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_DSC1480Ein paar Abende her. Ruhe in Haus und Wohnung. Schreibtisch, Lesen. Aus dem Augenwinkeln sah ich den Vollmond langsam über die Bäume klettern. Sehr groß, sehr gelb, sehr hell.

Alleine in der Wohnung und in Gedanken ging ich auf den Balkon und eine der wohl letzten lauen Sommernächte des Jahres empfing mich. Kurz vor halb zehn war es schon fast absolut dunkel, ein sicheres Zeichen für den nahenden Herbst. Einige Wochen zuvor hatte ich um diese Zeit noch hier Draußen gesessen und gelesen, ohne Lampe, versteht sich.

Die laue Luft und die Dunkelheit köderten mich. In der Wohnung zu bleiben erschien mir angesichts der bald anstehenden nassen und kalten Tage fast ein Verbrechen und so nahm ich neben der Jacke nur die Kamera mit, fuhr in Ruhe aus der Stadt hinaus in die Wiesen am Fluss, meinem Lieblingsplatz. Dort angekommen ließ ich die Schuhe beim Auto an der Straße stehen und wanderte langsam ein ganzes Stück hinaus, weit durch das abendfeuchte Gras in die Wiesen hinein, fast bis an den leise murmelnden Fluß.

Leichter Bodennebel war aufgekommen, eine Schicht, sicherlich nicht viel höher als einen knappen Meter über der Grasnarbe. Auf sie fiel von Oben das Licht eines riesigen, perfekten Vollmondes aus einem wolkenlosen Himmel und bestrahlte ihn als sanft wallendes Tuch, das das umliegende Land in einen magisch wähnenden Ort verwandelte. Dazu herrschte, trotz der relativen Nähe der Stadt, eine völlige Stille.

Ich habe lange dort gestanden, in der Mitte der Wiese, in diesem so plötzlich für mich entstandenem, ruhenden Auge in Zeit und Raum. Eine einsame Gestalt, irgendwo im Nebel, tief berührt von der Schönheit der mich umgebenden Natur, dem Nachthimmel und der Magie des Augenblicks.

Und, während ich dort in dieser völlig und perfekten Ruhe verweilte, sind meine Gedanken wie von selber auf die Reise gegangen. Ich habe in meinem Kopf Zwiesprache mit Menschen und Orten gehalten, die es in dieser Welt und dieser Zeit schon lange nicht mehr gibt und die mir doch so unendlich wertvoll und so greifbar nahe sind. Sie kamen nach und nach zu mir, langsam, Einer nach dem Anderen. Und ich habe mich an ihrer Gegenwart gefreut, ihre so lang vermissten Gesichter betrachtet, ihre Stimmen gehört. Den Wind und die Sonne jener vergangenen, gemeinsamen Tage im Gesicht gespürt, das Meer gerochen und das Salz geschmeckt. Die Musik vergangener Feste gehört, den Tanz gespürt, die Momente großen Glücks und tiefer Trauer wieder erweckt. Habe erkannt, wie nahe sie mir alle sind, wie dicht sie immer noch vor mir hergehen, nur durch ein kleines Stück der Ewigkeit und nur vorrübergehend von mir getrennt. Erfasst, das ich das Stück einer langen Kette vor und nach mir bin und niemals, niemals wirklich allein sein werde. Das es kein Ende und keinen Anfang gibt, das Ewigkeit Wirklichkeit ist. Ich habe mich geborgen gefühlt, mit und bei und unter ihnen und auch dort auf meiner mondbeschienenen Wiese im Gras.

Lange habe ich dort gestanden, der Mond wanderte in dieser Zeit hoch in den immer dunkleren Himmel hinauf. Der Zauber der Nacht endete irgendwann mit kalten Füssen und der profanen Erkenntnis, dass eine nächtliche Wiese nicht nur ein wunderschöner, sondern auch ein recht feuchter und ebenso frischer Ort sein kann. Langsam bin ich dann durch das nasse Gras zurück zu meinem Wagen gewandert. Es fiel mir schwer.

Was als kleiner Ausflug und mit der Aussicht auf ein paar schöne Mondbilder begann, war etwas ganz Besonderes, war ein außenordentlicher Moment in der Zeit geworden. Unvorbereitet, überraschend, plötzlich aus dem Nichts. So dicht am Alltäglichen und zugleich etwas so völlig Anderes.

Es war eine seltsame Mischung von Empfindungen, mit der ich zurück kam. Freude, sicherlich. Erkenntnis. Wärme und Nähe, sehr sogar. Eine gewisse Demut. Ja, doch, ganz sicher. Glück, das erlebt haben zu dürfen. Hoffnung. Und Sicherheit.

One moment in time.

Es darf wieder geschehen.