Beim Provinzdottore meines eingeschränkten Vertrauens, der alternde Körper bedarf der Überholung und hier und da der Reparatur. Freundlicher Empfang, man kennt sich, ach, sie hier, nicht besser geworden, hm? Einen Moment bitte noch im Wartezimmer, wir sagen sofort Bescheid. Und machen sie das Fenster auf wenn die Luft da schlecht sein sollte … Aha. Na ja.

Das Wartezimmer. Viereckig, hell gestrichen, die Bestuhlung so eng wie im Flugzeug einer irischen Billigfluglinie. Wer da schon mal über eine längere Strecke Ölsardine gespielt hat, weiß was ich meine. Die Zeitungsauswahl: nun, bescheiden. Nicht jedem ist es gegeben, Interesse am „Goldenen Blattschuss“ und dem vorgeblich wahnsinnig aufregenden Leben einer englischen Adelsfamilie mit frischgeborener Blage oder dem autogeschwängerten Elaborat einer zutiefst kriminellen Organisation mit gelbem Autfit und Engelsanspruch seine Freude zu finden. Nach längerem Wühlen dann ein Blättchen, dass einmal zur Stammlektüre deutscher Intellektueller gehörte, seit dem Fund angeblicher Führertagebücher vor vielen Jahren aber einer rasanten journalistischen Talfahrt unterliegt. Auch schon älter, die Ausgabe, aber immerhin. „Sind wir tolerant oder tun wir nur so?“ So prangt es auf der Innenseite und der Artikel versüßt mir durch seine durch und durch negative Weltsicht die nun anbrechende, zugegeben kurze, Wartezeit.

Hätte er eigentlich. Wäre da nicht, zwischen all den Anderen, der Mittkranke gewesen auf dem Stuhl gegenüber. Eigentlich nicht weiter auffällig in seiner Arbeitskleidung sitzt er da und starrt leise sabbernd ins Leere. Dann erschallt urplötzlich die unsägliche Fanfare eines großen, graurosafarbenen Telekommunikationsanbieters, nur noch leidlich gedämpft durch den Platz des dazugehörenden Gerätes in seiner Hosentasche. Im Gesicht meines Gegenüber glimmmt etwas von Interesse auf. Ich erstarre. Er wird doch nicht … ? Doch, natürlich wird er. Der Herr zunzeln sein permanent vor sich hindüdelndes Telefon neuester fernöstlicher Bauart aus der Tasche, dann aus der Hülle. Tief Luft holend drückt er den Knopf und gröhlt etwas wie „Eyah Aldah, wie geil dassu anrufst, ich häng hier bein Doktor ab“ in seinen Kommunikator und die leidgeprüften Innenohre aller Anwesenden.

In den nächsten zwei Minuten erfahre ich – ohne darum gebeten zu haben – das sein Chef ein Idiot ist und er keinen Bock zum Arbeiten für den Deppen hat, ein Typ namens Andy am Wochenende die „absolut notgeile, blonde Tusse vom Tresen in Bevern“ abgeschleppt hat und er am kommenden Mittwoch mit zwei Kumpels unter Zuhilfenahme von mehreren Kisten Bier „die Woche teilen will, weil, das tut Not, Alder, ey!“

Mein Blutdruck steigt. Ein nervöses Zittern lässt mein Augenlied flattern. Von Haus aus eher ein zurückhaltender Mensch und mithin jeglichem Streit abhold, beschränke ich mich auf böses Gucken. Meine Hand zuckt nach dem hübschen, verchromten 38ér, den das deutsche Gesetz zu Tragen mir leider verbietet, obwohl ich ihn doch so gerne hätte. Zu reinen Dekorationszwecken, versteht sich.

Der Schwachkopf beendet sein Gespräch, stopft sein Telefon erst in ein Säckchen, dann in seine Hosentasche und versinkt danach erneut in kommunikationsfreie Agonie. Ich sende ein kurzes Stoßgebet nach ganz Oben, des Inhalts, er möge vor weiteren Anrufen und ich vor unerfreulichen Details aus dem Leben meines Gegenübers verschont bleiben.

Die Tür fliegt auf und eine mir wohlbekannte Dame wankt herein. Man kennt sich, vor dreißig Jahren wären wir Beiden versehendlich beinahe einmal in ein familiäres Verhältnis geraten. Schlimmer geht immer, keine Frage. Auf ihre überschäumende Begrüßung reagiere ich bedeckt bis gar nicht, vertiefe mich in meine Zeitung und hoffe, dass sie keinen Gesprächspartner im Raum finden möge. Weit gefehlt. Sie kennt eine weitere Frau im Wartezimmer, die ich bisher nachlässiger Weise als ungefährlich eingestuft und übersehen habe. Ein böser Fehler, wie sich jetzt herausstellt.

Wir leben in einer kleinen Stadt. Das bedeutet eine übersichtliche Bevölkerung. Man kennt sich, jedenfalls meistens. Wer es gerade mit wem treibt, wer sich von wem, warum und wann getrennt hat, dafür aber jetzt mit jemandem Anderes zusammen ist, der sich wiederum von jemandem … all diese eher unerfreulichen Details mitmenschlichen Zusammenlebens bekomme ich innerhalb der nächsten halben Stunde in allen Einzelheiten als Update meiner gesellschaftlichen Kenntnisse vermittelt. Danach gibt es nahtlos einen feinen Vortrag über die Funktion der Leber und die der Dame im Speziellen: da, wo sie die die Schere fühlen, da hat Dr. Müller letztes Jahr meinen Milz gestrafft … Und ich muss zuhören. Ob ich will, oder nicht. Und ich will nicht. Lesen dabei: nicht möglich. Weghören: auch nicht.

Erneut öffnet sich die Tür. Die Sprechstundenhilfe. Herr … ich laufe, sie schaut erstaunt. Renne um mein Leben, na ja, vielleicht auch nur die letzten Nerven. Entkomme, aber es war knapp, verdammt knapp! Schwer atmend stehe ich im Flur. Erkenne, dass es gar keine moderne Technik braucht, um mich zu schaffen. Das gute alte Gespräch im Wartezimmer ist wenigstens genauso fürchterlich und funktioniert analog!

Und beschließe spontan, beim nächsten Mal – völlig unangepasst für meine Altergruppe – mit eigenem Lesestoff und Kopfhörern zu kommen. Wenn überhaupt.

Und nicht, weil ich das schick finde.

Aus Notwehr.