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Bahnhöfe sind seltsame Ort. Rastlosigkeit ist ihr Herzschlag, eine leise Melancholie ihre Seele, Schlaflosigkeit ihr Befinden.

Sie sind exterritoriales Gebiet, nicht wirklich zu der Stadt, die um sie herum liegt, gehörend, sind sie Beginn- oder Endpunkt mancher Reise, Durchgangsstation oder Wartehalle auf dem langen Weg von Irgendwo nach Nirgendwo. Für manchen sind sie auch der Endpunkt geworden, eine graue, laute Heimat, der Ort, wo man den armseligen Rest eines einst ausgefüllten Lebens mit Fuselflasche und Bierdose fristen und so der rauen Wirklichkeit entgehen kann. In ihnen wohnt die Unfreundlichkeit, die Kälte im Umgang, die Gleichgültigkeit. Wer sucht, findet die Pforten der Hölle in ihren Toiletten.

Verlassen wir die großen Knotenpunkte der Eisenbahnen mit ihren immerhin geschönten Kulissen und wagen uns in die Provinz, dann geht es weiter bergab. Wir treffen wir auf kaum noch kaschierte Bauruinen, die den Namen „Bahnhof“ schon lange nicht mehr verdienen und vor Scham am liebsten abbrennen würden. Vernagelte Fenster, verklebte Scheiben, leere Bierdosen, kaputte Beleuchtung. Unkraut im Beton der Bahnsteige, junge Birken im Dach. Im Inneren stinkt es nach Urin und das einzige Wahrzeichen bahnlicher Innovation ist ein hellerleuchteter Fahrkartenautomat.

Reisen durch die norddeutsche Provinz mit der Bahn macht mich melancholisch. Zumal im Herbst. Bahnhöfe sind – wie beschrieben – seltsame Orte einer anderen, einer grauen Welt.

Ich bin immer froh, wenn ich ihnen entronnen bin …