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Es ist später Vormittag. Vom Kamm einer kleinen Hügelkette blicken wir hinunter auf eine mittelgroße Stadt zu unseren Füssen. Ihre mittelalterliche Geschichte und Abstammung lassen sich an dem alten Baustil – trotz einiger neuerer Häuserviertel – deutlich erkennen. Enge Gassen bestimmen das Bild, kunstvoll verschachtelte Fachwerkhäuser, oft viele Stockwerke hoch. Die dazwischen gestreuten großen und eindrucksvollen Kirchen, deren Türme aus der kompakt wirkenden Innenstadt herausragen, lassen auf eine geschichtsträchtige und wohlhabende Vergangenheit schließen. Der Morgen ist sonnig, so früh im Jahr ist es noch nicht sonderlich warm. Ein klarer Himmel zeigt wenigen Wolken.

Es ist der 22. März, wie heute. Die Stadt, auf die wir schauen, ist das alte Hildesheim. Wir schreiben das Jahr 1945, genau siebzig Jahre zurück …

Hildesheim hatte Glück gehabt. Irgendwie jedenfalls. Bis in das letzte Kriegsjahr hinein galt sie mit ihren knapp 70.000 Einwohnern und – vor allem – auf Grund ihrer nur wenig militärisch bedeutsamen Industrie für die Alliierten als lässliches Ziel. Eine Ausnahme schien vielleicht der Güter- und Rangierbahnhof, immerhin dicht bei Hannover, ansonsten bot sich aus Sicht des „Bomber command“ wenig Lohnenswertes. Das war zwar auf Grund der hierher über die Jahre verlagerten Industrie keine ganz richtige Einschätzung, hatte die Stadt aber bis bisher vor größeren Angriffen geschützt.

Das ändert sich allerdings in der Jahresmitte 1944. Ein erster direkter Angriff kostet 34 Menschen das Leben. Industriebetriebe werden getroffen, bei späteren Angriffen auch ein Kriegsgefangenenlager. Zahlreiche der Gefangenen verlieren ihr Leben. Im März 1945 kommt es zu weiteren Bombenangriffen, allerdings wohl nur, weil die Maschinen andere Ziele nicht auffinden und auf Hildesheim „ausweichen“. Dann aber wird es plötzlich richtig ernst. Die Alliierten beginnen mit gezielte Angriffen auf die bisher Links liegengelassene Stadt. Der Güter- und Rangierbahnhof und die Hallen der Senkingwerke werden bei einem Angriff getroffen, mehr als 150 Tote sind zu beklagen.

Der Schock sitzt tief. Doch, was keiner trotz mancher Warnung so richtig wahrhaben will, das alles ist nur die Ouvertüre. Das – zugegeben schreckliche – Vorspiel eines bereits in allen Facetten geplanten Untergangs. An diesem 22. März, an dem wir auf die Geschichte schauen, hat das Verhängnis schon lange seinen Lauf genommen. Von unterschiedlichen Stützpunkten in England und Schottland sind insgesamt 260 englische und kanadische Bomber unterschiedlichen Typs gestartet und haben sich über der Nordsee zu einem großen Verband zusammengeschlossen. Geschützt durch englische Jagdflieger und kaum behindert durch die nur noch rudimentär vorhandene deutsche Luftabwehr fliegen sie von Nordosten kommend über die Küste nach Norddeutschland ein.

Um kurz nach 13.30 h setzen vorausfliegende, schnelle Pfadfindermaschinen in der Gegend des kleinen Örtchens Hoheneggelsen „Christbäume“, Markierungsbomben, die hohe Türme aus Rauch und Leuchtkugeln entstehen lassen. Aus den Cockpits der anfliegenden Bomber sind sie weit und deutlich zu sehen und werden von den Piloten als letzter Wendepunkt vor dem Ziel genutzt. Eine Maschine nach der anderen rundet die Marken und ändert den Kurs. Der locker fliegende Verband schließt sich nun enger zusammen und der Strom der Flugzeuge zieht unaufhaltsam auf Hildesheim zu.

Dort heulen die Sirenen Fliegeralarm. Vollalarm, eine kurze Vorwarnzeit. Wer das einmal gehört hat – auch nur als Übung und in Friedenszeiten – vergisst diesen Ton nie. Die Menschen hasten zu den Bunkern, so denn vorhanden. Verstärkte Keller, Unterstände, die alten Wallanlagen rund um die Innenstadt müssen oft genug ausreichen. Inzwischen sind die Flugzeuge zu hören. In den Maschinen ist man bereit. Die Bombenschächte sind geöffnet und arretiert worden, die tödliche Fracht hängt frei und ist scharf. Die Bombenschützen liegen mit dem Auge am Okular der Zieleinrichtung und suchen ihre vorgegebenen Referenzpunkte. Die Grenzen der Stadt tauchen tief unter den hochfliegenden Maschinen auf. Es ist 13.56 h. Für einen Moment halten die Menschen in den Flugzeugen und am Boden den den Atem an. Dann fallen die ersten Bomben und die Tore der Hölle öffnen sich.

Eine Stadt hört auf zu existieren. Geht unter. Mit allem, was darin ist. In rund zehn Minuten regnen 439 Tonnen Spreng- und 624 Tonnen Brandbomben auf das Stadtzentrum. Es ist eine mörderisch ausgefeilte und erprobte Technik, die die Angreifer anwenden. Die schweren Sprengbomben reißen mit ihren Druckwellen Dächer und Wände fort, die zu tausenden fallen Brandbomben sprühen brennendes Phosphor in die Gebäude und Trümmer. Sie erzeugen ungezählte Brände in den engen Gassen der Altstadt. Was dort jetzt passiert entzieht sich wohl jeder Beschreibung. Die mit mathematischer Präzision geworfenen Sprengbomben fegen ganze Straßenzüge fort und fräsen schnurgerade Schneisen totaler Vernichtung quer durch die Stadt. Sie machen keinen Unterschied vor Wohnhäusern, Kirchen, Erwachsenen und Kindern, sie sind die großen Gleichmacher in der Vernichtung, im Tod. Die nachfolgenden Brandbomben mit ihrer Phosphorfüllung entzünden alles, was von ihnen besprüht wird, Häuser, Trümmer, Menschen, Tiere. Es gibt kein Löschen, Erde oder Decken helfen nicht, wer von Phosphor getroffen wird verbrennt bei lebendigem Leibe, selbst der Sprung in den kleinen Fluss Innerste hilft nicht. Voll verzweifelter Hoffnung auf eine trügerische Sicherheit verstärkte Keller stehen einem solchen Angriff nicht stand, wer nicht auf der Stelle durch die pure Macht der Explosionen stirbt wird verschüttet, zermalmt, erschlagen. Er erstickt, weil das Feuer den Sauerstoff frisst. Ertrinkt, weil Wasserrohre platzen und Unterstände fluten. Wird von Splittern zerrissen. Die einzelnen, kleineren Feuer erzeugen währenddessen einen gewaltigen Aufwind über den brennenden Trümmern, die Luft strömt von den Seiten nach und entfacht sie noch stärker. Die Flammen schließen sich zu einem alles verzehrenden, brüllen Feuersturm zusammen, einem tödlichen Raubtier, das mit Hitze und Luftverbrauch alles vernichtet, was in seine Reichweite kommt.

Nach zehn Minuten ist der Angriff vorbei. Die letzte Bombe gefallen. Die ersten Menschen stolpern und kriechen aus ihren Unterständen, betäubt vom Krachen, zerrüttet vom Wandern der Bombenteppiche, Verletzt durch Trümmer, Splitter, Steine. Eine Mondlandschaft um sie herum, erstickend dichter Rauch, Staub, Tote, schreiende Verwundete, Berge aus Schutt und Steinen. Kein Weg, kein Tritt, wo eben noch eine Stadt war. Über allem das brüllende Feuer. „Raus, raus hier, schnell, sie könnten zurück kommen. Mein Kind, mein Kind, wer hat mein Kind gesehen.“ Panik. Schmerz. Entsetzliche Angst. Das Krachen zeitverzögerter Bomben, Blindgänger. Stürzende Wände, Krater in dem, was vor einer halben Stunde eine Straße war. Nur fort, nur fort. Sie kriechen, taumeln, rennen aus dem, was vor kurzer Zeit die Altstadt Hildesheims gewesen ist, ihr Zuhause, ihr Heim. Wo Menschen mit ihnen lebten, die jetzt verschwunden sind. Fort. Schnell. Alles bleibt zurück. Nur fort. Manch einer lässt auch seinen Geist zurück, wird sein Leben lang nie mehr aus diesem Moment wahnsinniger Angst herausfinden, bleibt für immer in ihr gefangen.

Hildesheim brennt. Den Tag lang und die Nacht durch. Dann fast noch einen Tag. Und Teile noch eine Nacht. Die Glut ist weit am Himmel zu sehen und zeugte den Menschen rundum vom Untergang des „Nürnberg des Nordens“. Wer es sieht, vergisst es nicht. Wer davongekommen ist, wanderte aus den Überresten der Stadt hinaus, gewinnt das offene Land, hoffte dort auf Sicherheit.

824 Menschen fanden alleine bei diesem Angriff den Tod, andere Quellen sprechen von höheren Zahlen. Das es „so wenige“ waren – und das trotz der dichten Bebauung und der engen Gassen – verdanken sie wohl den Warnungen und dem gesunden Menschenverstand. Nach den Angriffen der Vormonate gab es konkrete Hinweise, das Hildesheim „auf der Liste“ stände. Und ein klarer Tag mit wenigen Wolken „war immer Fliegerwetter“, wie es ein Überlebender formulierte. Tausende hatten es an diesem Morgen vorgezogen, nicht in der Stadt zu sein, sofern sie es nicht unbedingt mussten. Das Umland und auch die schon zitierten Wallanlagen mögen viele gerettet haben.

Der Angriff selber, so die Geschichtsbücher, folgte einer brutal einfachen Logik. Die bei den Alliierten gültige „Area bombing directive“ war der Versuch, den Kampfwillen Deutschlands durch gezielte Bombenangriffe auf bewohntes Gebiet zu brechen. Die Innenstadt wurde ausgewählt, weil sich bei den englischen Rückversicherern der deutschen Feuerversicherung Karten mit der genauen Bezeichnung und der Brennbarkeit der Häuser gefunden hatten und man diese für die Planung heranziehen konnte. In den alten Häusern war der Anteil der brennbaren Materialien am höchsten und so wählte man gezielt dieses dichtbebaute Gebiet aus.

Fünfzehn Jahre nach diesem Tag steht in einer anderen Welt, einer anderen Zeit und einem anderen Staat ein Oberbürgermeister im Festsaal des Rathauses zu Hildesheim und hält eine Gedenkrede. Er entzündet eine Kerze und erinnert über ihr an Gewesenes und an den hohen Preis, den Krieg und Verblendung für die Stadt und ihre Menschen gehabt haben. Seine Rede endet mit der wichtigsten Bitte überhaupt: „… und schließlich soll diese Kerze das lebendige Bild der Bitte sein, die in unseren Herzen und Häusern, in unseren Kammern und Kirchen niemals verstummen darf: Da pacem nobis domine in diebus nostris, verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unseren Zeiten.“

Jener Tag der Vernichtung ist nun 70 Jahre her. Seither haben wir Frieden genossen. Das ist eine lange Zeit und ein Geschenk, das nur wenigen Menschen gegeben wurde.

Wir sollten das niemals vergessen.