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Ich mag Geschichte. Das habe ich eigentlich schon immer getan, auch, wenn man sich in der Schule an Hand der vorgegebenen Lehrpläne große Mühe damit gegeben hat, mir dieses Interesse nachhaltig zu verderben.

Mitte der Siebziger und zu meinen Schulzeiten bestand Geschichte an deutschen Realschulen – jedenfalls gefühlt – aus einer als wüst und heroisch beschriebenen Römerzeit, der, ohne grösseren zeitlichen Zwischenraum, nahtlos die Nazibarbarei der Jahre von 1935 bis 45 folgten. Flankiert von dem in dasselbe Horn stoßenden Politikunterricht durften wir dieses Thema Jahrgang für Jahrgang wieder durchkauen, von leichten Nuancen durch durch wechselnde Lehrkräfte einmal abgesehen. Diese ermüdende Erfahrung hatte bei mir eine lebenslange und abgrundtiefe Abneigung gegen „vorgekautes Wissen“ und Menschen mit einem uneingeschränkten „Deutungsanspruch“ zur Folge, mancher mag mir das dann und wann noch heute anmerken.

Tatsache ist – man mag es kaum glauben – dass ich mich trotzdem ernsthaft für Geschichte & Archäologie als Studienfach interessierte. Jedenfalls bis zu dem Moment, an dem ich das erste Mal das Deck eines Schiffes betrat. Was daraus wurde, bzw. nicht wurde, ist allerdings eine andere Geschichte. Mittlerweile – und fast ein halbes Jahrhundert später – ist das grundlegende Interesse an geschichtlichen Zusammenhängen nach wie vor da, wenn inzwischen auch auf die „zivile Art“ als ein mildes Interesse am Vergangenen.

Besonders im Urlaub ist Zeit dafür. Wenn ich dann unterwegs bin und Ruhe dazu habe versuche ich oft, Gebäude, Straßen oder Landschaften vor meinem inneren Auge mit Geschichte zu füllen. Oft habe ich vorher über die Gegend meines Aufenthalts gelesen, weiß also so in Etwa, was hier geschehen ist, wie Menschen, Fahrzeuge und Leben zu anderen Zeiten ausgesehen haben könnten.

Dazu nutze ich natürlich die Möglichkeiten, die sich am Wegrand so bieten. Kleinere Provinz- und Heimatmuseen sind mein Ding, kaum eines ist vor mir sicher. Oftmals einst mit viel Elan gefüllt und nur wenig durch die ordnende Hand eines übereifrigen Kurators verdorben, sind sie selber inzwischen ein Stück Geschichte geworden. So steht zum Beispiel in einer kleinen jütländischen Stadt eine solche verstaubte Zeitkapsel, vollgestopft mit alten Arbeitsgeräten, der paläontologischen Sammlung eines örtliche Schulmeisters aus dem vorletzten Jahrhundert und unglaublich viel geschichtsverdächtigem Gerümpel, das eigentlich durch die UNESCO als Weltkulturerbe geschützt sein müsste. Ich liebe diese Einrichtung, den Staub, das skuriele Ambiente, komme im Abstand vieler Jahre immer mal wieder dorthin und habe jedesmal Angst, dass irgendein so übereifriger Museumsfuzzi aufgeräumt haben könnte. Eine Katastrophe, die ich wirklich nicht erleben möchte.

Manches kenne ich auch noch selber von vor 40 und mehr Jahren, das macht viel aus. In die Mitte der 60ér oder Anfang der 70ér Jahre kann ich nahtlos springen, ich erinnere Autos, Kleidung, Technik, das ist also kein Problem. Was davor kommt habe ich mir angelesen oder in alten Filmen gesehen, wobei mich natürlich manche Zeiten und Gegenden mehr interessieren als andere. Von einigen Orten und Ereignissen habe ich auch Fotos aus der Familie oder alte Postkarten, die ich selber zusammengetragen habe. Und so kann ich z. B. in einer Straße stehen und vor meinen Augen lebendige Geschichte entstehen lassen. Ich sehe die alten Werbeschilder, die anderen Autos, stelle mir vor, welche Schiffe in was für einem Hafen anlegen. Ich denke an die Handwerker, die hier tätig waren, die alten Berufe, die es heute gar nicht mehr gibt.

Dabei ist nichts Romantisches – zu solchen Betrachtungen gehört auch die Armut in manchen Landstrichen, in denen wir uns das heute gar nicht mehr vorstellen können. Kleine Häuser, karger Boden, eine hohe Kindbettsterblichkeit junger Frauen, eine noch höhere Kindersterblichkeit. Tödliche Arbeitsunfälle in Serie, die Knechtschaft der industriellen Revolution. Das Meer vor der Tür, wo so mancher Kutter und mit ihm so mancher Mann, Bruder und Vater spurlos verschwanden, Schicksal halt. Das Moor mit seiner endlosen Plackerei, der Versuch, ihm Land für den Ackerbau abzuringen. Die Schwindsucht, das Rheuma, der frühe Tod. Der Arzt in der nächsten großen Stadt, kaum erreichbar, Sozialfürsorge ein Fremdwort. Eine stramme Klassengesellschaft, die Bildung und einen Aufstieg über das zugedachte Mass selten zuließen, eine autoritäre Obrigkeit, die das imaginäre Wohl des Staates als abstrakten Gebildes über das des einzelnen darin lebenden Menschen stellte.

Manchmal ist das, was mir da passiert, reines Kopfkino, als Idee und Auslöser nehme ich eine Geschichte, die ich gelesen oder erzählt bekommen habe. Und die ich dann für mich weiterspinne. Ein „So-könnte-es-gewesen-sein“ unter Einbeziehen der örtlichen Gegebenheiten, der Häuser, der Menschen, des Wissens um Geschehnisse.

Manchmal treffe ich aber auch Menschen, die selber dabei waren, an irgendeiner Stelle, als junge Leute und die erzählen mögen. Das sind dann besondere Glücksfälle. In solchen Momenten erhält man einen Einblick in einen Moment der Zeit, der schon unglaublich lange zurück liegt, in fremde Leben, die so ungeheuer interessant sind und mit denen man reihenweise Bücher füllen könnte.

Auf solche Art hat mir mal ein alter Mann, als ehemaliger deutscher Soldat dort stationiert, die riesigen Betonfestungen im Norden von Skagen erklärt. Er kannte die heute kaum noch zu erkennenden Zusammenhänge zwischen den Anlagen und der Stadt, wusste Geschichten zu berichten, hatte dort in einem dieser Bunker längere Zeit gelebt. Konnte erzählen, wie das Damals war, aus seiner Sicht. Oder eine alte Dame in einem Heim, wir trafen uns eigentlich, weil sie Geld für den örtlichen Hospizdienst spenden wollte. Und dann eine Lebensgeschichte, einfach mal so eben quer über den Tisch hinweg, so unglaublich, dass sie für einen Film hätte herhalten können. Als junge Frau als Nonne nach Lourenço Marques gegangen, von dort zum Ende des Bürgerkrieges mit dem vorletzten Schiff vor der Frelimo und den Chinesen geflohen, die Nase voll vom Ordensleben und geheiratet. Mehrere Kinder, einen Mann im Handel, viele Jahre Asien und Australien, nun hier der letzte Wohnort als Letzte der Familie. Solche Momente mit solchen Menschen sind für mich Highlights, das ist Geschichte pur, so bekommt man sie nie wieder erzählt, so intensiv und aus erster Hand wird man nie wieder daran teilhaben können. Soetwas ist der Stoff für die eigenen, erdachten Geschichten, der notwendige Grundstock um sie mutig genug auszuspinnen, um zu träumen. Denn so verrückt, wie das Leben an manchen Stellen für mache Menschen spielt, so verrückt wagt man kaum du denken!

Phantasie hat schon etwas. Füttert man sie mit ein wenig Basiswissen, interessiert sich für Geschichten und Geschichtchen, dann kann man damit viel Raum füllen. Besser als Kino, sogar besser als Lesen.

Und manchmal, wenn ich irgendwo auf einer vergessenen Straße stehe, in einer aufgegebenen Fabrikhalle oder in einer völlig verwilderten Landschaft einer ehemaligen Industrieanlage und dieses Spiel im Kopf bewusst spiele, dann öffnet sich für mich ein Tor, ein Loch in der Zeit. Dann füllt sich die Welt um mich herum mit den Dingen, die einmal waren, dann ist alles zugleich, Heute, Gestern und manchmal Morgen.

Verrückt? Klar, zugegeben. Aber hochinteressant. Unglaublich. Ein Feuerwerk an Erleben.

Versuchen sie es mal.