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Ich stehe mit einem Jugendlichen im Turm unserer Kirche. Dort ist die zentrale Gedenkstätte des Ortes für die von hier stammenden Opfer und Täter zweier Weltkriege untergebracht. Wir sprechen über den Volkstrauertag, über einen Gedenkgottesdienst, der gleich stattfinden soll. Nicht wirklich interessant für einen Vierzehnjährigen, soviel ist klar, trotzdem schadet ein wenig Wissen um Geschichte niemandem und nicht wirklich.

Ich versuche also ihm klarzumachen, wozu dieser Tag eigentlich dienen soll, warum es ihn gibt und wie sich seine Bedeutung und das Begehen im Kontext der Zeit immer wieder verändert hat. Warum wir Gedenken sollten, auch nach so vielen Jahren. Erkläre ihm die Namens- und Erinnerungstafeln an der Wand. Erzähle von den Menschen, die auch heute noch davor stehen, oft von weit her kommen um Blumen dort lassen, eine Kerze. Die sich sich des Menschen hinter dem Namen auf der Erinnerungstafel auch zwei oder drei Generationen nach Ende des Krieges noch sehr bewusst sind.

Wir sprechen über Erinnerung. Nein, ehrlicher gesagt, ich spreche. Frage nach, wie das in seiner Familie ist. So mit Erinnern, mit Wissen um die Generationen davor? Schweigen. Dann, zögerlich, nach einer Weile, doch eine Antwort.

Na ja, die Eltern hätten Eltern gehabt.

Ok, und weiter zurück?

Großeltern, klar, aber mehr wisse er nicht.

Geschichte? Haben deine Eltern dir was erzählt?

Hö?

Also Fehlanzeige. Hm. Ich erzähle ihm, dass das Gedenken früher intensiver gewesen sei. Zeitweise missbraucht wurde. Als „Heldengedenktag“. Das man dann nach dem Krieg an manch anderem Ort die Tafeln mit den Namen von gefallenen Soldaten entfernt habe, besonders dort, wo Dienstränge mit aufgeführt waren. Das plötzlich nicht mehr sein durfte, was im Erinnern nicht sein konnte. Verständlich, aber geschichtlich eben falsch und für die nachfolgenden Generationen ein Fehler. Leises Interesse.

Wieso das?

Na ja, wenn da zum Beispiel ein SS-Dienstgrad aufgeführt war.

???

Ähäm … also, du weißt doch, was die SS ist? Keine wirkliche Frage, die Möglichkeit des Nichtwissens schließe ich aus.

SS ?

Jetzt staune ich.

SS. Sturmstaffel, schwarze Uniformen. Spezielle, auf Hitler eingeschworene Truppe. Wachmannschaften im KZ?

Große Augen. Unverständnis. Das kann nicht sein, denke ich, der verarscht dich. Will dich hochnehmen. Ein zweiter Blick in seine Augen belehrt mich eines Schlechteren.

Also los. Kurzlehrgang. Die SS war eine besondere Truppe, gnadenlos, darauf gedrillt, blind zu gehorchen. Sie stellten unter Anderem die Wachmannschaften in den Vernichtungslagern und waren für ihre Brutalität bekannt. Sie trugen schwarze Uniformen, an der Mütze ein Totenkopfsymbol … hey, also mal ehrlich, was macht ihr im Geschichtsunterricht? Nie gehört? Du verscheisserst mich?!

Nö. Nie. Gleichgültiger Blick. Soweit sind wir noch nicht. Kommt wohl irgendwie im nächsten Jahr …

Ich sage erst mal nichts mehr. Ringe leise staunend um Fassung.

Ok … ich hatte zu meiner – lange zurückliegenden – Schulzeit eine Überdosis, vielleicht fasst mich dieses Unwissen deshalb so an. Nazitime, von Klasse 5 bis 10, nur in Variationen und Intensität durch wechselnde Lehrer unterschieden, aber letztlich bis zum Erbrechen. Das war nicht gut. Alles Andere, die Zeiten davor, die neuere deutsche Geschichte nach dem Krieg fanden nicht statt. Das sich da etwas ändern musste, war klar und sicherlich begrüßenswert. Aber so?

Ich lasse ihn laufen. Unser kleiner Bildungsspaziergang endet als Fiasko. Lässt mich sprachlos zurück in der Befürchtung und dem Wissen, dass ich keinen Einzelfall am Wickel hatte. Und auch, das das nicht alles ist, was er nicht weiß. Sondern das das Problem im System verankert ist. Wie sollen junge Menschen wie er Werte und moralische Ideen entwickeln können, wenn sie die notwendigen Grundlagen, die Erfahrungen der Geschichte nicht früh genug umfassend vermittelt bekommen? Wie sollen sie sich gegen menschenverachtende Ideen und Ideologien immunisieren, wenn ihnen die Möglichkeit zum Vergleich mit ähnlichen weltgeschichtlichen Konstellationen früherer Zeiten fehlt?

Und, weiter, wie können wir uns bei einer solchen Konstellation ernsthaft fragen, wieso PEGIDA und Konsorten in unserem Land eine solche Kraft entfalten? Wie können wir uns wundern, dass Weltbilder entstehen, die wir als seit 70 Jahren für mehr oder weniger ausgerottet angesehen haben, im schlechtesten Fall als eine böse Randerscheinung im politischen Konsens? Wie können wir uns darüber echauffieren, uns in Arroganz abwenden, wenn wir vorhandenes, immunmachendes Wissen einfach nicht vermitteln? Wenn wir – bildlich gesprochen – den Impfstoff gegen Radikalisierung haben, ihn aber nicht benutzen, weil seine Verteilung ja ach so teuer ist?

Und letztlich: Wir werden dieser Generation nicht die Schuld geben können, wenn sie eines Tages – aus diesem Werdegang und dem Nichtwissen heraus – die Welt anzünden. In fröhlicher Ignoranz einen Krieg anzetteln. Diese Verantwortung tragen durch unser Versäumnis wir.

„Eine Generation, die die Geschichte ignoriert, hat keine Vergangenheit – und keine Zukunft.“ (Robert A. Heinlein)

Irgendwie ist mir schlecht.