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Ein weiter, leerer Sandstrand, irgendwo im Norden. Es ist früh im Sommer, die Luft ist noch nicht wirklich warm und der übliche, stramme Westwind treibt den Flugsand in langen Bahnen über die weite Fläche. Dort mischt er sich mit der Gischt der aufgepeitschten Wellen und durchnässt den Sand bis an den Fuß der mit Strandhafer bewachsenen Dünen. Der Himmel ist grau, aber immer wieder bricht die Sonne durch und große, helle Flecken wandern über das karge, einsame Land und die grün leuchtende See.

In einer kleinen Senke, irgendwo zwischen den Dünen, stehen zwei einsame Gestalten. Das eine ist eine kleine, kluge Wölfin, das andere ein großer, schon ziemlich grauer Dünenbär. Ihr Platz ist so gewählt, dass sie selber kaum zu erkennen sind, den Strand aber mit allem, was dort geschehen mag, gut übersehen können.

Die Wölfin knurrt leise. „Und hier bist du zu Hause? Was für ein raues und abweisendes Land.“

Sie überlegt einen Moment. „So viel Wind. Und kalt ist es hier. Aber laufen kann man gut. Weit. Nur mit Musik in den Ohren und dem Wind im Fell, der einen schiebt …“

Sie schweigt eine ganze Weile. Dann: „Weißt du, Bär, ich mag lieber den Süden. Die Sonne. Das Lachen. Die Wärme. Ich glaube, ich könnte hier nicht mit dir Leben.“

Dann, nach einem Moment Pause: „Und ich laufe auch viel schneller als du.“

Der Bär brummelt nur vor sich hin und schweigt. Er liegt an der Dünenkante, dicht neben der Wölfin. Er hat Kopf und Nase im Wind, schnüffelt und genießt ganz offensichtlich das Hier und Jetzt. Ebenso ihre Gesellschaft. Der böige Wind zaust sein Fell, seine Augen wandern den Strand und die Wellen entlang, als suche er dort nach einer Antwort auf das, was sie gerade gesagt hat. Einer der über das Land ziehenden Sonnenstreifen trifft die Beiden und wärmt sie für Sekunden.

„Ich lebe hier nicht, Wölfchen,“ brummt er nach einer Weile, „ich fühle mich hier zu Hause und komme deshalb immer wieder hierher. Manchmal in Wirklichkeit, sehr, sehr oft in Gedanken.“ Er macht eine Pause. „Es ist meine Heimat, mein Rückzugsgebiet. Hier liegen meine geheimen Kraftorte, hier sammele ich Ruhe, kann meine Gedanken ordnen, finde Frieden.“

Er räuspert sich. „Und ich zeige ihn nur sehr wenigen Wölfen. Eigentlich gar keinen.“ Danach schweigt er und hofft, dass sie verstehen würde, was er da gerade gesagt hat.

Da sie schweigt, setzt er nach einem Moment nochmals an. „Das mit dem Laufen ist Unsinn, Wölfchen. Und du weißt das auch. Wenn man sich gerne hat, muss man nicht gleichschnell sein. Worauf es ankommt, ist ein freier Weg und das gemeinsame Ziel!“

Die Wölfin hebt den Kopf. „Und wenn ich nicht immer in den kalten Norden will? Den Wind nicht mag?“

Der Dünenbär schweigt einen Moment, dann schüttelt er den Kopf. „Ich komme mit dir in den Süden, das habe ich dir doch versprochen. Es gibt dort schöne Fleckchen, das weiß ich wohl, und die Küche ist meist wunderbar …“ Bei der Erinnerung daran kratzt er sich erfreut den Pelz. „Aber verstehe, ich muss auch hierher. Ich habe dir gerade erklärt, warum. Meinst du nicht, dass wir Beides hinbekommen? Einvernehmlich und zusammen?“

Die Wölfin hat sich an den Bären gelehnt, ihren Kopf an seiner Flanke aufgestützt. Auch sie schaut über den Strand, schließt dann schläfrig die Augen und träumt ein wenig vor sich hin. Der Wind spielt in ihrem Fell, ein kurzer Moment der Sonne wärmt sie sanft und sie hört das Strandgras rund um sich rascheln. Sie fühlt sich unglaublich wohl, geborgen und am richtigen Ort.

Dann schießt ihr ein Gedanke durch den Kopf. „Du, Bär. Irgendwann werde ich dir nicht mehr genügen.“

Der Bär knurrt wütend, bleibt aber sanft. „Wölfchen, du bist ein Spinner! Ein liebenswerter, aber ein Spinner! Warum sollte das wohl geschehen?“

Sie überlegt. „Weil das nicht reicht, was ich kann und tue. Weil ich nicht gut bin.“

Diesmal schießt der große Bär erstaunlich schnell herum, erwischt die Wölfin mit der Tatze und drückt sie zu Boden, gerade noch eben, bevor sie sich aus dem Staub machen kann. „Wölfchen, was für einen Bockmist du da redest! Merkst du das eigentlich selber?“ Seine Stimme grollt, er beugt sich über sie und blickt ihr böse in die Augen.

Langsam schiebt er seine Nase ganz dicht an die ihre heran, seine Augen funkeln vor Zorn und sein Ton wird lauter: „Man hat dir irgendwann eingeredet, du könnest nichts und du seist nichts wert. Und das stimmt nicht.“ Er schüttelt die zappelnde Wölfin mit seiner Pranke. „Ich glaube, deshalb traust du dir nichts zu. Und deshalb kannst du auch nicht sehen, was du schon alles geschafft hast. Und so gut geschafft hast.“ Er grollt, jetzt ist er wirklich wütend. „Weil dein Kopf dir sagt, das Dinge, die du tust, nichts wert sein KÖNNEN. Dein Kopf sagt dir, dass Das, was du schaffst, nichts wert sein kann, weil DU es gemacht hast. Was für ein Scheiß! Was für ein elender Scheiß, Wölfchen! Wie kannst du so etwas nur von dir denken?“

Die Wölfin hat sich losgewunden, macht einen schnellen Satz zur Seite um außerhalb seiner Reichweite zu gelangen. Sie dreht ihren gedrückten Hals hin und her und starrt ihn böse an.

„Du hast so unendlich viel gelernt, kannst so viele erstaunliche Dinge.“ Der Bär gerät immer mehr in Rage. „Du bist mit deinem Wissen ein Segen für Andere, wenn du mit ihnen in ihrer Trauer bist. Du bringst Anderen etwas bei. Du lernst immer weiter, dein Wissen wird immer umfangreicher. Das das nicht immer alles glatt geht ist doch keine Frage. Aber das stellt doch nicht dich in Frage! Wir haben doch so oft darüber gesprochen. Es ist für dich an der Zeit dein Wissen zu sortieren und dann die Ernte einzufahren. Auf eine Art, die du vielleicht noch gar nicht siehst … eine gute Art!“

Sie faucht den Bären an. „Und außerdem bin ich zu alt und ausgebrannt, um manche Dinge zu ändern!“

Einen Moment sieht es aus, als wolle der Bär sich auf sie stürzen. Aber er verharrt, dann lässt er sich erschöpft nach Hinten auf seinen breiten Bärenhintern fallen. Er schaut sie müde an. „Warum nur Wölfchen, warum nur denkst du so schlecht von dir? Wer hat dir das nur eingeredet?“

Die Wölfin starrt ihn an.

„Du tust mir weh, wenn du so von dir sprichst, weißt du das?“ Die Stimme des Bären klingt jetzt leise und fast wie ein Weinen. „Weißt du, ich habe dich so lieb. Ich würde so gerne ein neues, ein anderes Leben mit dir anfangen. Ich glaube nämlich, wir Zwei können das schaffen. Es wäre nicht einfach und wir müssten beide daran arbeiten. Hart. Aber du bist für mich das Gegenüber, das ich mir immer gewünscht habe. Gesucht habe. Mein ganzes, langes Bärenleben lang. Das liebenswerte Wesen auf Augenhöhe. Voller Ideen. Mit eigenem Kopf. Außergewöhnlich. Mit eigenen Vorstellungen und Ideen. Mit so unglaublich viel an Wissen, von dem ich lernen kann und schon gelernt habe.“

„Und“, er blickt zu Boden, “für mich wird die Welt heller mit dir. Wärmer. Ich spüre dich gerne in meinen Armen. Wenn du lächelst, ist es für mich ein schöner Tag!“ Den letzten Satz hat er fast geflüstert.

Er schweigt einen Moment. „Du bist ganz anders, als du denkst, Wölfchen. Ich würde meine rechte Pranke dafür hergeben, wenn du dich einmal durch meine Augen sehen könntest. Einmal den Wolf sehen, der du wirklich bist, wirklich sein kannst. Ein sanfter, ein wilder, ein freier Wolf.“

„Man kann nicht nur von der Liebe leben, sagst du. Da hast du Recht. Aber sie ist die Grundlage für alles. Auf ihr können wir alles aufbauen, mit ihr können wir alles schaffen. Sie lässt uns zueinander Stehen, in guten und nicht so guten Zeiten. Dann, wenn es uns gut geht. Und auch und besonders, wenn die graue Welle über wieder einmal über einem von uns zusammenschlägt. Dann stützt Einer den Anderen, einmal so, dann anders herum. Keiner von Beiden vergibt sich etwas, Beide sind füreinander da.“

Er räuspert sich. Seine Bärenstimme klang belegt. „Du liebst mich, Wölfchen. Ich weiß das. Du weißt das. Und ich liebe dich. Tu uns das nicht an. Warum versuchst du mit dem Kopf zu töten, was das Herz dir doch sagt? Und warum willst du weiterleben wie bisher? Warum willst du das tun, wo du selber weißt, das unser Miteinander der bessere, der glückliche Weg ist? Warum nicht etwas Neues mit mir wagen? Ist es die Angst? Ich bin dann doch bei und mit dir …“

Jetzt tropfen über die Bärennase zwei Tränen. „Sich um die Liebe zu betrügen ist der fürchterlichste Betrug. Es ist ein ewiger Verlust, der sich nie ersetzen lässt, Wölfchen. Weder in der Zeit, noch in der Ewigkeit.“ Er schnieft. „Das hat zwar irgend so ein Mensch gesagt, aber es stimmt. Doch, es stimmt.“

Die Wölfin blickt nach Unten. Fast flüsternd antwortet sie. „Ich kann es nicht, Bär. Ich habe solche Angst.“

Der Bär holte Luft, holt zu neuen Argumenten aus, blickte sie dabei an … und verstummt. Merkt, dass seine Worte sie im Moment nicht erreichen. Das das, was er sagt, was er darstellt, nicht ausreichend für sie ist. Er kein Gegenüber ist. Erkennt, dass er auf dem Weg ist, sie zu verletzen, alles, was noch da ist, zu zerstören. Er blickte sie einen Moment schweigend und voller Liebe an, nimmt sie dann bei der Pfote und zusammen wanderten die Beiden langsam den breiten Strand hinunter. Dicht nebeneinander, der Wind schiebt und zerrt an ihnen. Beide scheinen in ihren Gedanken verfangen, in ihren Hoffnungen, ihren Ängsten und in ihren Wünschen.

Ganz nahe vor den Dünen, kurz bevor sie dazwischen verschwinden, drehte der Bär sich um und nimmt das Wölfchen fest in die Pranken. „Ich liebe dich, Wölfchen“ flüsterte er ihr in das Ohr. „Tatze. Heute und Morgen und Immer. Durch Zeit und Raum, wie lange und wie weit das auch sei.“

Dann sind sie fort.