Meine Schule. Jedenfalls zeitweise. 40 Jahre ist das her, ein halbes oder auch mehr Leben, je nachdem. Damals keine 15 Jahre alt und bei ihrer Einweihung als das „Neueste vom Neuesten“ in Sachen moderner Schulbau hochgelobt, rieselte sie zu meinen Zeiten schon erheblich. Das Mischungsverhältnis beim Zement von 1:1 habe nicht so ganz hingehauen, munkelte man hinter vorgehaltener Hand. Probebohrungen bei laufendem Unterricht sorgten dann für von uns nicht wirklich bedauerten, reichlichen Stundenausfall wegen mangelnder Kommunikationsmöglichkeit mit der Lehrkraft und brachten letztlich die unerfreuliche Bestätigung: es war tatsächlich das Mischungsverhältnis. Ein Fuder Sand auf einen Sack Zement ließ zwar reichlich Gewinne auf das Konto des Bauunternehmers fliessen, war der Stabilität des Gemäuers hingegen wenig zuträglich und beschleunigte seine Endlichkeit denn auch nicht unerheblich.

Der „Turm“ ging zuerst. Fünf Stockwerke hoch, mit den Funktionsräumen für Chemie und Physik bestückt, geriet er quasie über Nacht in den Verdacht eines Einsturzkandidaten. Ein weiterer, zweistöckiger Trakt folgte auf dem Fusse. In den Sommerferien verschwanden beide, dafür wuchs im Hof eine Barackensiedlung und Nachmittagsunterricht wurde eingeführt. Nur für kurze Zeit, das verstand sich, es würde umgehend Abhilfe geschaffen. Die Baracken standen noch, als ich fünf Jahre später die Schule verließ. An Stelle des Turms wuchs die neue Orientierungsstufe im zarten Ziegel-und-Glascharme der frühen 80ér Jahre, der fehlende Trakt blieb einfach fehlend. Über die Jahre wurde immer mal wieder an den Gebäuden herumgebaut, zwei Brüder gingen nach mir dort ein und aus, zu Zeiten, als ich die kleine Stadt schon hinter mir gelassen hatte. Über sie blieb ich über das Geschehen dort wenigstens rudimentär informiert. Viele Jahre später erlebten meine Söhne dort Schule, die gleichen Gebäude, die gleichen Lehrer, beides nicht immer zu ihrem Vorteil, manchmal schon.

Nein, ich hänge nicht an den Gebäuden. Aber sie sind – nicht wirklich hübsch, weder Innen noch Außen – irgendwie mit einem Stückchen meines eigenen Lebensweges und dem meiner Familie verknüpft. Nun werden sie zu einem guten Teil abgerissen um Platz zu schaffen für eine neue Schule mit neuen Lehrern und neuen Schülern. Für eine neue Zukunft. Grund genug, noch einmal mit dem Rad hinzufahren und zu schauen, sich ein letztes Mal ein Bild zu machen und an diesen oder jenen Bekannten oder Lehrer aus dieser Zeit zurückzudenken.

Um dann Zeuge zu werden, wie in einer Ecke mein Musiklehrer aus jenen Tagen lange, lange vor dem alles umschließenden Bauzaun steht und das schon halb abgerissene Gebäude anstarrt, offensichtlich völlig versunken in seiner eigenen Gedankenwelt die die Ruine vor seinem geistigen Auge mit 40 Jahren Leben, Musik und Menschen füllt. Ich bin froh, dass er mich nicht sieht, als er schließlich im einsetzenden Regen langsam davongeht und ich bin auch froh, die Kamera unten gelassen, ihn in seiner Versunkenheit nicht fotografiert zu haben. Ich bin Zeuge eines ganz privaten Abschieds geworden und habe das ungute Gefühl, dass ich das hätte garnicht sehen sollen.

Morgen Früh kommen die Arbeiter und die Bagger werden ihr Werk vollenden. In einigen Wochen wird der Grundstein zum Neubau gelegt.

As time goes by.