Zurück aus Spanien. Zwei Wochen Sommerfreizeit, Zeltlager, 50 Kinder von Vierzehn an Aufwärts. Ein Team von sieben engagierten Mitarbeiter(innen) und drei Oldstern, sozusagen als die letzte Instanz. Hin mit dem Bus, 24 Stunden durch Europa, ein kleiner Ort in Katalonien, dicht am Meer gelegen. Ein Tal, ein Badeort, ein Platz für das Camp auf Terrassen im Wald, Pool, Geschäft und Badestrand in Reichweite. Warm, ein einziges Mal ein wenig Regen, na ja, eher ein paar Tropfen. Eine runde Sache, wenn auch hier und da mit Haken und Ösen und einem an mancher Stelle sehr traurigem Ende. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Landschaft ist schön. Wälder auf runden, aber recht steilen Hügeln, alles stark angesengt, aber nicht so verbrannt wie erwartet. Die Täler zum Meer hin sind tief eingeschnittene Senken, der Fels hier ist porös und bröckelig, der braune Farbton schimmert überall durch. In den nassen Senken wächst wilder Bambus, die Wälder bestehen aus fettgemachtem Buschwerk, hübsch anzusehen, aber laut überall stehender Warnschilder auch im leisen Verdacht, zum unpassendsten Zeitpunkt schnell und unkontrollierbar zu brennen. Eine Steilküste mit hohe Klippen, die fast senkrecht zum Meer abfallen, mit Gestrüpp und großen Kakteen bewachsen, überall Blüten und um diese Jahreszeit reife Kaktusfeigen. Dahinter, bis über den Horizont hinaus, das Mittelmeer, keineswegs immer die friedliche See, als die viele Urlauber sie so gerne sehen, jedoch badewarm und mit reicher Unterwasserwelt.

Die Häuser außerhalb der Ortschaften hübsch, oft mehrstöckig, fast jeder Raum mit einem Balkon oder Zugang zu einer überdachten Terrasse, Fensterläden gegen die mittägliche Hitze allenthalben. Viel Freiluftleben findet hier statt, man sieht es, Terrassen sind aktiv genutzter Lebensraum und entsprechend eingerichtet. Die Hanglangen sind präferiert, hier weht den ganzen Tag ein sanfter Wind vom Meer her und macht die mörderischen Temperaturen in der Mittagszeit erträglich, vom spektakulären Ausblick einmal ganz abgesehen. Dann sind die Roll- und Schiebeläden geschlossen und in den Orten ruht bis in den späteren Nachmittag das Leben, nur Touristen sind dumm genug, sich dann dort herumzutreiben.

Der Fahrstil der Einheimischen ist besonders und erwähnenswert, andererseits mit ein wenig Willen aber auch schnell zu erlernen. Wer bremst, verliert. Blinker sind überflüssiger Schnickschnack, Fußgänger entweder Opfer oder Kollateralschäden. Der wahre Katalonier fährt Roller, jedoch nicht etwa ein so kleines Teil, was unsereins mit diesem Begriff verbindet. Gefragt sind die 350-Kubik-Boliden, die er mit Bravour und jenseits der geltenden Gesetzte der Schwer- und Beschleunigungskräfte zu seinem taktischen Vorteil zu bewegen weiß. Elegante Schlenker, das Wechseln mehrerer Fahrspuren im Zickzack oder der Sprung über einen der zahlreichen Geschwindigkeitsreduktionsbarren sind das kleine Einmaleins der Rollerpiloten, auch von der Omi auf dem Weg zum Markt locker beherrscht. Die wahren Helden der Szene hingegen schneiden auch schon mal einen Kreisel in der Mitte, knallen dem erschreckten Autofahrer mit der flachen Hand auf den Kotflügel oder brettern Links auf dem schmalen Seitenstreifen zwischen Auto und Leitplanke an ihm vorbei. Opfer gibt es dabei immer mal wieder, zumal Helme auf dem Fahrrad, jedoch keineswegs auf dem Roller getragen werden. Es lohnt sich, ein paar spanische Schimpfwörter zu beherrschen, man zeigt weltmännische Eleganz, wenn man sie hinter dem Gegner, äh, Verzeihung, anderen Verkehrsteilnehmer herbrüllt …

Der Badeort selber hat es hinter sich, verbreitet den leicht bröckeligen Charme der 80ér. Irgendwann in diesen Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat er sich unter Verwendung von reichlich Beton von einem hübschen, aber ärmlichen Fischernest zu einem mondänen Badeort zu mausern versucht. Ein paar Jahre mag er in der B-Klasse des Jet-Sets eine Rolle gespielt haben, danach jedoch ging es unaufhörlich abwärts. Die Waterfront ist hübsch gepflegt, in der zweiten oder dritten Reihe dahinter wird’s schon anders. Die noch vorhandenen Playboys wirklich restmachohaften Zuschnitts stammen, wie die meisten der wohlgepflegten Porsches oder Ferrari, ebenfalls aus dieser Zeit, ihre schon damals dreißig Jahre jüngeren Gespielinnen haben ein entsprechend angepasstes Alter. Ein kleiner Yachthafen spielt große Welt, dazwischen tummeln sich Pauschalurlauber auf dem kleinen Strand und zehren von einem Namen, der kein wirklicher mehr ist. Es ist nett, aber teuer und eng, eine wirkliche Perspektive für irgendeine Zukunft gibt es nicht. Selbst die russischen Mafia, deren Magnaten ja so gerne im kapitalistischen Südeuropa mit ihrer illegalen Kohle herumprotzen, lässt sich hier nicht sehen: zu unbedeutend, zu wenig Volks, dass sie anstaunen könnte.

Nein, ich denke, ich muss da nicht wieder hin. Vielleicht, wenn man die Hälfte der Gebäude in der völlig zersiedelten Landschaft wieder abreißen würde. Oder einige hundert Kilometer weiter nach Süden, wo die Küsten noch wild und einsam sein sollen. Land und Leute würden mir wohl sogar zusagen, genau wie der Fahrstil, aber es fehlte an Raum und Einsamkeit.

Alles in allem war es aber eine gute Freizeit. Das Wetter ok, die Ausflüge nach Barcelona und in die Pyrenäen auch. Es gab Zeit für den Beach, zum Zusammensein, für Inhaltliches. Ein gutes Team. Es war – meistens – eine gute Stimmung.

Was will man mehr.