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Irgendwo im Norden, am Rande eines wildverwachsenen Zauberwaldes, dort, wo Himmer und Meer sich fast berühren, steht ein einzelner Baum in dem hier ständig blasenden Wind.

Es ist – in meinen Augen – der wunderbarste Baum, den ich kenne. Nicht sehr groß, keineswegs eindrucksvoll auf den ersten Blick. Vom ständigen Westwind schief gewachsen, mit einer nach Osten geneigten, sehr einseitigen Sturmfrisur. Den Wald hinter, das Meer vor sich.

Eine einfache Fichte, nichts Besonderes. Und doch „der Baum der Bäume“, jedenfalls für mich. In salziger Luft und auf kargem Dünenboden mühsam größer geworden ist er warscheinlich schon viel älter, als ich denke. Berücksichtigt man den Wald drumherum, tippe ich mal so auf fünfzig oder mehr Jahre. Das ist viel Zeit für bescheidene vier Meter, aber was für eine Kraft muss er für diese Grösse aufgebracht haben? Zäh hat er allen Wiedrigkeiten getrotzt, ist trotz der sichtbar angebrochenen Krone weiter gewachsen und hat auch das überstanden.

Früher stand er hinter drei, dann zwei hohen Dünenreihen. Der Zahn der Zeit und das nimmermüde, nagende Meer haben das über die Jahre geändert. Langsam. Dann, warum auch immer, sehr schnell. Als im letzten Winter drei wüste Sturmsysteme nacheinander und ohne Pause über die Küste jaulten, verschwanden in einer einzigen Nacht zwei koplette Dünenreihen und vierzig Meter Strand vor im in der See.

Vorher ahnte er das Meer, jetzt stehen sie sich „von Angesicht zu Angesicht“ gegenüber. Der Schutz ist fort, die Abbruchkante bröckelt bei jedem etwas höheren Wasserstand. Der Wind packt ihn nun noch härter und ungebremster, der spärliche Windschatten der Dünen ist fort, kommt nicht mehr wieder. Nur wenige Meter und wer weiß wieviel Zeit trennen ihn von seinem eigenen, salzigen Ende in den Fluten.

Für mich ist er Kindheitserinnerung und Synonym für das Leben schlechthin, beides in einem. Ein Baum, klar, einer von vielen, doch durch Form und Standort besonders. Ich denke oft an all die guten und die schlechten Tage, die er erlebt haben muss. Die Sonne, das blaue Meer, Menschen, die an ihm vorbei gingen, unter ihm verweilten. Sturmtosende Nächte, tiefziehende Wolken, Böen, die seiner ganzen Standfestigkeit bedurften. Er war immer da, jedesmal wenn ich kam. Und ich habe ihn schon immer wegen seiner Schönheit bewundert und geliebt.

Jetzt ist sein Ende absehbar und der Zauberwald und der Weg zum Strand werden ohne ihn nie wieder so sein, wie sie bisher waren. Bei Menschen und Orten weiß man nie, ob man sie wiedersehen wird – eine Tatsache, die sich bei mir in den letzten Jahren immer deutlicher, immer nachhaltiger in meinem Bewusstsein manifestiert hat. Hier weiß ich, was kommt und das es sehr bald kommen wird. Und so habe ich mich vor zwei Wochen sehr bewusst von meinem Freund dem Baum hinter dem Zauberwald, zuäusserst am Meer, verabschiedet. Ich denke nicht, dass ich ihn dort noch vorfinden werde, wenn ich das nächste Mal vorbei komme.

Ohne ihn wird er Wald und der Weg anders sein.

As time goes by.