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Ich komme vom Einkaufen, den Korb voll. Lust hatte ich ja nicht wirklich, aber morgen Früh kommen die Kollegen zu Besuch und die wollen nicht auf dem Daumen lutschen. Also Einkaufen, unvorbereitet gibt mein Kühlschrank die dafür benötigten Mengen nicht her. Das Wetter Draußen ist grau, kalt ists geworden, gestern hat es tatsächlich geschneit. Was´n Wunder, hier bei uns in der Matschmarsch, und dazu noch im November. Normalerweise wird der Regen um diese Jahreszeit ein büschen frischer, kommt windbedingt ein wenig flacher, aber das wars denn auch. Und nun so was: Schlackermaschüh vom Himmel. Nee auch.

Vor dem Laden ein früher Abend. Es nieselt. Unter dem Überdach die üblichen, pubertären Rudelansammlungen, fein säuberlich nach Männchen und Weibchen getrennt. Man würde ja so gerne aufeinander losgehen, traut sich aber noch nicht und wirft sich anstatt dessen aufreizende Beleidigungen zu. Ich latsche einfach quer über das verbale Kampffeld, eine kurze, irritierte Pause: verdammt, jetzt kommen die Alten schon zum Sterben hierher! Ein oder Zwei aus dem Haufen grüßen unauffällig, peinlich berührt, man kennt den Knacker aus anderen Zusammenhängen, hoffentlich merkt es keiner. Ich ziehe meiner Wege und überlasse sie ihrer Balz mit einem Grinsen. So wird das nix, Leute, und bei dem Wetter sowieso nicht!

Auf der anderen Seite das, was man in unser Kleinstadt „Fussgängerzone“ zu nennen beliebt. Ein paar Geschäftchen, ein Grossist in Sachen Drogerieartikel, eine ob der verflossenen Saison mit Papier verklebte Eisdiele und ein seiner Funktion wie des Wassers beraubter Brunnen. Quer über die Straße seit Wochen eine Weihnachtsbeleuchtung, nackte Hundert-Watt-Birnen schnöde in Kette gereiht, gleich neben der mit flackernden Leuchtsternen verbrämten Achtziger-Jahre-Plastik-Fassade des örtlichen Klamottenkaufhauses. Im Grau des Abends etwa so anheimelnd wie die Halle des Hamburger Hauptbahnhofes. Nur die Geräuschkulisse kann nicht mithalten mit der Großstadt. Kurzum: das Ganze erzeugt das umgehend ungute Gefühl einer herannahenden Depression.

Doch dann: der Lichtblick. Ein Leuchten im Zugang der besagten Straße. Ein Wagen, rostig und rot, Glühbirnen an den Kanten, Rauch steigt auf, wird vom Winde verweht. Ungläubig trete ich näher. Tatsächlich, er ist es! Haben wir es wirklich schon so spät im Jahr? Mit zitternden Hände trete ich näher und, ja, tatsächlich: hartes Licht fällt auf nacktes, angestossenes Resopal, anheimelnd zieht der Duft von altem Fett und verbrannter Wurst in meine Nase. Glasscheiben mit Putzstreifen geben den Blick auf in einer undefinierbaren Sauce vor sich hinköchelnde Burgerfrikadunsen frei, daneben schmort die Currywurst sanft ihrer vollkommenen Kremation entgehen. Die bräunlichbunten Strukturfliesen an der Rückseite der Arbeitsfläche harmonieren perfekt mit dem bunt blinkenden Leuchtstern taiwanesischer Produktion, gleich daneben bewegt ein ebenfalls ostasiatisches Winkekätzchen mit Ganzkörperfrittierfettüberzug seine Pfote rythmisch auf und nieder …

Es wird Weihnachten. Nun ist es sicher. Es ist wirklich bald Weihnachten! Mit von Tränen der Rührung verschleiertem Blick stolpere ich an die Ablage des Wagens, von der Inhaberin im vergangenen Jahr und in meinem Beisein zartfühlend als das „Fressbrett“ bezeichnet und klammere mich, gleich neben der nach Resten gähnenden Mülltonne, an die rissige Kante des Resopals.„Eine Currykrakauer“, hauche ich.Fast versagt mir die Stimme. „Koooomt“, schnarrt es umgehend zurück. Das will nicht unbedingt etwas heißen, das weiß ich wohl. Aber sie kommt wirklich.

Nicht sofort, nicht eben dampfend, aber hübsch anzusehen. Die erste Weihnachtscurry. Alle Jahre wieder. Traditionen soll man pflegen. Deutlich zu teuer, zu fettig, zu kalt. Aber: es ist die ULTIMATIVE Weihnachtscurry! In meinen Gedanken läuten sanft die Glöckchen, es senkt sich herab eine grosse Ruhe und ein diffus güldner Lichtscheinauf legt sich auf die eigentlich profan-hässliche Szene. Sanft glänzt die Oberfläche des Wagens, ob vom Licht oder vom Fett, wer weiß und wen stört es. Der Geschmack von fettiger Wurst und nicht ganz so frischem Curryketchup lassen die Weihnachtglöckchen in mir klingen und mein Geist schwingt sich in ungeahnte Spähren des kulinarischen Genusses … „Und es war Frieden auf Erden und den Menschen …“ na ja, und so weiter.

JETZT ist Weihnachtszeit. Komme, was da wolle!

Mahlzeit!