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Es ist schon spät, irgendwas nach zehn Uhr abends, als ich in das Haus komme. Die bekannte Auffahrt hinauf, durch den großen Eingang. Umgebaut, frische freundliche Farben, man hat sich Mühe gegeben. Die langen Gänge verraten trotzdem das ehemalige Krankenhaus.

Wie üblich ist niemand zu sehen. Ein paar Türen weiter und eine viertel Stunde später dann die Nachtwache, wir kennen uns, sie lächelt kurz, als sie mich sieht. Drückt mir die Akte in die Hand, ein nicht zu unterschätzender Vertrauensbeweis. Dazu eine lauwarme Tasse von dem schrecklich schwarzsauren Gebräu, dass hier fälschlicherweise unter der verharmlosenden Bezeichnung „Kaffee“ geführt wird und das nur die dauergenutzen Kochautomaten an solchen Orten hervorbringen. Ein paar Worte, das bisschen Wissen um den Menschen, von ihr über die letzten Tage aus Beobachtungen zusammengeklaubt. „Ich glaube, sie wird die Nacht nicht überleben. Sie will nicht mehr.“ Irgendwo summt es, im Gang ganz hinten leuchtet ein Signallicht über einer Tür, sie stiebt davon. Alleine auf der Station, wie üblich heute. Kein Zuckerschlecken. Ich sitze noch einen Moment da, lese, lasse ihre Worte nachklingen: „Sie will nicht mehr.“

Langsam gehe ich über den Flur, suche die Zimmernummer. Eile ist hier nicht mehr von Nöten. Grob weiß ich, wie die Zimmer eingeteilt sind. Finde sie, fast am Ende des Ganges, ein Sessel davor, die Glastür zum nun dunklen Garten gleich daneben. Einen Moment halte ich still inne, Blicke auf den Türrahmen dicht vor meinen Augen, versuche mich zu sammeln. Dann drücke ich vorsichtig die Zimmertür auf und trete leise ein.

Ein Raum, vielleicht fünf Meter in der Tiefe, drei in der Breite. Hell gestrichen, die Decke überhoch, wie das in Altbauten so ist. Links von der Tür ein kleiner Tisch, ein Sessel, ein Stück weiter ein Schrank, nichts Besonderes, aber auch nicht hässlich. Rechts das Pflegebett, neu, daneben ein alter, rollbarer Krankenhausnachttisch den irgendwann irgendjemand in einem Anfall von Barmherzigkeit neu anzustreichen versucht hat. Eine kleine Lampe, sie verbreitet abgedeckt ein sanftes, gelblich-warmes Licht im Raum.

Das Bett. Weiße Wäsche, sauber und akkurat aufgezogen. Unter der Decke ein kleiner Mensch, eine alte Dame. Kurzes, graues Haar, die Augen geschlossen. Der runde Ausschnitt des Nachthemdes schaut ein wenig hervor. Fast Neunzig , keine Familie. Lebt seit Jahren in diesem Heim. Umgezogen auf die Pflegestation vor einem halben Jahr, weil alles immer schlechter wurde. So jedenfalls stand es in der Akte. Keine wirkliche Diagnose. Außer: „Sie will nicht mehr“.

Ich spreche sie sanft an. Und sie öffnet die Augen. Ich erkläre ihr, wer ich bin. Und warum ich hier bin. Das ich bleiben und mit ihr gehen werde, jedenfalls soweit und solange ich das kann. Bis zu dem neuen Morgen, der so oder so kommen wird. Sie schaut mich eine ganze Weile an, dann erscheint die Andeutung eines Lächelns in ihrem Gesicht und ein ganz, ganz kleines Nicken. Kein Erschrecken. Keine Abwehr. Keine Angst. Wir wissen Beide, was kommen wird.

Ich schiebe den Sessel vorsichtig neben ihr Bett und setze mich. Bin so fast auf einer Höhe mit ihr. Nicht Stehen, das ist für einen liegenden Menschen so bedrohlich. Wir schauen einander an, wechseln aber kein Wort. Irgendwann, nach einer Stunde oder länger, wieder dieses leise, angedeutete Lächeln. Ihre Hand tastet langsam und suchend über die Decke. Eine kleine, faltige und nicht sehr warme Hand, mit einem sanften Druck als wir uns treffen. Ob sie selber den Trost menschlicher Berührung sucht oder dem Helfer in seiner Hilflosigkeit Trost spenden will, ich weiß es nicht. Lange bleiben wir so, schweigend, mit den Gedanken auf Wanderschaft zwischen den Welten.

Irgendwann schläft sie ein, meine Hand behält sie bei sich. Veränderungen kommen meistens leise, auch in dieser Nacht. Erst nach einer ganzen Weile merke ich, wie sich ihr Atem erst unmerklich, dann immer deutlicher verändert. Ein leises, für den Zuhörer bedrohlich wirkendes Rasseln hat sich eingeschlichen, dass über die nächste Stunde langsam stärker und lauter wird.

Langsam, sehr langsam wandert der Zeiger des alten Weckers auf dem Nachtschrank über das vergilbte Zifferblatt. Ich kann ihn aus meinem Sessel sehen. Irgendwann, es ist schon weit nach Mitternacht, stehe ich vorsichtig auf. Lege ihre Hand behutsam zurück auf die Decke. Gehe in das Wachzimmer. Der Kaffee steht noch immer auf der Platte, nein, kein Genuss, aber Coffein satt. Die Schwester klappert fleissig Berichte auf der Tastatur eines Rechners und blickt nur kurz auf. Ich senke die Augenlieder, sie nickt leicht. Auch hier keine Sprache, stilles Verstehen. Es scheint eine sprachlose Nacht im Angesicht eines nahen Todes.

Zurück über den halbdunklen Flur. Die Nachtbeleuchtung verbreitet ein warmes, leicht diffuses Licht, nur die Hinweisschilder über den Notausgängen leuchten wie immer hell. Das große Haus ist erstaunlich still um diese Zeit, man könnte eine Stecknadel fallen hören. Ich höre die Tastatur bis weit hinten auf dem Gang leise klappern. Mir ist kalt, der Kaffee brodelt in meinem Magen, erzeugt zusammen mit dem Schlafmangel eine leichte Übelkeit. Zwei Uhr am Morgen ist die Zeit, zu der der Mensch die niedrigsten biologischen Körperaktivitäten hat und das Wachbleiben für die Meisten von uns am schwierigsten ist.

Zurück im Zimmer. Ich war zehn Minuten fort, vielleicht einen Moment länger. Trotzdem hat sich das Gefühl im Raum fast unmerklich verändert. Sie schläft noch immer, das Rasseln hat deutlich zugenommen oder ich nehme es jetzt stärker wahr. Ich suche mir wieder meinen Platz im Sessel vor dem Bett und taste vorsichtig nach ihrer Hand. Sie ist kühl, kühler als zuvor. Bei der Berührung wacht sie auf, sanft, ohne eine Bewegung, die Augen gehen langsam auf, sie schaut, schaut mich an. Lächelt schwach, dann dämmert sie wieder davon. Es wird das letzte Mal gewesen sein, das wissen wir Beide zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht.

Eine halbe Stunde später kommt der erste Atemaussetzer. Ohne jede Vorwarnung, einfach so hinein in eine bis dahin gleichmäßige, leise und kleine Atmung. Passend zu dem Bündel Mensch dort im Bett. Jetzt die Pause. Anspannung beim Begleiter, plötzlicher Adrenalinschub, hellwach, die Müdigkeit verschwunden. Zehn, fünfzehn Sekunden, dann ein tiefer, stockernder Atemzug. Dann wieder Normalität in den Atemzügen. Auch das Rasseln kehrt zurück. Aber: das war das Signal für das nahende Ende. Der letzte Akt beginnt, auch, wenn es noch lange so gehen könnte.

In den nächsten zwei Stunden nehmen die Aussetzer an Häufigkeit und Dauer kontinuierlich zu. Sie leidet nicht, sie schläft. Wacht nicht mehr auf. Auf ihrem Nachttisch habe ich eine Kerze angezündet, das Licht im Raum fast völlig herunter gedreht. Es ist angenehm warm, sehr ruhig. Die Schwester hat vorbeigeschaut, die neue Konstellation mit Kerze und Licht sofort erfasst. Sie ist einen Moment geblieben. Schweigend, hat für sich Abschied genommen. Beim nächsten Aussetzer fange ich an zu hoffen, dass der Atem nicht zurückkommen möge. Es reicht. Ist genug. Sie will nicht mehr. Aber der Körper kämpft, ist stärker als der verschwundene Wille. Noch.

Es ist kurz nach fünf als der Atem wieder aussetzt. Die Überraschung ist fort, zu oft habe ich das in den vergangenen Stunden gehört. Doch dieses Mal wird der Moment länger. Länger. Noch länger. Ich schaue in ihr Gesicht. Keine Bewegung, die Augen geschlossen. Kein Atem. 30 Sekunden. Ich hoffe, schaue nach Unten. Meine schmutzigen Schuhe fallen mir auf, dass im Linoleum eine kleine Spalte ist. Eine Minute. Den Papierkorb hat auch schon lange niemand mehr geleert. Eineinhalb. Kein Atemzug. Ich schließe die Augen, danke still. Es ist vollbracht, sie ist Davon. Ich bleibe still sitzen, eine ganze Weile. Schau sie an, wie sie da sehr friedlich liegt. Freue mich, dass sie es geschafft hat. Das es nicht schlimm wurde. Das alles gut ist.

Öffne dann das Fenster, bete an ihrem Bett ein „Vater Unser“ und gehe aus dem Raum. Über die stille Station. Lächele die Schwester an, die weiß, was es bedeutet. Und auch still sitzen bleibt. Es gibt frischen Kaffee. Wir schweigen gemeinsam, haben alle Zeit der Welt. Sie wird sich um alles Weitere kümmern, unaufgeregt, dann, wenn es dafür an der Zeit ist. In Ruhe.

Ich trete aus der Tür. Es ist früh, noch vor sechs Uhr. Die Luft ist frisch und klar, es ist nicht sehr warm. Ich recke mich, lächle. Fröstel ein wenig, die Übermüdung macht sich bemerkbar. Freue mich an dem Tag, der vor mir liegt. An der frischen Luft, dem morgenblauen Himmel und dem leichten Wind, der mir in das Gesicht weht. An dem goldenen Hauch einer aufgehenden Sonne. Weiß, dass ich ab Mittag schrecklich müde sein werde und weiß auch, dass ich diesen Tag trotzdem als einen verdammt Guten in Erinnerung behalten werde.

Nicht, weil ich den Tod erlebt habe, das passiert mir und Anderen häufiger. Aber weil ich allen Grund habe, dankbar zu sein. Für mein Leben. Für die Möglichkeit, ihr diese Hilfe anbieten zu dürfen. Für den Glauben, dass ich als Mensch am Menschen einer alten Frau vielleicht eine Stütze auf diesen so schweren Weg war. Sie vielleicht die Nähe und die Zuversicht eines Anderen spüren konnte. Nicht alleine war, als sie ging. Vielleicht trifft der so völlig aus der Mode gekommene Ausdruck Demut am ehesten, was ich empfinde.

Ich werde meine Söhne anrufen. Heute. Beide. Und meine Enkelin. Und einen Teddy verschenken. Und heute Abend will ich Grillen. Mit Freunden und meiner ganzen, bunten Familie.

Das Leben ist schön.