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Oft habe ich sie vorsichtig in die Hand genommen. Die Formen bewundert, die Kurven mit den Fingern nachgefahren. Rassige Linien. Das Gewicht, ok, „eindrucksvoll“ wäre hier wohl der richtige Eindruck und die Bezeichnung „Vollformat“ hat da schon eine ganz andere, schwerwiegendere Bedeutung als bei heutigen Fotomaschinen. Älter ist die Gute, deutlich – aber gut gehalten hat sie sich, keine Frage. Ein wundervolles Äußeres, die Linien, wir sprachen schon davon. Ein klarer Blick, davon hatte ich mich überzeugt, sowas ist unverzichtbar. Keine knirschenden Gelenke, auf Berührungen regierte sie schnell, willig und empfindsam. Die Reflexe – für eine ältere Dame – hervorragend. Und so ein Altersunterschied ist heute ja auch nicht mehr so ausschlaggebend …

Lange habe ich überlegt, zugegeben. Und dann letztlich doch irgendwie immer wieder die Finger davon gelassen. Jetzt, so im Schatten von Ostern und mit ein wenig freier Zeit zum Überlegen, dann die Entscheidung. Die berühmten Fragen bedurften einer Antwort. Wann, wenn nicht jetzt? Und wer, wenn nicht ich? Also habe ich beschlossen, dass wir es noch einmal miteinander probieren wollen.
Ich stelle also meine neue, alte Begleiterin vor. Eine wundervolle NIKON F100, eine semiprofessionelle Spiegelreflexkamera für 35-mm-Filme, gleichzeitig die Krönung und das Ende der von Nikon gebauten Kameras ihrer Klasse im analogen Bereich.

Von 1999 an mit einem gefrästen Magnesiumgehäuse produziert, kostete sie zu ihrer Zeit ein horrendes Geld und machte fast alles möglich, was einen engagierten Fotografen irgendwie begeistern konnte. Auf mich kam sie durch meinen Vater, der sie viele Jahre und auch noch zu den dann anbrechenden digitalen Zeiten auf weiten Reisen und Unterwegs als sein Fotografiegerät schlechthin nutzte. Später, als die Filmauswahl immer geringer und die digitalen Bildmaschinen immer günstiger wurden, landete sie irgendwann in seinem Schrank. Das dazugehörige Objektiv wanderte weiter auf meine digitale Nikon und erfüllt dort klaglos seinen Dienst bis heute. Noch später kam von ihm die großzügige Idee, die Kamera als Anzahlung für eine neue digitale Version für mich zu verwenden. Mithin, der gebotene Preis war für ein so feines Stück Technik einfach zu gering und völlig indiskutabel, so verblieb sie in der Familie.

Es war ein langsamer Prozess, sich an diese alte Dame heran zu tasten, ich schrieb schon Oben darüber. Das schon ewig bestehende Interesse an der SW- und der Portraitfotografie haben nun letztlich zum „Zeitsprung Rückwärts“ verführt. Auch der Gedanke, dass man überlegter und zurückhaltender fotografieren muss bei einem Filmmaterial, das nun wirklich nicht mehr günstig ist, hat seinen Reiz. Filme bekommt man nicht mehr an jeder Ecke und von der Entwicklung der Bilder in einem der wenigen, noch existenten Labore wollen wir mal lieber ganz schweigen. Aber vielleicht bringt mich solch überlegtes Lichtbildnern ja auch dazu, mit meiner digitalen Kamera ebenfalls überlegter zu Werke zu gehen. Geschärfter auf Motive zu schauen. Auf Machbares. Bessere Qualität zu fotografieren. Wir werden sehen.

Unser erstes „Shooting“ war eine Wucht. Ein sattes Kilo Kamera in der Hand, eine Mechanik die „KALLALAAAKKK“ macht, Elektromotoren, die für Filmtransport und Objektiveinstellung richtig anspringen und eine deutliche Geräuschkulisse entwickeln. Dazu viel Zeit zum Schauen und immer die angstvolle Überlegung, ob ich alles, wirklich ALLES überlegt und – vor allem – eingestellt habe. Zwölf Bilder haben wir gemacht. Entschleunigt. Aber „sowas von“. Ein Joke im Vergleich zum Fotografieren mit der digitalen Schwester in derselben Zeit. Und trotzdem.

Warten wir also ab, was daraus geworden ist. Dann schauen wir, ob und wie es gemeinsam weitergeht mit uns. Ich hoffe darauf. Das ist schon ein ganz besonderes Erlebnis …