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30 Jahre. Verdammt, was für eine lange, lange Zeit. Jedenfalls, wenn man sie von Vorne betrachtet. Als Zukunft. Vor sich liegend. Eine unendliche Wegstrecke. Unübersehbar.

Von der anderen Seite sieht dieselbe Strecke, dieselbe Zeit, ganz anders aus. Eine Binsenwahrheit. Eigentlich jedem klar. Eigentlich. Eben.

Heute stehe ich an so einem Punkt. Blicke leicht sinnend und in einer seltsamen Stimmung zurück über 30 lange, kurze Jahre auf einen Moment in meinem Leben, an dem sich die Welt für mich nachhaltig und für immer änderte. Warm und Licht wurde. Unglaublich schwer und verantwortlich. Himmelhoch jauchzend und – seltener – zu Tode betrübt.
Jener Tag war ein etwas grauer Morgen in Bremen-Nord. Farge, nicht weit von der dortigen Fähre, um genau zu sein. Dort wohnten wir damals. Wir, das waren meine hochschwangere Frau und ich. In einer Wohnung in der unteren Etage eines kleinen Siedlungshäuschen aus den 50er Jahren. Dorthin recht frisch umgesiedelt, weil unser davor bewohntes Appartement dem Ansturm der anstehenden Familienvergrößerung einfach nicht gewachsen gewesen wäre.

Der Weg zur Arbeit fiel an diesem Morgen aus. „Ich glaube, es ist soweit“ sagte die werdende Mutter. „Das wird noch dauern“ sprach eine halbe Stunde später der Gynäkologe. „Sie können beruhigt zur Arbeit fahren“ verlautete die Stationsschwester nochmals 30 Minuten später und so fuhr ich. Räumte in meiner Lehrfirma den Ablageraum auf, wie an diesem Tag vorgesehen. Fragte Mittags im Krankenhaus nach und wurde in alarmiertem Ton gefragt, „wo verdammt ich eigentlich bliebe“. Preschte mit unserem Käfer in Rekordzeit zurück ins Krankenhaus um dann stundenlang neben der werdenden Mutter zu sitzen und zu schauen, wie sie mühsam, sehr mühsam unser Kind zur Welt brachte.

Um kurz nach 17.00 Uhr war es soweit. Ein letztes Durcheinander, eine letzte große Aufregung, und dann hielt ich ein gar nicht mal so kleines Bündel Mensch im Arm. „Sie haben einen Sohn.“ Eingehüllt in ein gelbes Frotteetuch blinzelte er mich aus großen Augen misstrauisch an. Dafür hatte er sicherlich allen Grund. Ich lächelte, er verzog die Nase und alles begann. Ich war unglaublich glücklich.

Nach einer Woche behüteten Daseins im Krankenhaus brach dann der Alltag des Lebens über diesen kleinen Menschen. Die Tatsache, dass sein Vater im Krankenhaus mit einer Tragetasche zum Abholen erschien, die dazugehörige Matratze aber lässig vergaß, hätten ihn warnen müssen. Und so ging der gemeinsame Werdegang dann eigentlich auch weiter – oftmals ganz gut, oftmals aber eben auch mit Pannen oder Versäumnissen gepflastert.

Im Rückblick sind die Jahre geflogen. Viel geschah, manches wurde vergessen. Anderes blieb. Das Krabbelkind, das Streusalz aß, der Tag im Krankenhaus voller Bangen. Der Kurze, der mit Schlafsack aus seinem Bett herausklettern und schneller als sein Vater laufen konnte. Die kleinen Finger in Vaters Nase, das Bein gegen das Bett gestemmt und gezogen. Die ersten Freunde, noch in der Kinderkarre. Ein Einkauf, bei dem ein Plüschaffe unseren Weg kreuzte – er sitzt noch heute irgendwo auf dem Bett. Ein Umzug, völlig andere Menschen, Kindergarten und Schule auf dem Dorf. Nicht leicht. Das erste Fahrrad, der erste Unfall damit. Neue Freunde. Reisen mit den Großeltern, zum Rodeln in die Berge, zu Freunden nach Schweden. Das erste Mal Dänemark, das Meer, der Strand, Zeltleben. Zeiten, in denen es in der Familie nicht mehr so schön war. Zeiten auch, in denen der Vater nicht der Vater war, der er hätte sein müssen. Die Konfirmation, die ersten Reisen mit den Jugendgruppen. Den Moment, als die Liebe der Eltern zueinander irgendwo auf einem Weg voller Fehler einfach verloren ging. Alles auseinanderbrach um zu etwas Neuem, Anderen, erst einmal Schwierigen zu werden. Probleme, die sich aus dem Bleiben des Sohnes beim Vater ergaben. Für ihn selber. So plötzlich so vieles so anders. Für den arbeitenden Vater. Für uns gemeinsam, die Männer-WG, die wir plötzlich waren. Mit ganz anderen Rechten und Pflichten. Die wuchs, schöner wurde und sich wieder änderte, als Sohn II dazu stieß. Die unrund lief, die knirschte und splitterte und trotzdem durch uns und mit der Hilfe von geliebten Menschen und Freunden Bestand hatte. Die Zeiten in der Schule, als es nicht gut lief. Alles zu viel wurde. Eine geneigte Lehrerin die Hand darüber und die Faust in den Nacken hielt, voll stiller Zuneigung und mit glashartem Nachdruck. Die Jugendarbeit, als Gruppenleiter auf Freizeiten im Norden. Als der selbstgewählte Zivildienst anstand, ein paar Monate lang als jüngster Dienstleistender Niedersachsens mit Sondergenehmigung. Der Sohn loszog zur Bewerbung, gestylt wie aus „Man in black“, einen verzweifelten Vater zurückließ und lässig lächelnd mit einer Lehrstelle zurückkam. Als die erste Periode Hamburg und die Ausbildung viele Probleme mit sich brachten. Ein unstetes Leben und dann ein Jahr Amerika folgten, die Rückkehr mitten in einer Wirtschaftskrise, die unverdient ein weiteres Jahr ohne Arbeit und Einkommen brachte. Die Zeit bei den Großeltern, die ihn großzügig und warmherzig aufnahmen, weil WG nun doch nicht mehr funktionierte.

Dann erneut Hamburg: „Da geh ich nie wieder fort, höchstens für Stockholm“. Das Klettern, die große Leidenschaft, mitgebracht aus Amerika, ein neues Umfeld. Hamburg, die Zweite. Der große Traum, langsam gereift, die harte, sehr harte Arbeit davor, das jahrelange Planen, das Bauen und Verzweifeln. Durch den Staub zu den Sternen. Es war viel, verdammt viel Staub und zu den Sternen ists sicherlich immer noch sehr weit, aber der Anfang war gemacht. Mit Frau und Partnerin, schließlich eine Tochter … Charlotte, „the next generation“ … angekommen im Hier und Jetzt.

Und nun stehen wir hier. An diesem eigentlich beliebigen Punkt in der Zeit, der sich gar nicht so sehr von den Momenten davor und danach unterscheidet. Und trotzdem eine echte Zeitenwende ist. Eine Zeitenwende, weil für ihn ein neues Lebensjahrzehnt anbricht. Ein neues Stück Zukunft. Anders als bisher, trotzdem gleich. Voller Herausforderungen und Hoffnungen. Für mich, weil ich die lange Zeit mit ihren Geschehnissen so deutlich und kompakt überschauen kann und darob erschrecke. Das Kielwasser sehe, den Zick-Zack-Kurs, der sich an manchen Stellen darin abzeichnet. An manche Menschen und Weggefährten denke, die Heute – aus ganz unterschiedlichen Gründen – nicht oder nicht mehr dabei sind, sein können. Glück, Zuneigung und Dank euch allen, wo auch immer ihr sein mögt, ihr seid uns so wichtig und wertvoll gewesen, ihr werdet nie vergessen sein!

Er ist jetzt erwachsen. Nun wird er ernster ins Leben schauen. Denke ich. Glauben alle. Das habe ich damals – fälschlicher Weise – an derselben Stelle in jener Zeit auch für mich gedacht. Und ich hoffe und wünsche von Herzen, dass es nicht so ist. Die Lockerheit, das Lässig sein so bleibt, wie es meistens war. Denn das erreichte Alter hat damit eigentlich nicht viel zu tun, warum sollte er sich also ändern?

Ernst schaut er, seit er sein Leben auf eine Selbstständigkeit aufgebaut hat. Noch ernster schaut er, seitdem er Vater einer wundervollen Tochter geworden ist und daran denkt, wie er ihr Leben sichern kann. Ernst schaut er auch, wenn seine Frau und Partnerin etwas zu ihm sagt. Und das ist wohl auch eine gute Grundlage und angemessen und entspringt der damit verbundenen Verantwortung und Zuneigung. Aber sonst? Nein, allzu ernst ist er nicht geworden, jedenfalls bisher oder zumindest in meinem Beisein. Er kann immer noch herzlich lachen, das macht so viel aus. Sich heftig streiten. Sich über Blödsinn freuen. Pampig werden. Über Kleinigkeiten glücklich sein. Wilde Ideen haben und sie umsetzen. Verrückt und Großherzig sein.
Und er tut etwas, was ich rückhaltlos bewundere und wozu ich selber nie den Mut gefunden habe: er versucht in all den Zwängen und mit den daraus resultierenden Einschränkungen seinen eigenen, geraden Weg zu gehen und dabei das zu tun, was ihn und seine eigene Familie glücklich macht.

Und so drehen wir uns heute Beide um und schauen nach Vorne. Der Eine auf das, was an Aufgaben, Ideen und Leben ansteht, voller Hoffnung, Erwartung und Tatkraft.

Der Andere mit einem Lächeln und der Hoffnung, dass alles gut gehen möge. Mit Freude an dem, was der Sohn so macht, an der Familie, an dem Miteinander.

Voll tiefer Dankbarkeit, dass wir zusammen da stehen können, wo wir stehen.