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Es gibt so Begegnungen, die lassen einen nicht los. Mit Menschen, man erinnert sich Ihrer, obwohl die Begegnung selber nur Momente dauerte. Oder ein an sich banales Gespräch, das einem noch nach Jahren Wort für Wort im Ohr liegt. Oder einen schönen Gegenstand, nur einmal gesehen, nie vergessen.

Es war im Jahr 2002. Gemeinsam mit meinem Vater reiste ich durch Neufundland. Wir hatten einen Ford Pickup mit einem Wohnmobilaufsatz und schlugen – von Nova Scotia mit dem Schiff ankommend – einen gewaltigen Bogen durch dieses weite und wilde Land. Von St. John´s im Osten ging es mit zahllosen Abstechern Links und Rechts der Reiseroute bis nach Port-aux-Basques im äußersten Westen. Es war eine wundervolle, lange Reise. Eine Reise so, wie sie sich vielleicht alle Väter und Söhne in ihren Träumen vorstellen. In einem wilden Land unterwegs, jeden Tag weiterziehend, so viele gemeinsame Erlebnisse und Abenteuer. Unendlich viel Zeit füreinander. Miteinander. Eine ganz eigene Geschichte, die es – irgendwann zu einem späteren Zeitpunkt, mit genügend Raum und ausreichender Zeitauch noch einmal zu erzählen gilt.

Irgendwo auf dieser Reise und an unserer Route jedenfalls, wohl in der Nähe von Gander, machten wir wieder einen Abstecher nach Norden. Dort wo das, was man in einem Anfall von Optimismus als Straße bezeichnen mochte, endete, lag – irgendwo im Nirgendwo Boyd´s Cove. Eines dieser typisch verschlafenen, leicht heruntergekommenen, wilden Newfinester mit ganz eigenem Charme. Ein paar Häuser, ein kleiner Hafen, viel wilde Natur und nette Warnschilder, die auf plündernde Schwarzbären in der Nähe von Mülleimern hinwiesen.

Wie an so vielen Stellen in Neufundland hatte die Regierung auch hier, nach normalen Maßstäben dicht am Ende der Welt, ein kleines Museum errichtet. Einmal, um den Behothuk ein Denkmal zu errichten, einem Volk einheimischer Ureinwohner die um 1800 dem durch Feuerwaffen unterstützten, landgewinnendem Streben europäischer Siedler rest– und auch fast spurlos zum Opfer fielen. Andererseits, um den Nachkommen gerade dieser Siedler nach dem Kollaps des regionalen Fischfanges Anfang der 80ér Jahre wenigstens einige wenige, halbwegs existenzsichernde Jobs bieten zu können. Hübsch gemacht, nach neusten Erkenntnissen eingerichtet, aber irgendwie an seiner nicht unbedingt zentralen Lage und den damit verbundenen, wenigen Besuchern leidend, nahmen wir es interessiert mit in unser Programm auf.

Und dort, in dem unvermeidlichen Souveniershop am Ausgang, hing er. Ein Gürtel. Braunes Naturleder. Ein Buckle aus Messing, deutlich, sehr deutlich keine billige Massenware. Ein edles Teil, poliert, wundervoll gearbeitet, mit dem wohl schönsten Bärenkopf, den ich bis dahin gesehen hatte. Ich war fasziniert, hätte ihn zu gerne gehabt, mithin ließen der Preis und meine wirtschaftliche Lage das zu diesem Zeitpunkt nicht zu. Meinen Vater mochte ich nicht bitten, zu viel hatte er mit dieser Reise schon für mich getan. So blieben Gürtel und Schnalle zurück, eine Erinnerung unter so Vielen, versehen mit der leisen und durchaus erträglichen Erkenntnis: man muss nicht alles haben, was man sieht und schön findet.

Aber diese Schnalle war nun genau ebenso ein Ding, was über die Jahre durch Zeit und Gedanken geisterte. Immer mal wieder, lange nach der Reise, tauchte sie irgendwo am Rande aus dem Dunkel der Erinnerungen auf, als etwas besonders Wertvolles, etwas besonders Schönes. Natürlich habe ich zwischendurch immer mal wieder nach Gürtelschließen mit Bären geschaut, aber die Angebotenen entsprachen nicht dem anspruchsvollen Bild meiner Erinnerungen.

Bis mir dann, vor einigen Abenden, bei der Suche nach etwas ganz Anderem, unter den Bildern auf dem Bildschirm plötzlich eine Bronzeschließe in die Augen stach … und mir wirklich der Atem stockte. Da war sie, mit dem Bären, genauso, wie in meiner Erinnerung, unverwechselbar!

Ich konnte es nicht glauben. Ein wenig Recherche später wusste ich dann so plötzlich und nach so langer Zeit eine ganze Menge mehr. Irgendwann um 1978 von einem Künstler als Teil einer Serie über das „Wildlife“ in den USA und Canada entworfen und hergestellt, wurde sie aufwändig in Bronze gegossen um dann in einer limitierten und signierten Auflage an Liebhaber verkauft zu werden. Im Handel als „neu“ nicht mehr zu haben. Der Ausdruck „signiert & limitiert“ sprach für ein teures Sammlerstück. Trotzdem versuchte ich mein Glück im Netz.

Und wurde fündig. Ohne Verpackung. Benutzt. Ohne den dazugehörigen Gürtel. Ein wenig heruntergekommen. Dafür zu einem moderaten Preis. Eher günstig. Überlegte nicht wirklich lange, schon, um mich nicht später zu ärgern. Schlug zu, zahlte blitzschnell mit einer dieser neuen Methoden, wurde sofort Besitzer und bekam Minuten später die Bestätigung. Nun reist sie also um die halbe Welt und zugleich durch eine lange Zeit. Ich werde einen passenden Gürtel dazu suchen müssen, nicht einfach, auch da habe ich recht genaue Erinnerungen. Werde eine Menge Arbeit mit dem Polieren haben. Auch das wird Zeit brauchen. Aber ich werde mich daran freuen, da bin ich mir sehr sicher.

Wenn ich dann darauf schaue, wird sie mir jedes Mal wieder das kleine Nest im Norden Neufundlands in Erinnerung rufen. Die Reise mit meinem Vater. Und auch, dass manche Dinge eben eine Menge Raum und Zeit brauchen, bis sie eines Tages und auf seltsamen Wegen doch zueinander finden.

Irgendwie ist das ein guter, ein tröstlicher Gedanke.