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Seit einiger Zeit bin ich Jäger. Großwildjäger. Meine Jagd gilt einer wirklich gefährlichen Spezies und ist nicht einfach. Aber ich habe über die Zeit gelernt und werde langsam immer besser. Mein Wild ist der „Rosa Elefant“. Schwierig zu jagen. Noch schwieriger zu erlegen.

Noch nie gehört davon? Echt nicht? Seltsam … ok, kurze Nachhilfe. Also, ein Mann (oder eine Frau) trifft die gute Elfe, die sich irgendwo verfangen hat. Als besserer Mensch befreit er sie und bekommt als Dank sofort einen Wunsch frei. „Oh, das ist ja toll“ freut sich der Befreier, „dann hätte ich gerne 10 Millionen in bar und damit ein gutes Leben!“ „No problem“, spricht die Elfe, „so eine Kleinigkeit ist mehr als angemessen, ich stehe ja auch im Wort. Bekommst du. Morgen Früh um acht Uhr wirst du mit Reichtum überschüttet.“ Dann sie grinst böse. „Einzige Voraussetzung: du darfst die ganze Nacht nicht an einen rosa Elefanten denken.“ Sprachs und verschwand mit einem elvenüblichen Puff.

Nun ist es nicht schwer zu erraten, was dem Elfenbefreier in jener Nacht passierte. Eine Herde rosa Elefanten turnte, hoppelte, marschierte und tanzte durch seine Gedanken. Das wars dann mit dem in Aussicht gestellten Reichtum, logisch. Und was sagt uns das? Also mal abgesehen davon, dass es Elfen mit einem echt miesen Charakter gibt und Freiheit eigentlich keinen Preis haben darf? Richtig, wir können als Normalsterbliche das Denken offensichtlich nicht lassen und es auch nur in den seltensten Fällen bewusst in eine Richtung steuern.

Im Normalfall greift – ohne dass wir es merken – unser Unterbewusstsein. Haben wir etwas gesehen oder gehört, befasst sich unser Gehirn damit. Die genetische Veranlagung aus Urzeiten schlägt voll durch, ob wir das wollen oder nicht. Das hat ja auch durchaus seinen Sinn. Soetwas konnte überlebenswichtig sein. Nur: wir leben heute in einer anderen Welt. Wir fürchten nicht den Säbelzahntiger, sondern die Zeugen Jehovas. Wir müssen eher selten erkennen ob der Gegenüber uns auf die Birne schlagen und verspeisen, sondern eher, welchen Staubsauger oder welche Versicherung er uns andrehen will. Wir sind also mit einem Kommunikationsmuster ausgestattet, das schlichtweg nicht mehr in die Zeit und zu den verwendeten Mitteln passt. Besonders zu den verwendeten Mitteln. Kurzum, unsere Art von Kommunikation und Denken ist überholt. Stoneage meets digital world – und genau da liegt wohl auch das Problem.

Wir nutzen heute Technik für die zwischenmenschliche Kommunikation. Wir sind gewohnt , an jedem Ort, zu jeder Zeit erreichbar zu sein. Besonders schwierig ist das, seit es die Textnachrichten auf den allgegenwärtigen Kleincomputern gibt, die wir so gerne verharmlosend „Handy“ nennen. Es begann mit der inzwischen fast ausgerotteten Gattung „SMS“ und setzte sich nahtlos über all die Dienste fort, die es so gab und gibt.

Dabei sprechen wir verhältnismäßig selten miteinander, wir schicken uns die Daten und Nachrichten zu, die der Empfänger nach seiner und unserer Meinung gerade „braucht“. Wir kommunizieren nicht wirklich, sprechen kaum etwas ab, überlassen es dem Anderen, die Daten zu bewerten und seine Schlüsse daraus zu ziehen.Das ist die Geburtsstunde der Fehleinschätzung,  des „rosa Elefanten“. Eine besondere Spezies, weit verbreitet und mit einer über die Jahre zunehmenden Population gesegnet, lebt er doch ausschließlich in der Gedankenwelt seines Besitzers. Dort fühlt er sich (sau)wohl und gedeiht, je nach Veranlagung, hervorragend. Schauen wir uns das einmal an.

Mir persönlich begegnet der „rosa Elefant“ meistens in der Nacht. Morgens gegen vier Uhr ist er oft auf der Pirsch. Dann fallen mir am Tag vorher gesprochene Sätze ein und ich fange an, über sie nachzudenken. Waren sie wirklich so gemeint, wie ich sie gehört hatte? Oder gab es eine versteckte, ganz anders gemeinte Botschaft darin, die ich nur nicht sofort erfasst habe? Zwischentöne, eine zweite Ebene, die dem gesprochenen eine ganz andere Bedeutung verleihen? Ich grübele. Er wird grösser, der Elefant. Weidet sich an meinen Fragen. An meinem Misstrauen.

Ein kleiner Chat zur Nacht, freundlich, vielleicht auch liebevoll, wer weiß. Ein „Gute Nacht“ mit einem „Smily“ zum Schluss. Dann ists gut für Heute und eigentlich sollte man Schlafen. Und plötzlich ist er da, der „rosa Elefant“. Erstaunlich, wie ein so großes Tier so leise und so schnell schleichen kann. Fast lautlos schleicht er sich durch unsere Gedanken, wechsel einmal vor uns von Rechts nach Links in das Unterholz des Gehirns. Und schon ist die Spur gelegt, meine Gedanken folgen ihr willig.

Verdammt, warum war am Ende der Botschaft eigentlich nur ein Lächeln zu sehen? Kein Kuss? Hm, hm, was mag das bedeuten? Ein Hinweis auf eine Verstimmung, gar einen Liebesentzug? Die Saat geht auf. Was kann das nur bedeuten? Und warum ist das Telefon auf der anderen Seite komplett ausgeschaltet? Nicht auf Standby? Der oder die haben bestimmt was Anderes vor, wovon ich nichts wissen soll … und überhaupt: der oder die hat seit unglaublichen 30 Minuten nicht mehr in sein Telefon geschaut. Das sehe ich doch. Da ist was los. Eine Andere. Ein Abenteuer. Ich soll bei irgendwas nicht dabei sein … Die Liste lässt sich beliebig erweitern.

Ein weiterer Stressfaktor: mein Nachrichtengegenüber schreibt mir und schaltet dann so schnell ab, dass ich nicht reagieren kann. Kennt man. Ich hasse diese Unart. Keine Antwort erreicht ihn mehr, nachfragen geht auch nicht. Nun sitze ich da mit einer Botschaft, die mir zumindest unverständlich, wenn nicht zweideutig erscheint. Das Ergebnis ist, dass ich mit einem Ohr immer an dem Handy hänge um ja schnell genug eine Antwort hinaus senden zu können. Weil: später wäre zu spät. Warum eigentlich?

Für mich dämmerte irgendwann die Erkenntnis, dass es der Mangel an Gegenüber ist, der diese Gedanken aufkommen lässt. Spreche ich normal mit einem Menschen von Angesicht zu Angesicht, nehme ich dabei eine schier unglaubliche Vielzahl an Reaktionen wahr. Will sagen, der Zusammenhang zwischen Gesichtsausdruck, Körperhaltung, den Bewegungen und der Mimik in Verbindung mit dem Tonfall beim Sprechen macht die ausgetauschte Botschaft erst zu dem, was sie sie ist: einer umfassenden Nachricht von Inhalt, Gefühl und Botschaft meines Gegenübers. Schulz von Thun lässt grüßen.

Bei der Kurznachricht hingegen fehlt fast alles. Wir bekommen die Botschaft, knackehart und trocken. Das kann, wie bei einer Mail, Vorteile haben, wenn es sich um Sachthemen oder reine Informationen handelt. Da ziehe ich eine Mail auch immer einem viertelstündigen Telefonat vor. Geht es aber um Zwischenmenschliches, um Gefühle und um Ehrlichkeit, dann ist an dieser Stelle Schluss. Wir nehmen die Sachnachricht wahr und unser Kopf sucht – ohne dass wir es merken – verzweifelt nach den fehlenden Informationen auf der sozialen Seite. Nach dem Lächeln. Dem Klang der Stimme. Der Berührung beim Sprechen. Also nach den Informationen, die uns eine wirkliche Beurteilung und Einordnung der Botschaft erst erlauben. Wir merken das nicht. Aber es macht sich bei uns als ein nicht erklärbares Unbehagen, als ein schlechtes Gefühl breit. Was wir nicht haben, versucht der Kopf durch Analyse und Denken zu füllen. Da er aber keine wirklich verwertbaren Informationen hat, ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass hierbei ein völlig falsches Ergebnis entsteht. Der nächste Fehler: Wir glauben es, weil unser „Gefühl“ uns das so sagt. Und schon sitzen wir in der Falle.

Nun, da ich weiß, wie alles zusammenhängt, falle ich auf sowas natürlich nicht mehr herein. Nie wieder. Schließlich bin ich vorbereitet, mein Kopf weiß, dass Teile der sozialen Botschaft fehlen und er diese gefälligst nicht selbstständig zu ersetzen hat. Das habe ich ihm untersagt. Wir sind ja vernunftgesteuert, streng rationell und lernfähig. Haben sowas durchaus im Griff, das wäre doch gelacht und noch schöner! Kurzum, wir stehen über diesem Unsinn.

PIIINNGGG! Ah! Eine Nachricht! Wie schön. Und auch noch eine gute, von einem lieben Menschen. Ich freue mich. Was steht da? „Bin müde und gehe zu Bett. Träume schön!“ Ja, klar, war ein langer Tag, du auch, erhole dich gut. Wir hören uns Morgen wieder. Ich freu mich drauf!

Ein sanfter Moment der Ruhe. Dann ein leises Rumoren im Kopf: wieso eigentlich um 23 Uhr ins Bett? Die geht doch sonst nie vor halb Eins? Komisch.

Und wieso ist jetzt das Handy jetzt aus auf der anderen Seite? Merkwürdig.

Und überhaupt: „zu Bett“ ? Sagt er nicht sonst immer „Ich geh Schlafen“? Grübel.

Was mag da bloß los sein? DA IST DOCH WAS LOS ?!

Trapp … trapp … trapp … da schleicht er wieder. Rosafarben.

Ich denke, ich gehe heute Nacht mal Elefanten jagen.