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Man ändert sich über die Jahre. Damit meine ich weniger das Äußerliche. Klar sehen wir alle, die wir die 50 satt überschritten haben, noch genauso jugendlich und knackfrisch aus wie mit Zwanzig. Mehr „knack“ als „frisch“, aber immerhin. Dynamisch. Ein kleinwenig gefältelt. Ein bisschen Kunststoff hier, eine straffende Naht da, die Zähne: fast echt. Fast. Darum geht es aber auch gar nicht.

Ich denke da eigentlich mehr so an die eigene, veränderte Befindlichkeit. Den anderen Blickwinkel, den man sich über die Jahre angeeignet hat und der sich so völlig unterscheidet von dem, den man mit vielleicht Zwanzig hatte. Die Ideen, die einem heute zusagen. Die Positionen, die man bezieht.

Vieles davon geschieht zufällig. Anderes aus einer Art Lerneffekt heraus. Manches wird vorgegeben, anderes sammeln wir irgendwo auf unserem Weg auf, schauen es an und behalten es bei, weil wir es brauchbar finden. Jeder wird auf andere Dinge stoßen, wenn er einen Blick zurück wagt. Und das Gefundene natürlich anders bewerten, logischer Weise. Denn jeder ist natürlich ein ganz eigenes Produkt aus Erziehung, Prägung, Umfeld und Erfahrungen … und genau darum finde ich einen solchen Rückblick auch so interessant.

Blicken wir zurück, dann sind da ersteinmal die Erinnerungen an große Pläne und Hoffnungen, mit denen wir einmal gestartet sind. Irgendwann haben wir sie unterwegs, mal mit lautem, mal mit leisem Platschen über Bord gehen lassen. Die Karriere als Modell, das Studium der Psychologie, die Weltumseglung mit der Freundin (Wo mag die Heute nur sein?). Den Porsche und die eigene Firma. Das sorgenfreie Leben als gefragtes, freischaffendes Universalgenie. Die eigene Insel, das Hotel in Alaska, das Reihenhaus mit grundversorgtem Postbeamten als Ehemann. Den Bestseller, den wir schreiben wollten. Die Welten, die zu ändern waren: gegen Atomkraft, gegen Waffen, für mehr Gleichheit, für „Freiheit statt Sozialismus“ oder „Gegen Rechts“. Die Ansprüche waren ja durchaus unterschiedlich. Geworden ist trotzdem meist nichts daraus. Der Weg war ein anderer. Das Leben auch.

Haben wir diese- manchmal schmerzlichen –  Dinge und die Erinnerungen daran hinter uns gelassen, kommen wir dorthin, wo wir die Veränderung über die Jahre an uns feststellen können, wie die Jahresringe an einem Baum. Und  nun wird es interessant und gleichzeitig mühsam mit dem ehrlichen hinsehen …

Aus unmittelbarem Erleben ist eine meiner wichtigsten Erkenntnisse, dass Menschen jederzeit und überall gehen können. Unverhofft. Von jetzt auf Gleich. In jedem Alter. Mit 21 auf einer vereisten Landstraße genauso wie mit 85 auf einem Sessel im eigenen Arbeitszimmer. Bei einer angeblich harmlosen Blinddarmentzündung wie nach langer, schwerer Krankheit. Unsere Worte, miteinander beiläufig an einer Tür gesprochen, könnten das Letzte gewesen sein, was wir zusammen hatten. „Plötzlich und unerwartet.“ Und wir stehen dann da und fragen uns, warum wir Dies oder Jenes nicht noch gesagt, geklärt, getan oder gemacht haben. Die Zeit, bis wir das nachholen können, kann lang werden.

Streit und Ärger sind den meisten und in meinem Leben ein großes Thema. Früher habe ich mich mit Wonne um alles Mögliche gestritten. Meinungen, Ideologien, das Mittagessen, die Haushaltskasse. Die letzte Dose Bier. Die Farbe des Autos. Letztlich: was hat es mir gebracht? Heute weiche ich mehr und mehr aus, suche den Konsens, den Deal der für beide Seiten tragbar ist. Zwangsweise, ich habe nicht mehr die Kraft für solchenDauerstreit. Das gelingt nicht immer. Eine gute Freundin hat mir die Grundzüge der gewaltfreien Kommunikation nahe gebracht. Das war mir lange Jahre nicht möglich, zu fremd schien mit die Materie. Vieles davon habe ich von ihr übernommen, Schritt für Schritt, alles schaffe ich noch nicht. Ebenfalls seit einigen Jahren ist „Vergebung“ ein großes Thema für mich, es spielt in Fortbildungen, die ich gebe, eine wichtige Rolle. Dasselbe dort: nicht alles gelingt. Noch lange nicht. Und treibt man mich zu sehr in die Ecke, kann ich immer noch trefflich um mich beißen.

Im Miteinander. In der Familie. Die Erkenntnis, dass Kinder ihre eigenen Wege gehen. Eigene Ideen haben. Und diese – oh Wunder – auch umsetzen. Erfolgreich. Und ich dafür nicht verantwortlich bin. Weder für Erfolg noch Misserfolg. Ein langer Weg. In der Partnerschaft. Nach einer Ehe und einigen Beziehungen. Das Fühlen für den Anderen. Der Wunsch nach Wärme, Vertrautheit, einem echten Gegenüber. Nach Miteinander, weit über das bisher gedachte Maß hinaus, der Wunsch nach Echo. Die Bereitschaft, Erfahrungen einzusetzen um Fehler zu vermeiden, Dinge völlig anders zu machen. Zurückzustecken für das Miteinander. Eine andere Perspektive. Eine Freundin sagte einmal zu mir: „Gehe ich am Abend zu Bett, müssen alle Streitigkeiten beseitigt sein. Nur so kann Liebe leben.“ Was für ein Vorsatz. Ich will das auch. Kann ich das?

Und so gibt es so viele Themen, bei denen ich heute so anders davorstehe, so anders Denke als oft noch vor ein paar Jahren. Bei den medizinischen Dingen, wo Homöopathie und andere, alternative Heilmethoden und -mittel ganz sicher nicht mein Wohlsinnen genossen. Manches an Dingen „so zwischen Himmel und Erde“, wo ich mir Heute keineswegs mehr so ganz sicher bin, dass es nur eine Sicht-, nur eine Empfindensweise gibt. In der Politik, wo helle Köpfe weit ab von den Parteien neue Weltbilder schmieden, alternative Lebens- und Umgangsformen finden, nicht bewährte, alte Formen stürzen. In der Arbeitswelt, wo die Aufteilung von Arbeits- und Lebenszeit eine Neubewertung durch die Menschen erfahren und sich nach und nach und zum Wohle Aller Modelle etablieren, die vor Jahren noch nicht denkbar gewesen wären. Wo der Wert und die Wertschätzung von Arbeit neu bestimmt werden muss. In der Bewertung von sozialer Gerechtigkeit, die uns in den vergangenen Jahren auf so ungeheure Art und Weise abhanden gekommen ist und zu der wir – in einem vernünftigen Maß – zurückfinden müssen, wollen wir nicht eines fernen Tages einen Bürgerkrieg in unserem Lande provozieren. In der Anerkenntnis von Geschichte und ihrer lehrenden Bedeutung, in der Angst vor ihrer Wiederholung. In der Partnerschaft. Im Umgang mit dem Nächsten. Bei der Toleranz gegenüber Anderen, die ein anderes Leben leben wollen. Was geht es mich ihr Leben, ihr Streben an?

Das Resümee? Nun, ich denke, ich bin vorsichtiger geworden in den Beurteilung von Sachverhalten und Menschen. Sehe mehr als Möglich an, halte mehr als einen Weg für gangbar. Bin empfindlicher und misstrauischer geworden gegen jegliche Obrigkeit. Bin toleranter in meinen Einschätzungen, tatsächlich, nicht lächeln. Nehme vieles hin, wenn es Erfolg zeigt oder jemanden glücklich macht. Muss nicht mehr in allen Bereichen alles so ganz genau wissen. Zu genaues Hinsehen ist manchmal gar nicht so hilfreich, lüftet Geheimnisse, die genau das besser blieben.

Nein, das ist keine Altersweisheit. Soweit habe ich es doch noch nicht gebracht, falls ich das überhaupt jemals schaffe. Aber ich schätze die Möglichkeit, über diese Veränderungen nachdenken und sie – zumindest teilweise – erkennen zu können. Es wäre, glaube ich, gut, wenn viele von uns das einmal in Ruhe tun würden … Immerhin, ein, wie ich finde, kluger Satz gilt – zumindest für mich – inzwischen universell für jede meiner Betrachtungen:

„Ein Jeder möge nach seiner Facon seelig werden …“