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Vor mir liegt ein neues Notizbuch. DinA5, Softcover, schwarz. 194 nummerierte Seiten, Rechts einen Stifthalter. Glatt, ohne Eselsohren, ohne jeden Makel. Ohne Inhalt. Bisher.

Daneben sein Vorgänger. Eigentlich identisch und trotzdem so anders. Gewölbt von Fotos und anderen Dingen, die ich darin eingeklebt habe. Die Seiten gewellt von Feuchtigkeit und der verschriebenen Tinte. Die Ecken dunkel und irgendwie fettig, die Kanten angestoßen. 194 Seiten voll mit Geschichten, Zitaten, Begebenheiten, Beobachtungen, Gedanken, Erinnerungen … und noch ein paar eingeklebte Seiten mehr. Die Papiertaschen vor der Ersten und nach der letzten Seite satt gefüllt: Eintrittskarten, Fotos, Ausdrucke, Visitenkarten, Landkartenschnipsel. Wertloser Plunder. Für mich Erinnerungswürdiges.

Mehr als eineinhalb Jahre hat es mich begleitet. Als Nachfolger seines Vorgängers. So wie jetzt das neue Buch ihm folgen wird. Begonnen am 01.01.2014, so habe ich es auf der ersten Seite notiert. Geschlossen Heute, das habe ich nun gerade eben eingetragen.

Wir haben zusammen so manches erlebt. Es hat in Taschen gesteckt, in Rucksäcken, unter dem Arm geklemmt, auf der Ablage von Autos, von Flugzeugen und Schiffen gelegen. Es hat im Kajak in der wasserdichten Tonne gesteckt, in meiner Umhängetasche, in der Seitentasche des Zeltes. Ich habe es verloren und wiedergefunden. Es ist Kaffee darauf gekleckert, mehr als einmal, und wurde nachlässig abgewischt. Zwischen zwei der Seiten ist eine Blaubeere geraten, zwischen zwei anderen fand eine Mücke ihr unrühmliches Ende. Oft war es zur Sicherheit und gegen Feuchtigkeit in einen Gefrierbeutel gestopft, nur so, für alle Fälle.

Der Inhalt. Unersetzbar. Buchstaben, Worte, Zeichnungen. Eingeklebte Eintrittskarten, Federn, Blumen. Nein, kein durchgehendes Tagebuch. Das nur, wenn ich auf Reisen bin. Und dann nur stichwortartig, als Ergänzung zu den vielen Fotos, die ich mache. Früher habe ich ganze Romane über Erlebtes geschrieben, ein Zwang, ein Muss, das oft genug lästig wurde. Die Abende gingen dabei verloren und Wehe, man geriet ins Hintertreffen. Heute steht dort nur noch das Wichtigste. Die dazu gemachten Fotos lassen dann eine ganze Reise vor dem geistigen Auge wieder auferstehen.

Der Rest, der Löwenanteil: Notizen. Worte, die jemand in meinem Beisein spricht und die mir gefallen. Oder mich anrühren. Begegnungen, Besonderheiten an anderen Menschen. Geschichten, die mir erzählt werden. Ich notiere ich mir die Menschen, Begegnungen, besondere Dinge, Sätze, Gedankenblitze. Ideen für Geschichten im Blog. Erinnerungen, Daten, Geburtstage. Sprichwörter, kluge Ansichten, blöde Sprüche. Passagen und Zitate aus Büchern, die mir bedenkenwert erscheinen. Dinge, die ich mit niemandem teilen kann. Erst einmal jedenfalls. Enttäuschungen und Hoffnungen. Zwischenmenschliches, das niemanden etwas angeht. Die Angst, die mich immer wieder beschleicht, hier findet sie Raum. Und die Hoffnung, die ich aus manchen Sätzen und Wörtern anderer, geliebter Menschen schöpfe, wenn die Wolken wieder einmal zu dicht, der Himmel allzu grau wird. Dort habe ich sie notiert.

So etwas mache ich, mit wechselnden Inhalten, seit vielen Jahren. Inzwischen sind es ein ganzer Stapel von Heften und Büchern geworden, ein gutes Stück meines Lebens und Erlebens stecken darin und sind dort archiviert. Und ich blättere auch gar nicht so selten durch die Seiten, findet sich doch das Eine oder Andere, das sich auch heute und aktuell noch gut verwenden lässt, seine Wahrheit immer wieder entfaltet. Ich treffe Menschen in den Notizen, die schon lange von meiner Seite verschwunden sind, sei es, weil uns Zeit und Wege trennten, sei es, weil sie schon gehen mussten. Orte, an denen ich seither nie wieder war und an die ich mich trotzdem gerne erinnere. Erfahrungen und Erlebnisse, die ohne solche Einträge schon lange irgendwo in meinem löcherigen Gedächnis untergegangen wären. Es sind Lebensschnippsel, die mir beim Erinnern und beim Hoffen helfen.

Nun also ein neues Buch. Und die unausgesprochene Frage nach dem, was sein wird, wenn ich es eines Tages wieder schließen werde. Wer wird dann bei mir sein, wer nicht mehr? Wo stehe ich dann, örtlich und auch im Leben? Was mag dann aus meinen Hoffnungen, meinen Wünschen geworden sein? Und wer steht neben mir, steht dort Jemand?

Soviele Fragen. Und das kleine Buch ohne Inhalt liegt verdächtig harmlos vor mir und wartet darauf, dass ich es mit Leben fülle um genau diese Dinge eines Tages in ihm nachlesen zu können.

Fangen wir also an.