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Montagmorgen. Ich räume im Haus herum, die Trümmer des Wochenendes beseitigen. Die sonst allesmanagende Sekretärin ist nicht da, wir haben für Publikumsverkehr geschlossen. Immer mal wieder rötert jemand an der Eingangstür herum, der das „Geschlossen“-Schild nicht verstehen will oder kann. Ist halt nicht jedem gegeben, die Gabe des Lesens.

Irgendwann sehe ich durch die Glastür einen Mann dort stehen. Vielleicht zehn oder fünfzehn Jahre älter als ich liest er das Schild an der Tür aufmerksam durch, gleicht dann die angegebenen Termine mit einem schnellen Blick auf seine Armbanduhr ab und wendet sich zum Gehen. Warum auch immer, irgendwas bringt mich dazu den Kopf aus der Tür zu strecken und ihn anzusprechen. Er möchte eigentlich nur etwas über den Friedhof wissen. Sei mit seiner Frau vor Jahren von Hamburg hierher gezogen, sie hätten alles geregelt, Patientenverfügung und so, das müsse man heute schon haben. Nun wolle er wissen, wie das mit so einer Platte auf dem Grab, von wegen Unkraut und so, an Land sei das ja so, er habe lieber ins Meer gewollt, aber die Frau … nun ja, sie halte nichts davon.

Ich hake nach. Seebestattung, wie er auf die Idee käme? Ach, na ja, er sei halt jahrelang zur See gefahren. Große Fahrt? Er schaut erstaunt auf: Oh, äh, ja klar, Fischerei vor Neufundland und so, später Passagiere und, als die sich als zu nervig erwiesen, Hochseeschlepper, weltweit, gute Zeit. Ich hake nach, nenne Schiffsnamen. Er grinst. Seemann? Selber gefahren, was?Wir haben ein Thema. Kurzer Austausch der Reedereien und Fahrenszeiten, sozusagen das Stammbuch unter Seeleuten. Ah, die Puddinglinie, Oetker, Südamerika. Norddeutscher Lloyd, kennt heute eh keiner mehr … moment mal, das müsste 1976 gewesen sein … Schiffsnamen und Fahrtgebiete, Kapitäne und Mannschaften, Häfen und Spelunken.

Wir stehen im Flur und schnacken. Am Fischfang vor Neufundland bleiben wir hängen. Ein hartes, ein brutales Geschäft zu seiner Zeit. Er erzählt, ganz nüchtern, Fakten, da ist kein Platz für Seemannsgarn. Über die Kälte, die fürchterlichen Stürme, das knochenbrechende Fischen „über die Seite“ und was für ein Fortschritt die Hecktrawler mit ihrer Rampe in den Augen der Männer waren. Über ungeheure Fangmengen, über die immer größer werdende Flotte, das Unbehagen und das Wissen aller Beteiligten, dass das so nicht weitergehen würde, könne. Wir sprechen über St. John, den Hafen mit der so schrecklich engen Einfahrt, dort, wo die nimmermüden Fischfabriken auf den begehrten Rohstoff warteten. Wo Landgang angesagt war, raue Erholung von einem noch raueren Alltag. Er erzählt und vor meinem Auge entsteht der übliche Hafenbetrieb. Dutzende von Trawlern, Krach und Gestank, der Löschbetrieb, die übliche „Meile“ mit Kneipen und Etablissements, mit den Damen, die mit jedem gezischten Bier hübscher werden. Und teurer. Der Weg zurück an Bord, das Wecken mit dickem Kopf, der Bootsmann, der da kein Erbarmen kennt. Wer säuft kann auch Rost kratzen. Fang an! Ich war dort, lange nach seiner Zeit, St. John nur noch ein müdes Nest, habe aber keine Probleme, mich in seine Erzählung hineinzudenken.

Danach habe er Passagiere gefahren, fährt er fort, aber das sei „eine anstrengende Ladung“ gewesen. Zu viele Menschen auf einen Haufen, zu viel Drumherum, viel zu viele Einschränkungen an Bord für die Mannschaft. Zuviel „feine Gesellschaft“. Wir grinsen uns an. Das habe ihm nicht gefallen und so sei er schließlich bei den Schleppern gelandet. Den Großen. Den „Hyänen der Meere“. Weltweite Fahrt. Immer dort, wo es gerade zur Sache ging. Wenn andere Schiffe wegen außerordentlicher Stürme die Häfen anliefen, gingen sie hinaus auf Seeposition. Lauernd, warten auf den Notruf, letzte Hilfe gegen hohen Preis anbietend, oft genug die allerletzte Alternative zu Strandung und Verlust des Schiffes. Von Reedern und Kapitänen der Kosten wegen gehasst und doch gebraucht. Beteiligt bis zum letzten Mann an der Bergesumme riskierten sie oft viel, viel zu viel, um ein Schiff sicher in den Hafen zu bekommen. Einmal am Haken ließen sie es nicht wieder los. Soff es ihnen 500 Meter vor der rettenden Hafeneinfahrt ab, gab es nichts. Bekamen sie es herein, regnete es Dollars, abgestuft, aber für alle an Bord. Er erzählt von den legendären Partys, die folgten. Jedenfalls von dem Teil, an den er sich erinnern könne, zwinkert er.

Wir sprechen von den heutigen Schleppern, dem letzten, großen, deutschen Hochseeschlepper, der für Notfälle in Cuxhaven liegt. Von dem ungeheuren Monster, dass die Franzosen in der Bretagne stationiert haben, mit unvorstellbaren hunderten von Tonnen Pfahlzug und angeblich in der Lage, einen riesigen Tanker mit fünf Knoten Fahrt voraus durch einen ausgewachsenen Orkan zu ziehen. Von Bananenjägern und Südamerikafahrt, Tropenwetter und eiskalter See. Den großen Kaps. Der Angst bei Sturm. Von der gefühlten, unendlichen Freiheit auf See und dem Wissen, das das so in Wirklichkeit nie war. Vom Erleben als Frischling an Bord, als jede Impression, jeder Eindruck neu und scharf war, sich tief und für immer einprägte. Als wir unsere Standpunkte definierten, uns einfügten in diese Welt, Sichtweisen für das Leben fanden. Von Menschen und Mannschaften, von Kumpeln und Mackern, verschwunden, zurückgeblieben irgendwo in der Zeit auf ihrem eigenen Weg. Vom Abschied und vom Wissen, dass das so nie wieder kommt, nie wieder kommen kann, niemals mehr sein wird.
Zwei Stunden haben wir dort gestanden. Wortwörtlich „zwischen Tür und Angel“. Ein Loch in der Zeit hatte sich aufgetan, wir waren gerade ganz woanders. Langsam finden wir in eine Welt zurück, die aus Festland, aus einem Gemeindehaus einerseits und den Vorbereitungen auf die allerletzte Reise anderseits besteht. Wo eben in Gedanken noch das Meer rauschte, holpert jetzt der städtische Kehrwagen mit Gejaule an uns vorbei. Wie verdammt, verdammt profan!

Wir trennen uns ungern, alle Beide. „Brotherhood oft the sea“. Ein dickes Wort, ich weiß. Und trotzdem, nichts verbindet so wie die Fahrenszeit, egal, wie lange sie anhielt und wie lange sie her ist. Das haben wir Beide gerade eben wieder gemerkt. Einmal Seemann ist halt immer Seemann. Ein feiner Typ, ich mag ihn nach der kurzen Zeit unseres Gespräches. Ein gestandener Seemann, ein Mensch, wie ich ihn schätze: kantig, selber denkend, gesellschaftlichen Konventionen eher abgeneigt. Mit einem harten und ehrlichen Job, einer liberalen Weltsicht, einem barocken Lebensstil und der Bereitschaft, die guten Dinge mitzunehmen, wenn sie sich gerade bieten. Um mit den Schlechten dafür zu zahlen, und das, ohne zu jammern …

Wir verabschieden uns. Er lächelt und zieht seiner Wege, das Rathaus wird ihm bei der Grabfrage helfen können. Ich bleibe verzaubert zurück. Was steckt doch für ein gewaltiger Schatz an Lebensgeschichten in den Menschen, denen wir tagtäglich begegnen. Das ist mir schon öfter passiert, manchmal durch Zufall, häufiger bei meinen Besuchen in den Altenheimen. Das es mir so, wie hier, vor die Füße fällt, ist neu.

Wie unendlich schade, wenn das alles verloren ginge.