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Ein Mittwochmorgen, wie jeder andere auch. Genau vier Jahre ist das Heute her. Ein bisschen trüb vielleicht da Draussen, wie das häufig um die Jahreszeit ist. Die Nacht war kalt, ein letzter Hauch von Winter hatte zugeschlagen, obwohl der Frühling nicht mehr sehr fern zu sein scheint. Mein freier Tag, ich bin gerade hoch, trinke Kaffee, daddel ein wenig in meiner Wohnung herum, es steht nichts Größeres auf dem Zettel.

Das Telefon klingelt, mein Freund ist an der Strippe: „Komm bitte rüber.“ Nicht mehr, nicht weniger. Eine merkwürdige trockne und kurze Ansage von ihm und dazu um diese frühe Zeit. Das ungute Gefühl setzt sofort ein, ohne Verzögerung, es manifestiert sich als dumpfer Druck in der Magengegend. Irgendetwas ist passiert, ich spüre es, und es ist nichts Gutes.

Sein Büro und meine Wohnung liegen – nur durch einen Flur getrennt – Tür an Tür und so stehe ich eine Minute später bei ihm im Raum. Ein Blick in sein Gesicht bestätigt meine Befürchtung, noch ehe er etwas sagt. „Mach mal die Tür zu“, sagt er, und dann: „Setzt dich hin.“ Wie ungewöhnlich. Wie bedrohlich. Er sitzt hinter seinem Schreibtisch und schaut auf seine Hände. „Inga ist tot.“ Und nach einem Moment Pause: „Autounfall, letzte Nacht.“

Dröhnende Stille. Es klirrt in meinem Kopf. Ich starre an die Wand. Habe das Gefühl, frei im Raum zu schweben. Geräusche, Gefühle, Wahrnehmungen – alles schlagartig weg, was noch ankommt dringt leise durch eine unsichtbare Watteschicht zu mir vor. Die Welt steht still.

Das kann nicht sein. Nicht Sie. Ich habe sie vor einigen Wochen noch getroffen, hier, keine 10 Meter entfernt, direkt vor der Kirche, zufällig ineinander reingelaufen. Wir haben uns umarmt, gefreut, uns endlich einmal wieder zu sehen. Ich kenne sie, seitdem sie drei war, ein kleines, blondes Mädchen, das hinter einem Schützenumzug hertaperte und von uns vorsichtshalber und zur Freude ihrer aufgeregt suchenden Mutter aufgegriffen wurde. Später eine Freundin meiner Söhne. Wir waren zusammen in Jugendgruppen, auf Freizeiten, haben gelacht und geblödelt, später wurde sie Mitarbeiterin im Team der Jugendarbeit. Dann Amerika als Aupair, viel Post von dort, zurück, ein Studium und die heißgeliebte Arbeit im Ausland. Mit Menschen. Reisen, die Welt erleben, eine schöne junge Frau, voller Energie, mit großen Zielen, auf der Überholspur des Lebens und dabei immer für jeden Menschen offen der das wollte oder Hilfe suchte. Eine von den wenigen, die – trotz des Altersunterschiedes – über die Jahre eine nachhaltig gute Freundin wurde, ein besonderer Mensch in der eigenen Welt. Vor drei Tagen habe ich noch mit ihr gechattet, beiläufig, wie man das eben so macht, wenn man sich abends im Netz trifft. Und nun? Tot?

„Was ist passiert?“ Er schaut nicht auf. „Glatte Fahrbahn, soweit ich weiß. Sie war mit einer Freundin auf dem Weg nach Hause. Ist wohl gerutscht. Ein anderer Wagen hat sie getroffen, genau ihre Seite, in die Tür. Sie war sofort tot.“ Ich schlucke. Pause. Beide blicken wir zu Boden, bloß nicht anschauen. „Die Freundin ist sehr schwer verletzt, lebt aber.“ Nicht denken. Nicht ihr Gesicht vor Augen haben. Flach atmen.

„Die Eltern?“ Ich kenne sie, beide, sogar ganz gut. „Der Pastor war heute Nacht bei ihnen und ist wohl auch jetzt dort …“ Gut so. Oder auch nicht. Ich beneide ihn nicht um diese Aufgabe, nachts zusammen mit der Polizei an einer fremden Tür zu klingeln. Die erstaunten Gesichter. Das namenlose Entsetzen. Der fürchterliche Schmerz. Die eigene Hilflosigkeit, egal, wie gut man dafür ausgebildet wurde. Auch er kannte sie persönlich, das hat es nicht leichter gemacht. Respekt. Ich denke an die Eltern, an ihr Erleben, ihre Angst und Not.

Der Tag nach der Nachricht wurde grau. In doppeltem Sinne. Die Erde hört – wider Erwarten – nicht auf sich zu drehen. Das Leben um einen herum geht weiter, das ist schrecklich und schön zugleich. Der Schmerz kam am Nachmittag, zeitverzögert, ich kenne das. Herz und Hirn brauchen Zeit, eine solche Botschaft zu verarbeiten, zu realisieren, irgendwann kommt sie im Bewusstsein an. „Nie wieder …“ – dieses Wort hallt in allem nach.

Nie wieder sehen. Nie wieder lachen. Nie wieder sprechen. Nie wieder … nie wieder … So viel „nie wieder“. Und es wurde immer mehr. Wieviel ungelebtes Leben. Keine Reisen mehr. Kein Miteinander. Keine Zukunft. Keinen Partner. Keine Kinder. Kein In-den-Arm-nehmen. Keine Sonne auf der Haut, kein Wasser an den Füssen, keinen Strand vor Augen, keinen Wind im Haar. Keine Freunde. Keine Familie. Keine Eltern. Soviel hätte noch geschehen sollen, soviel Zeit wäre noch nötig gewesen.

Ich habe den Vorteil, eine Kirche zur Verfügung zu haben, wenn ich das will. Stille, einen gewissen ehrwürdigen Rahmen, Ungestörtheit und Raum für die Trauer. Dort saß ich am Nachmittag, eine kleine, einzelne Rose, ein Engel und eine Kerze vor mir und dachte an sie. Was mehr blieb zu tun. Das „nie wieder“ hallte durch meinen Kopf. Trost fand ich keinen.

Die Tage danach, man muss funktionieren und tut das auch. Die Meldung zog Kreise. Anfragen im Netz, Entsetzen. Freunde von ihr, irgendwo in der Welt unterwegs. Sie schrieben, oft zeitversetzt, aus fernen Ländern, betroffen, voller Trauer. Alle nach der Schule fortgegangen aus der zu kleinen Stadt, so wie sie, alle so eng miteinander in Kontakt, wie das Heute eben geht. Das Bild mit dem Engel ging überall dorthin, wo jemand Trost suchte, irgendein Symbol brauchte für das, was geschehen war. „Unfassbar“, den Ausdruck benutzen wir alle und oft in diesen Tagen.

Dann die Wut, als eine Zeitung Bilder vom Unfall im Internet veröffentlichte. Endlich etwas tun können, irgendwas, mit dem Presserat und Drohungen besinnungslos auf die Macher der Meldung eindreschen, sie in die Knie zwingen. Sie nehmen die Aufnahmen nach Stunden wieder aus dem Netz, noch ehe zu viele Menschen sie finden und sehen können. Ein Nebenschauplatz, eine kurze Erleichterung, es ändert nichts – es ändert nichts. Die Bilder aber bleiben unauslöschlich in meinem Kopf hängen. Es ist, als sei ich kurz dort gewesen, in jener Nacht, darauf hätte ich gerne verzichtet, wirklich.

Und dann kommt Sie nach Hause, ein paar Tage später, nach dem Abschluss der polizeilichen Untersuchungen, ein letztes Mal, leise und ganz still. Die Trauerfeier, die Kapelle auf dem Friedhof, ein Reisebus voller Kommilitonen aus dem Süden, von dort, wo sie lebte und studierte. Viele Freunde aus alten Zeiten, Menschen, die sonst gar nicht mehr in der Stadt zu Hause sind. Der Chor singt, der Pastor spricht freundlich über sie und ihr kurzes, aber so volles Leben. Über das, was sie meinte und glaubte. Mittendrin ihre Eltern, die ihre Tochter zu Grabe tragen müssen. Tränen, kaum einer, der nicht weint. „Meine Hoffnung und meine Freude“, ein Choral, der Weg zum Grab. Der Abschied. Erst einmal. Ihr Körper bleibt dort, die anderen gehen den Weg zurück in ihr Leben, mühsam, aber sie gehen.

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen“. Psalm 90. Wir hören ihn Sonntags in der Kirche, so wir dorthin gehen. Kennen ihn vielleicht aus dem Konfirmandenunterricht. Populär ist er nicht. Unangenehm. Irgendwie brutal. Nehmen wir wahr, dass das Morgen sein könnte? Gleich? „Mitten im Leben“? Dort also, wo wir uns glauben, egal, wie alt wir sind? Inga war fest in ihrem Glauben verankert, ungewöhnlich fest für einen Menschen in ihrem Alter. Das ist ein Trost, für die Familie, für die Freunde. Man mag darüber denken, wie man will, aber Tod ohne Hoffnung ist – im wahrsten Sinne des Wortes – trostlos. Nicht zu ertragen. Vernichtend.

Der Besuch bei den Eltern, die Angst vor der Begegnung, das Wissen, dass kein Weg daran vorbeiführt. Offene Arme. Wir sitzen und Reden, erinnern uns. Weißt du noch? Wir Weinen gemeinsam, eine Erlösung, dass zu dürfen. Der mühsame Versuch, einen Sinn erkennen zu können, zum Scheitern verurteilt. Gemeinsames Schweigen. Lächeln, wenn wir an sie denken. Wie gut, bei ihnen gewesen zu sein, habt Dank dafür.

Was also bleibt? Eine wichtige Frage für die, die ohne sie weiterleben müssen. Bleiben tut die Erinnerung an einen wunderbaren Menschen. Eine in ihrer Art und ihrem Wesen einzigartigen jungen Frau, die, wie ein Komet, eine schnelle leuchtende Bahn voll sprühender Energie und Lebensfreude durch ihr viel zu kurzes Leben gezogen hat. Bleiben tut – zumindest mir – ein Hadern darum, warum es so gekommen ist, wie es kam. Warum ein junger Mensch so früh gehen musste und, nein, ich finde keinen Trost in der Aussage, dass es nicht an uns sei, dass zu hinterfragen. Bleiben tut das Licht und das Lächeln, das sie zu anderen Menschen gebracht hat, angefangen bei ihren Eltern. Gemeinsames Erleben. Lachen. Wärme. Freundschaft. Bleiben tut uns auch das Wissen um Ostern, ihres und unseres, und die Tatsache, dass wir uns widersehen werden. Irgendwann. Irgendwo.

Ach, Inga. Wo immer das sein mag, Kleines, wir wissen, dass es dir dort gut geht, auch, wenn wir es nicht verstehen können. Immer noch nicht. Alle unsere lieben und guten Gedanken begleiten dich, sind bei und mit dir und hüllen dich warm ein!

„Do you know the place between sleep and awake; the place, where you can still remember dreaming? That´s where I always love you. That´s where I will be waiting.”

So ist es.

 

Here today. Gone tomorrow.