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Es ist schon ein paar Jahre her. Ein Sonntag und Stadtfest. Alle Jahre wieder, und wie fast jedes Mal haben unsere Jugendarbeit und eine karitative Einrichtung zusammen ein Café betrieben. Das bedeutet frühes Aufstehen, Aufbau von allem Möglichen und viele aufgeregte Mitarbeiter, die die Sache gelingen lassen wollen. Dann der Gottesdienst. Danach eine Taufe, ein bisschen Aufräumen, technischer Hilfe hier und da, eine Runde über den Markt und dann durch Gemeindehaus zum Auto, nichts wie weg von all dem Trubel, die Familie weit außerhalb besuchen. Auf dem kurzen Weg liegt im Haus vor mir ein Mann am Boden, er muss im Moment gefallen sein, dahinter eine steht eine erschrocken blickende Frau.

Er liegt und blutet. Heftig, aus Mund und Nase. Besorgniserregend. Er ist noch ansprechbar, reagiert schwach auf meine Frage nach der Luft. Ich behalte die Hand auf seiner Schulter, mit der anderen der Notruf, schnell bitte, das sieht garnicht nicht gut aus. Dann wider ein kontrollierender Blick in sein Gesicht, nebenbei das Registrieren der schnell größer werdenden Blutlache. Irgendwo die Alarmklingel im Hinterkopf, die Erkenntnis: das ist viel zu viel und das geht viel zu schnell. Keine Reaktion mehr. Du verlierst ihn, er ist schon auf dem Weg.  Einige Ewigkeiten später draußen das Getöse des Rettungswagens, eine junge Notärztin und ihr Team. Die geballte Kompetenz, ruhig und sicher übernehmen sie die Lage. Aus der Position „einen Schritt zurück“ sehe ich ihre Bemühungen. Tubus. Pumpen. Pause.  Nochmals. Pause. Dann das Kopfschütteln der Ärztin nach zwei, drei Minuten. Den hoffnungslosen Blick auf das piepsende EKG. Dann der allesvernichtende Satz: er ist tot. Nach einem Moment, ohne jemanden anzusehen: es tut mir Leid.

Eine Art Schockwelle breitet sich aus im Raum. Absolute Stille. Keine Bewegung in dem Durcheinander von Menschen, verstreutem Gerät und dem nun Toten am Boden. Es ist, und dies Wort ist eigentlich arg abgenutzt, als hielte die Zeit einen ganz kleinen Moment den Atem an, als kehre Ruhe und Frieden in die Situation ein. Was hier für diesen Menschen zu tun war, wurde getan.

Fast sofort danach  wider Aktivität  – jeder hat seinen Part in einem vorgegebenen Ablauf zu erledigen. Polizei, Seelsorger für die Ehefrau, Ärztin, Sanitäter. Routine für die Beteiligten. Formalitäten, Ruhe bewahren, die Situation in den Griff bekommen. Equipment wird fortgeräumt. Der Tote bedeckt. Die Tatortgruppe der Polizei. Abschirmen gegen Neugierige. Nach einer Stunde kehrt halbwegs Ruhe ein, der Verstorbene ist abgeholt worden, die Fläche gereinigt, das Haus kann wider genutzt werden. Draußen die Menschen, das Fest geht weiter. Irgendwann muss unser Café abgebaut und gelagert werden. Abend, das Haus wird leer, weitere Reinigungsarbeiten, keine Zeit für Gedanken.

Die kommen erst am nächsten Morgen, so kurz nach 04.00 Uhr. Es ist hell geworden und, weil der Schlaf nicht mehr kommen mag, sitze ich mit dem ersten, heißen Kaffee des Tages in meinem Schreibtischsessel, habe Musik an und genieße das bisschen Sonne, das dieser Sommer hergibt. Und denke an diesen Mann, den ich eigentlich nicht einmal flüchtig kannte, eben ein Gesicht unter vielen an diesem Stand, einer von den Vielen aus den Gruppen, die wir hier im Haus haben. Und doch …

Mein Toter, und er ist durch unser kurzes, gemeinsames Erleben „mein Toter“ geworden, obwohl ich nicht einmal seinen Namen kenne, ist, nach der Diagnose der Rettungsärztin, schnell innerlich verblutet. Ein „gnädiger Tod“ wie mir, nicht so lange vor diesem Geschehen, ein anderer Arzt bei einem Workshop zu gerade diesem Thema versicherte. Man dämmert weg, immer tiefer und tiefer, nimmt nicht mehr wahr, wie Kreislauf und schließlich Herz ausfallen. Wenn das stimmt, ist das soweit so gut, er hat nicht gelitten.

Was mag er gefühlt haben? Wie war das in dem Moment, als ihm klar wurde, das da etwas mit ihm und in ihm phänomenal schief läuft? Das das nicht so ein „kleiner Defekt“ wie Nasenbluten oder ähnliches ist, etwas von der Sorte, was man als „na ja, hab ich manchmal“ abtut? Als erst Angst und dann die Panik schlagartig hochstiegen bei dem ganzen Blut vor ihm, als die Welt sich auf seinem Weg in die Küche, wo er wohl Hilfe zu finden hoffte, zu drehen begann und, im wahrsten Sinne des Wortes, haltlos wurde? WIE IST DAS WOHL in einem solchen Moment, WAS NIMMT MAN WAR?

Ich denke noch  relativ oft an diesen, „meinen“ Toten. Seinen Namen weiß ich bis heute nicht, habe aber auch nie wirklich versucht, ihn heraus zu finden. Wozu auch? Er war nicht mein erster Toter und nach jenem Tag und über die Jahre habe ich in hospizlichen Begleitungen das Sterben einer ganzen Reihe von Menschen miterleben dürfen. Manchmal näher, manchmal entfernter, immer ein Privileg. Und trotzdem blieb er mir mit seinem plötzlichen Sterben so besonders in Erinnerung.

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen … „ – sicher, wir hören diesen Satz, sofern wir in die Kirche gehen, am Ende eines jeden Gottesdienstes. Mein Toter hat mir klargemacht, dass das „Jetzt“ bedeuten kann. Hier und Heute. Ohne Vorwarnung. Ohne Zeit, meine Dinge zu Regeln. Ohne Abschied.

Und so versuche ich, die kleinen Dinge im Leben mehr zu schätzen. Mehr mitzunehmen. Mehr zu genießen. Zu lieben. Zu geben. Das klappt nicht immer. Aber immer öfter.

Wer weiß, wie lange das noch gut geht …