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Die Tage werden kürzer, die Abende länger. Zeit, ein wenig in der Wohnung aufzuräumen, viel zu viel ist nach den Reisen im Sommer und über die zerschlagene Hoffnung auf einen Umzug liegen geblieben. Dabei kommt auch meine Küche an die Reihe – einen Ort, den manch Außenstehender als die Geburtsstätte der Chaostheorie ansieht, den ich aber in seinem bunten und wilden „Zusammengewürfeltsein“ selber über alle Maßen liebe.

Irgendwann jedenfalls tauchte beim Räumen denn auch mein Küchentisch wieder auf und die hölzerne Tischplatte sieht nach längerer Zeit wieder einmal erstaunt das Tageslicht. Nach getaner Arbeit sitze ich daran und lasse die erste kalte Cola (ich weiß, ich weiß!) des Tagesdurch die Kehle rinnen. Dabei lasse ich meinen Blick sinnend über die böse mitgenommene Tischplatte wandern …

Kiefer, massiv. Sowas hatte man Damals, in den 80érn, der Zeit, als er zu uns kam. Ausklappbar, logisch, dann passen acht Leute daran, bequem sogar. Braucht man, schon wegen Familie und so, wir hatten da viel vor. Bis heute ist er eines der wenigen, wirklich gekauften Teile in meiner Wohnung, zusammen mit vieren der ehedem einmal sechs passenden Stühle. Nicht billig, geradezu ein Luxus für unsere damals recht schmale Kasse. Trotzdem, er sollte es sein, unbedingt, da waren wir uns einig. Transport (im „Käfer“) und Aufbau gingen nahtlos von Statten, selbst alle Teile fanden sich, was bei dem Lieferanten, einem nordischen Möbelhaus, nicht immer unbedingt der Fall war und ist. Überaus schick und neu war er, der zentrale Punkt in unserer kleinen Wohnung, wir waren verdammt stolz darauf.

Schaue ich jetzt darauf, sieht er anders aus. Alte Kiefer halt, über die vielen Jahre des Dienstes nachgedunkelt, ein warmer Ton zwischen Honig und Dreck. Die Platte: Kratzer und tiefe Riefen, notdürftig fortpolierte Feuchtigkeitsringe. An einer Stelle ist sie fast weiß, dort habe ich vor Jahren einmal ein Brot direkt aus dem Backofen abgelegt, sie war nicht gut, die Idee. Auf der anderen Seite gibt einen dunklen Fleck, auch das war ich: ein Topf voller kochender Spagetti, ebenfalls kein guter Einfall. Irgendwo der tiefe Einstich des Brotmessers, ein Besucher rammte es nach dem Genuss von reichlich Alkohol hinein. Ein Stück weiter eine tiefe Delle, wo ihn der mir entgleitende Hammer beim Aufhängen der Lampe über ihm traf.

Auf ihm habe ich schon beide Söhne gewickelt, lang ist es her. Das war so, Platz hatten wir nicht viel und er war schön stabil. Und daran haben über die Jahre eine Menge Menschen gesessen, geklönt, getrunken und gegessen und dann noch reichlicher getrunken. Freunde und Bekannte, die ein Stück unseres Weges mit uns gingen und von denen ich heute leider oft nicht mehr weiß, wo sie wohl geblieben sein mögen. Familie, jede Menge, ständig wachsend, sich ständig verändernd. Mancher von Anbeginn und bis heute, andere, die uns irgendwann zwischendurch verlassen mussten oder wollten, wieder andere, die dazu stießen. Kinder, jede Menge Kinder, bei Geburtstagen oder weil sie einfach mitkamen, zum Mittagessen, zum Kekseklauen, zum Limonadetrinken.

Irgendwann kam dann „getrennt von Tisch und Bett“, wie bei so Vielen. Der Tisch und vier der Stühle blieben bei mir. Das Bett ebenso, aber das ist eine andere Geschichte. Veränderung, er zog wieder mit um, in meine erste, eigene Wohnung, die ich mit einem meiner Söhne bezog. Dort wandelte er sich vom wenig benutzten Esstisch zum Standort unseres ersten, am jungen Internet hängenden Computers. Modem und so, wer erinnert das noch? Wir mussten dicht an die Telefondose, und die saß genau unter ihm. So hatte er plötzlich wieder eine zentrale Bedeutung und wir verbrachten viele Stunden an ihm, die Arme auf die Platte gestützt, uns die Augen vor einem monströs flimmernden 18“-Monitor verderbend.

Noch ein paar Jahre später in einer anderen Wohnung dann Jugendliche, ganze Gruppen, die bei uns ein- und ausgingen. Freundinnen der Söhne, an manche erinnere ich mich, andere sind mir entfallen. Auch sie haben hier mit gesessen, gegessen, gelacht. Silvesterfeiern, Hochzeiten, Vorbereitung für Cafés im Haus. Kochen mit einem Rudel Leute, Freunde, Bekannte, den Wok auf dem Herd, alles kleinschnippeln und rein damit, irgendwer entkorkt die Weinflaschen, wilde und interessante Gespräche über den Tisch hinweg. Trennungen und Neubeginn, Pläne machen, Telefone reparieren, den Lötkolben neben einem zerlegten Radio. Bügelwäsche, Zeltheringe, Suppentöpfe und Gemüse. Sortierte Babyklamotten und ein Hund auf Raubzug (PFUI, gehst du da wohl runter!). Immer wieder Kaffeetassen und Abendbrot, Kuchen und dampfende Töpfe.

Die eher ruhigen Momente. Gedämpfteres Licht, die Heizung in der Küche warm, Ruhe. Ein Mensch, der trauert. Der eine Jacke um die Schultern, eine Tasse Tee in die Hand und eine Kerze auf den Tisch bekommt. Lange, stockende Gespräche, noch längeres Schweigen miteinander, Tränen im Gesicht und auf der Tischplatte. Die Zeiten alleine dort, manchmal traurig, manchmal einsam, oft genug zufrieden mit der Ruhe, der Ungestörtheit, dem warmen, gelben Licht und der Gewissheit, das an diesem Tag niemand mehr kommen und etwas wollen würde. Lange Texte sind dort entstanden, geprüft und wieder verworfen worden. Gedanken gedacht, Entscheidungen getroffen und wieder auf den Kopf gestellt worden.

Kurzum, das dieser Tisch hat für mich viel Geschichte. Nicht immer nur schöne, wie könnte das auch sein bei der langen Zeit. Charakter hat er, das darf man wohl so sagen, wenn der denn etwas mit Erleben und Erlebtem zu tun hat. Würde ich Morgen in eine kleine Wohnung ziehen müssen, er wäre eines von den drei Möbelstücken, die ich unbedingt mitnehmen wollte.

Abgeschrabbelt, mit Beulen und Kinken, hier und da ein wenig wackelig und knarrend sind wir uns über die Jahre irgendwie garnicht so unähnlich geworden.

Passt schon, denk ich mal.