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Gehen können. Ein eigentlich banaler Vorgang. Ich stehe auf und gehe. Weil ich woanders hin will. Weil etwas zu Ende ist. Weil mich etwas nervt. Weil ich es will. Normalität, wer denkt darüber nach? Nur: nicht jederzeit ist Gehen möglich. Irgendetwas hält uns dann zurück. Da gibt es viele Möglichkeiten.

Vor einigen Monaten saß ich in der neurologischen Notaufnahme eines großen Krankenhauses. Eine überraschende „Fehlfunktion“ meines Körpers hatte mich erschreckt. Eine Untersuchung und eine lange Wartezeit später eine junge Ärztin mit ernstem Gesicht. „Es ist besser, wenn sie hierbleiben.“ Natürlich hätte ich gehen können. Niemand hätte mich gehindert. Eine Unterschrift, das ich auf eigene Verantwortung ginge, eine hochgezogene Augenbraune und vielleicht noch ein paar Worte zur Dickköpfigkeit mancher Leute, das wäre es gewesen. Aufgehalten hätte mich keiner. Und trotzdem, mein Handlungsspielraum, die freie Entscheidung engte sich schlagartig auf fast „Null“ ein. Ich blieb. Alles Andere wäre Leichtsinn gewesen. Außerdem hatte ich Schiss, zugegeben.

Ich bin oft in Alten- und Pflegeeinrichtungen unterwegs. „Seniorenresidenzen“ nennt man so etwas, da legen Betreiber großen Wert drauf. Meist ist der Name noch um einen Euphemismus wie „am See“ oder „im Park“ erweitert. Marketing halt. Es ändert nichts. Hier schränkt sich das mit dem „gehen können“ schon merklich ein. Die Einen können es nicht mehr und sind auf technisches Hilfsmittel angewiesen. Der Rollatorfuhrpark am Eingang macht das deutlich. Wobei, das sind noch die, die es gut haben. Relativ. Die Anderen brauchen direkte Unterstützung. Eine Pflegerin, einen Helfer, einen Verwandten. Wie oft ist keiner davon erreichbar, hat keine Zeit, es ist gar so viel zu tun. Alleine geht gar nicht mehr, oft genug nicht einmal mehr zum gemeinsamen Essen, zur Toilette, aus dem Bett. Und dann sind da noch Jene, die gehen könnten, es aber nicht gehen sollen. Weil sie nicht mehr wissen, wo und in welcher Zeit sie gerade sind. Weil sie abhandenkommen könnten, auch körperlich, wo doch Erleben und Geist schon fort zu neuen alten Ufern sind. Hin- oder Fortgehen als freie Entscheidung? Das hat sich hier – weitestgehend zumindest – erledigt.

Einen Schritt weiter sind wir beim Pflegebett, der Palliativstation oder im Zimmer eines Hospizes. Wer hier angekommen ist, hat die Wahl des Gehens nicht mehr. Gehen, frei und ungebunden, wohin und wann man will ist zum verlorenen Traum einer längst vergangenen Zeit geworden. Laufen, sich bewegen? Ja, warum nicht, vielleicht ein paar Meter, vielleicht in die nähere oder fernere Umgebung. Nie ganz weit, nie ganz frei, nie mehr ungebunden. Und Fortgehen von hier ist – so sehr die Meisten sich das vielleicht auch wünschen mögen – überhaupt nicht mehr denkbar. Das war einmal. Das Ende des Weges ist vielleicht noch nicht in Sicht, aber ein, zwei Kurven weiter könnte es schon liegen, wer will das schon so genau wissen.

Aus meinem Krankenhaus bin ich nach ein paar Tagen wieder herausgekommen, sinnbildlich mit einem blauen Auge. Schmerzhaft, nicht lustig, aber alles reparabel, wenn auch nicht sofort. Ich durfte gehen, offiziell. An der Parade der in der Eingangshalle die Zeit zwischen den Behandlungen totschlagenden Siechenden vorbei, den Rauchern, den Neuigkeitsaustauschern, den frustriert Gelangweilten. Nach Draußen und an die frische Luft. Freiheit. Ohne Einschränkungen. Wenn ich gewollt hätte und dumm genug gewesen wäre, auch ohne Wiederkehr an diesen unschönen, aber heilenden Ort.

Ich habe, man sollte es kaum glauben, daraus gelernt. Gelernt, das „Gehen können“ ein Geschenk ist. Etwas, was wir als selbstverständlich ansehen, bis es uns genommen wird. Zeitweilig oder auch ganz. Daran sollten wir denken, wenn wir einfach mal wieder bequem sitzen bleiben. Obwohl Draußen das Leben lockt. Ein Erlebnis. Vielleicht ein Abenteuer. Freundschaften. Trotz Regens. Trotz Herbstes. Trotz momentaner Unlust.

Und deshalb nehme ich jetzt meine Kamera und gehe da Raus. Laufe irgendwo am Fluß entlang. Gehe Kaffee trinken. Treffe vielleicht Menschen. Genieße das, was Freiheit ausmacht.

Die Möglichkeit, jederzeit und immer aufzubrechen.

Einfach Gehen zu können.