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Ein paar Wochen her. Freitagabend. Eingeladen, bei einer Frau, irgendwo da Draußen in der Pampa, vor oder hinterm Deich. Je nachdem, von welcher Seite man es sieht. „Komm rum, nix Dolles, einfach so, Schnacken.“

Wir kennen uns schon lange. Vor Jahren waren wir am Rande irgendeiner Musikveranstaltung aufeinander getroffen. Sie coole Fotografin und Nachrichtentante mit einem Hang zum verzweifelten Zynismus, ich Kabelschlepper und fotografierender Universaldilettant. Über unsere Kameras gab es die ersten Gespräche, schleppend, nicht sehr freundlich. Zicke, hab ich gedacht. Blödmann, stand ihr ins Gesicht geschrieben. Irgendwann, nach einigen Veranstaltungen, kamen wir uns näher, leise erkennbar ähnliche Ideen und Vorstellungen taten wohl ihr Werk. Vielleicht reizten uns auch die Gegensätze, denn unterschiedlich in Weltsicht und Beurteilung sind wir gründlich, das war von Anfang an klar.

Recht schnell haben wir damals gemerkt, dass wir nichts voneinander wollten. Also, in Hinsicht auf dieses Mann-Frau-Ding. Zu Anfang sowieso nicht und später blieb es so. Das entspannte unser Miteinander ungemein. Schuf Nähe und Vertrauen. Wir konnten uns anderen Dingen zuwenden, in Ruhe miteinander Sein ohne stets ein Auge darauf zu haben, für den Anderen attraktiv zu wirken. So entstand erstmal Seltsames. Was als lockere Interessengemeinschaft schräger Vögel begann entwickelte sich über die Zeit zu etwas sehr viel Fester- und Belastbarerem.

Was das genau war, was da wirkte, blieb weitgehend unklar. Sicher auch, weil keiner sich wirklich dafür interessierte. Es war eben so. Und funktioniert bis heute. Vielleicht ist es ja die gemeinsame Vorstellung, im Leben mehr als einmal falsch abgebogen zu sein. Und deshalb, genau deshalb, jetzt an der Stelle zu stehen, an der wir – blöderweise – regelmäßig gerade wieder einmal stehen. Auf dünnen Eis. Schwankendem Boden. Mit magelnder Perspektive in einem schon viel zu fortgeschrittenen Leben.

Nie wirklich laut ausgesprochen, aber stillschweigend von Beiden so gesehen, wissen wir umfassend um die gewesenen und sich abzeichnenden Kataströphchen und Weltuntergänge des jeweils Anderen. Und noch Einiges mehr. Wir können etwas, was selten geworden ist: einander zuhören, wenn der ganze Müll des Tages oder der Woche auf den Tisch muss. Wenn die Chefin Scheiße, das Geld knapp und die Kommunalpolitik mal wieder un-be-schreib-lich ist. Die Beziehung über Kopf geht. Welche auch immer. Wenn das Geschehen würgt, die Trauer kommt, die Gefühlswelt wieder mal aus den Angeln geht. Ein Arm um die Schulter, eine Schulter zum Anlehnen Not ist. In beide Richtungen. Nicht Wertung gefragt ist, sondern Zuhören. Und das gefälligst Schweigend. Ohne Rückfrage. Auf die norddeutsch-dröge Art, leicht besorgt, aber nicht zu dolle zeigend. Wird schon.

Nicht, dass wir uns nicht auch mal angezickt hätten. Der erste Schein trog nicht. Zeiten dazwischen hatten, wo wir uns gar nicht oder nur sehr sporadisch sahen. Nicht böse gemeint, einfach Abstand haltend, dem Anderen Luft lassend. Uns auf ein paar posts im Social Net beschränkten, den Anderen und sein Tun aber von Ferne im Auge behielten. Mit dem Wissen, er würde sich schon melden.

Um dann festzustellen, dass es beim ersten Treffen nach solchen Wüstenzeiten keine Lücke im Miteinander, kein Fremdeln gibt. Uns wieder treffen. „Los, komm, lass uns was Gutes machen“. Nichts Großes, easy going. Keinen Streß. Zeit haben zum Reden und Hören haben.

Draußen sitzen, am Rande einer Wiese, der Himmel droht mit Regen, lässt es dann aber doch sein. Das sind magische Momente. Voller Ruhe, voller Freundschaft, voller Vertrauen, entspannt. Keiner hat vor dem Anderen etwas zu verbergen, weil keiner etwas von dem Anderen will. Wir reden über alles, was uns gerade beschäftigt, schweigen gemeinsam, Essen, schauen über die Wiesen. One moment in time.

Wie verdammt gut, das wir einander haben.

Hab Dank dafür!