich komme, dauert aber einen Moment. Dann mal los.

Jedoch: wir sind verhältnismässig tief im norwegischen Hinterland. Eine schmucke Gegend, wie gesagt, der Ausblick meist auf irgendeine Art spektakulär. Die kleineren Nebenstraßen dort sind interessant, jedoch ein wenig eng und mit reichlichen Kurven gesegnet. Hier die eher rudimentär ausfallende Straßenbegrenzung zu Verfehlen empfiehlt sich nicht wirklich, kommt danach doch meist erst reichlich freier Luftraum und dann ein tiefer und, wies ausschaut, recht kalter See als Landeplatz für eine dramaturgisch schicke Notlandung. Nicht das, was ich in meinem fortgeschrittenen Alter wirklich brauche. Also eilen wir schnell, jedoch nicht zu schnell zum Ort des seltsamen Geschehens, wo beim Vorfahren schon reichlich Bewegung und Aufregung herrscht.

Der Diakon mit Personalmappe und Tasche. Aha, das zeigt den Ernst der Lage, befinden sich dort drin doch die Versichertenkarten für Notfälle. Daneben ein etwas zusammengesunkener Teilnehmer auf einem Stuhl, an dem Rudel der ihn umsorgenden Weiblichkeit deutlich erkennbar der Held des Geschehens. In der Hand ein Handtuch, dass er sich krampfhaft ins Gesicht hält, dahinter – ich lasse es mir in meinem Unglauben zeigen – tatsächlich ein Blinker, der sich mit seinem Dreizackhaken durch den Nasenflügel und in die Wange gebohrt hat.

Ich kann mir ob der Situation ein Grinsen nicht verkneifen, zumal es dem aufstrebenden Junghelden nach erlittenem Schrecken und Blessur schon wieder ganz gut zu gehen scheint: „Wie hast du das denn geschafft, du Dödel?“ Er stottert irgendwas zusammen, wir verladen ihn in den Transporter und entfleuchen dann zu Dritt über die schon bekannte Uferstrasse den See entlang in den nächsten Ort mit einer Rettungsstation.

Unterwegs erfahre ich die Geschichte: unser aufstrebender Jungheld hatte am Seeufer eine verwaiste Angel gefunden, so eine kleine, faltbare. Modell McGyver, als Erklärung für die, die damit noch etwas anfangen können. Damit hatte er, wie irgendwo gesehen, fröhlich das Blinkern geübt, also das Auswerfen des daran hängenden Hakens. Wer sowas schon mal versucht hat weiß, dass das eine gewisse Fertigkeit voraussetzt. Ansonsten sind Ohr oder Jacke relativ schnell einmal in blutige oder fetzende Mitleidenschaft gezogen. Hier nun rief ihn während seines nach frischem Fisch trachtenden Tuns jemand von der Seite an und er drehte – wohl mehr oder minder automatisch – seinen Kopf und damit auch seine Nase in dessen Richtung. Die ballistische Kurve des gerade zurückkehrenden Blinkers übersah er dabei völlig. Dieser sah sich in seiner Flugbahn durch das vorstehende Riechorgan gestört und schlug ebendort mit erheblichem Kawums ein, mit dem Haken flugs ein Loch in Nasenflügel und Wange bohrend. Wehgeschrei erfüllte darob die Luft, andere Junghelden und -heldinnen eilten herbei und eskortierten den so Verletzten unter Hinterhertragen der mit ihm nun untrennbar verbundenen Angel zurück zum Platz von wo man nach eingehender Begutachtung den besagten Anruf an mich tätigte.

Der Rest ist schnell erzählt. Angekommen in Seljord und in der Notaufnahme der Notfallstation musste ich leider zurückbleiben. Diakon und Opfer verschwanden in der Station, die Geschichte wurde mir hinterher von Beiden in unterschiedlicher Version berichtet. Die erste Schwester war ob der Art der Verletzung etwas, die zweite stark erheitert. Die diensthabende Ärztin schloss sich an. Dann gings zur Sache und unter einigem, verständlichen Gezappel und dem Einsatz der stärksten, vorhandenen Zange aus dem Horrorarsenal der Praxis gelang es letztlich, den Haken durchzukneifen und aus der Nase zu drehen. Qualität eben, Federstahl, soll ja was halten. Pflaster drüber, Tetanus in Ordnung, na dann, und „spielen sie nicht wider mit Angeln rum. Hahahaha …“

Rückfahrt mit einem deutlich erleichterten, aber auch mitgenommenen Verwundeten. Die wartende Meute im Lager. A star was born. „Extrempiercing“, „Ring in der Nase“, hach, es gab Anlass zu allerlei Scherzen und vielerlei Gespräch. Wir waren glücklich, dass es so harmlos abging, weit vom Auge entfernt war das Loch in der Nasenwand nicht. Angeln stand danach nicht mehr ganz so hoch auf der Prioritätenliste unseres Lädierten.

Es hat ihn übrigens nicht abgeschreckt. Der Kleine mit der ramponierten Nase wurde über die Jahre einer unserer besten Mitarbeiter auf Freizeiten und auch sonst. Immer in der ersten Reihe dabei, immer voller Einfälle, voller verrückter und teilweise wundervoll beknackter Ideen. Ernst in der Sache, freundlich zu den Menschen, meistens. Ein echter, guter und geschätzter Freund, obwohl wir altersmässig so weit auseinander liegen. Der Beiname „Hook“ ist ihm bis heute unter den damals Beteiligten erhalten geblieben und so richtig ungern hört er ihn – glaube ich – auch nicht.

Und ich versäume nie, ihn dann und wann an die Geschichte zu erinnern … einfach so. Sie ist einfach zu schön, vergessen zu werden!