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In the middle of the night. Nein, ist es gar nicht. Es ist 01.42h, wie ich mit einem schrägen Blick auf mein als Wecker dienendes Handy feststelle und ich fühle mich gerade bei weitem nicht so beschwingt, wie das eigentlich schöne Lied von Billy Joel an Lebensgefühl vermittelt. Gerade zwei Stunden geschlafen, durch irgendetwas aufgewacht, umgedreht und nicht schnell genug wieder eingeschlafen.


Und das wars. Ich kenne und fürchte das. Kommen die ersten Gedanken, ist es vorbei mit der Nachtruhe. Gegen die ersten Bilder im Kopf kämpfe ich noch heldenhaft an. Kneife die Augen zu. Suche die dunklen Flecken im Gehirn, wo nichts ist, wirklich garnichts ist, sich noch nichts rühert. Manchmal klappt das. Konzentriertes Einschlafen nenne ich das, Fachleute haben sicherlich eine bessere Erklärung dafür. Aber diesmal geht es schief. Gründlich. Aus dem Ersten Gedanken wird ein Rinnsal, dann plätschernder Bach, ein Fluß, schließlich ein alles mitreissender, vernichtender Strom.


Fuck! Die Nacht ist gelaufen, ich weiß es genau. Zu viele Bälle in der Luft. Keinen Überblick über all die Dinge, die ich gerade mache. Immer das bohrende Gefühl, irgendwas vergessen, aus dem Blick verloren zu haben. So viele Zettel auf dem Schreibtisch, dass ich Zettel brauche, um sie wiederzufinden. Zu viele Leute, die etwas wollen oder möchten – jeder für sich eine Kleinigkeit, die ich auch gerne für ihn tun möchte. In der Summe eine Aufgabe, die manchmal erdrückend ist. Wem werde ich nicht gerecht, wen habe ich aus den Augen verloren? Termine, die ich im Blick haben muss. Habe ich das? Dazwischen Menschen, die mir feindlich und ablehnend gesonnen sind. Gespräche, Leute, die mich zu sich zitieren. Ein dumpfer Druck, böse, alte Erfahrungen nagen an mir, lassen mich prophylaktisch Dauerwüten. Der Nachweis, dass wir gute Arbeit leisten, vorzutragen vor den Leuten, die mich gewählt haben. Wie werden sie reagieren? Sind sie zufrieden? Das Zwischenmenschliche, vieles im Vagen. Die Kinder. Groß, klar, Selbstständig und trotzdem: meine Kinder. Was wird mit, was aus ihnen? Die nackte Dauerangst, dass ich alt werde. Meine Rente nachweis- und unabänderlich nicht reichen wird. Ich eines Tages unter der Brücke, in einem Doppelzimmer im Altenheim landen werde. The hell afloat. Zuviel Dinge, die ich mache. Weil ich sie machen muss. Muss ich? Oder, weil ich sie mir aufgehalst habe. Nicht „nein“ sagen kann oder mag. An der Stelle stehe, an der ich stehe. Gut sein will dort. Nach Anerkennung und Lob giere und es zugleich als peinlich empfinde, wenn ich sie erhalte. Um mir selber einen Inhalt im Leben nachweisen zu können. Wie blöd. Zuviel, was ich machen muss, zu wenig, was ich machen möchte.


Aufstehen, Kaffee kochen, Schreibtisch. Etwas tun. Das lenkt ab. Und schafft was weg. Eine Freundin von mir schrieb vor ein paar Tagen von der Schwärze der Nacht, den dunklen Gedanken und wie gut es sei, dass ihre Tochter nicht wisse, was Mama so den Schlaf raube. Nun, ich brauche das wenigstens vor niemandem mehr zu verstecken. Ich lebe alleine, ein Vorteil ihr gegenüber. Die Angst, die Unruhe macht es nicht kleiner.


In zwei Stunden wird es hell. Dann habe ich zwei Liter Kaffee getrunken und bin hundemüde. Kurz vor sechs könnte ich Schlafen, klar. Sofort und tief. Und lange. Das Aufstehen um sieben wäre dann grausam. Also lasse ich es und starte früh in den Tag, mit Genickschmerzen, einem sauren Gefühl in Hals und Magen und der leisen Ankündigung von Migräne über dem rechten Auge.


Probleme sind relativ. Ich klage auf hohem Niveau, ich weiss. Andere sind deutlich schlimmer dran. Oder können nicht mehr klagen.


Das Leben ist schön, da stehe ich auch zu. Jedenfalls meistens.


Nur gerade heute Nacht nicht so wirklich.