Schlagwörter

, , , ,

Und eines Tages entscheiden wir uns, irgendetwas Grundlegendes in unserem Leben zu ändern. Lange haben wir überlegt, die Vor- und die Nachteile abgewogen. Tage- und Nächtelang darauf herumgedacht, Wochen, Monate, manchmal Jahre sind darüber ins Land gegangen. Jeden Aspekt immer wieder neu abgewogen, immer mal anders gewichtet, zurückgenommen, wieder hinzugefügt. Überlegt, welche Konsequenzen unsere Entscheidung für wen haben würde. Was bliebe wie bisher, wo es Änderungen geben würde, wo Brüche. Wer mit welchen Konsequenzen leben müsste, wer dabei – möglicherweise – auf der Strecke bliebe. Hinten herunter fiele. Was wir dabei selber ertragen wollen und was nicht. Was wir ertragen müssten. Wenn wir weiterkommen wollen.

Es ist ein mühsames Werden, eine Aufgabe, der man sich nicht zum Spaß aussetzt. Geht es um Lebensbrüche, um die Neuausrichtung eines ganzen Lebensabschnitts möglicherweise, um den Weg zu neuen Ufern, dann ist es ein langer, ein schon beim Durchdenken schmerzlicher Prozess. Neue Ufer bedeuten das Verlassen der alten, eine risikobehaftete Fahrt über offenes und manchmal stürmisches Meer. Das Eingehen von Wagnissen ohne das sichere Wissen um einen guten Ausgang. Sicher, neue Ufer bedeuten ein anderes Leben, aber wird es auch wirklich besser sein als bisher? Und, was ist das eigentlich: besser?

Schließlich ist es soweit. Wir haben eine endgültige Vorstellung. So soll es werden. Dies Ergebnis wird nun jenen verkündet, die es auch betrifft. Ein Moment voller Ängste, hinausgezögert, ersehnt, zugleich gefürchtet. Gesichter, die einen unruhig ansehen, tiefes Luftholen. „Also, ich habe beschlossen … ich werde … so schaut es aus!“ Dröhnende Stille. Schock bei den Zuhörenden. Leise lächelndes Verständnis vielleicht bei den Einen. Verletzung und Trauer bei den Anderen. Wut, Aggression. Alles ist in solchen Momenten möglich und es liegt so gefährlich nahe beieinander.

Und da ist er dann, ganz plötzlich: der Dackelblick! Aus großen, meist braunen Augen, bei leicht geneigtem Kopf, so schräg von Unten. Still erduldend, potentiell leidend und zugleich dem Schicksal (Komma, grausam) ergeben.

Der Träger des Dackelblicks leidet leise. Warum nur, warum ist es so gekommen? Unverständnis erfüllt ihn. Er kann sich nicht erklären was hier geschieht, es war doch immer alles gut, was nur mag geschehen sein? Nein, er wird sich der Entscheidung nicht in den Weg stellen, warum auch, sie ist ja gefallen. Wiederstand ist zwecklos aus seiner Sicht. Er wird sie mit tragen, mittragen müssen. Er wird daran leiden, nein, das sagt er nicht laut, aber seine Haltung, sein Blick drücken dies deutlich aus, implizieren die alleinige Verantwortlichkeit seines Gegenübers und lassen diesen unter der Last seiner Entscheidung zweifeln und oft genug verzweifeln.

Denn er wusste, dass das käme. Schließlich kennt er seinen Gegenüber. Gut sogar. Den Blick, das stille Zuschieben der alleinigen Verantwortlichkeit. Den gekrümmten Rücken. Das Schweigen. Nein, die Reaktion ist nicht neu. So oft gesehen. Und trotz aller gefasster, anderslautender Vorsätze lässt ihn das Zweifeln. An seinen Ideen. Dem neuen Weg. Seinem anderen, dem neuen Leben.

Er hält es nicht aus, zu neuen Ufern aufzubrechen und den Anderen in seiner Not und Pein alleine zurück zu lassen. Seine Verantwortlichkeit. Dabei ist die – besonders, wenn es dabei um Beziehungen geht – niemals so deutlich einseitig und immer bei beiden beteiligten Seiten zu suchen. Und vielleicht – auch das will überlegt sein – ist es ja gerade dieses Schweigen, das ihn auf diesen Weg gesetzt hat. Das Fehlen von Widerstand. Der Mangel an Gegenüber. Die unausgesprochenen Worte.

In der Soziologie wird eine Gruppe von Merkmalen oder Faktoren, deren gemeinsames Auftreten einen bestimmten Zusammenhang oder Zustand anzeigt, als Syndrom bezeichnet. Das Dackelblicksyndrom beinhaltet genau dies. Es ist eine perfide Mischung aus wortloser Schuldzuweisung, dem vorgeblichen Mangel der eigenen Einflussmöglichkeit und einem gemütlichen Einrichten im als unausweichlich angesehenen, persönlichen Unglück.

Und wer weich wird, seine wohldurchdachte und sicherlich begründete Entscheidung unter diesem Blick in Frage stellt oder gar aufgibt, ist geliefert. Aber soetwas von. Er rettet den Anderen möglicherweise vor der unbequemen Aufgabe, sein Leben ebenfalls neu auszurichten, neu zu durchdenken und zu neuen Ufern aufbrechen zu müssen. Wohl war.

Aber er verliert sich selber.

Endgültig.