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Bahnhöfe sind etwas Besonderes. Orte des Kommens und Gehens. Orte der Freude. Des Wiedersehens, manchmal nach langer Zeit. Einem halben Leben. Oder einem Ganzen. Orte des Abschieds und der Trauer. Manchmal für ein paar Tage, manchmal für lange Zeit. Manchmal für immer.

Bahnhöfe sind Orte der Sehnsucht. Nach Menschen und Orten. Dadurch haben sie etwas Magisches. Wie Häfen oder der Strand am Meer. Dasselbe Gleis, das hier liegt, liegt irgendwie auch daheim in dem kleinen Ort in Anatolien. Oder mitten in Afrika. Oder – ganz profan, aber mit nicht weniger Wehmut im Herzen bedacht – gleich um die Ecke in Friesland. Eine direkte Verbindung, sozusagen. Anfassbar. Der Ort und die geleibten Menschen dort kommen einem dadurch näher. Irgendwie.

Bahnhöfe sind Orte für Reisende. Auf diesen Gleisen kann ich Reisen, das tun und können so voller Genuss heute nur noch sehr wenige Menschen. Das Reisen um der Sache, nicht um des zeitgestressten Ankommens Willen. Quer durch Sibirien, tagelang, östlich der Sonne, bis in den kalten, fernen Osten der Sowjetunion oder Chinas. Oder – zumindest teilweise – auf den Spuren der alten Bagdadbahn. Mit der Inlandsbahn durch den Norden, durch Eis und Schnee. Ein Hauch von Indiana Jones. Oder Phillias Fog. So in der Art.

Bahnhöfe sind Orte für Looser. Dort sammeln sie sich. Die Trinker, die Penner, die Heruntergekommenen. Die heimatlosen Gestalten. Die jungen Herumtreiber, die alten Huren. Jene, die wir drogensüchtig zu nennen belieben. Jene, ohne Perspektive in ihrem Leben. Die Ausgestoßenen. Macht kaputt, was euch kaputt macht. Das Klirren der zerplatzenden Bierflaschen im Schotterbett der Gleise ist ihre Musik.

Bahnhöfe sind Ort des Verfalls. Die nach Pisse stinken und dunkle Ecken haben. Die irgendwie den Hauch einer rechtsfreien Zone verströmen. Exterritoriales Gebiet in einer ansonsten adrett daherkommenden Stadt. Kein Ort zum Verweilen. Wo es zieht, die Bahnsteige nach allen Seiten offen sind, der Abfall zwischen den Gleisen liegt. Frauen schnellen Schrittes die Sicherheit der wenigen Lampen suchen.

Bahnhöfe sind Orte für Menschen wie dich und mich. Leute, die von allem ein bisschen haben und nichts wirklich sind. Die mit Sehnsucht im Herzen, die gerne Kommen und Gehen, aber nie endgültig. Die die ein bisschen Reisende sind, aber nicht den wirklichen Mut zur ganz großen Tour haben. Ein wenig Trinker, ein wenig Looser, aber immerhin Gewinner genug, um dort im Dreck nicht bleiben, nicht leben zu müssen. Die sich dort – besonders nachts – einsam und verloren fühlen.

Und trotzdem magisch angezogen sind …