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Gestern Abend in Hamburg. Hafen City. Ein edles, wie auch seltsames Pflaster. Das Navi führt mich durch die Stadt, ohne wäre ich verloren. Langsam, ganz langsam gewöhne ich mich an das Fahren hier. Hafenrand, ihrem eigentlichen Zweck entwöhnte Backsteinarchitektur, die alten Schuppen und Speicher, dazwischen und daneben Stahl, Glas und kühn geschwungener Beton. Büros, Geschäfte, Wohnungen – alles in einer Preisklasse weit jenseits meiner Vorstellungskraft. Seltsam steril und leblos. Keine gewachsene Struktur, am Zeichenbrett entstanden. Weitläufig, aber nicht heimelig.

Ich parke mein  Auto an einer breiten Durchgangsstrasse, überrascht, um diese Zeit keinen Parkschein mehr lösen zu müssen. Manöveriere mich durch die vielen Passagen in diesem weitläufigen Neubaugebiet, treffe auf einen kleinen, dafür luxuriösen Weihnachtsmarkt, der mich jedoch mit mit bedrückender Leere empfängt. Maps und dem wunderbaren kleinen, elektronischen Kasten in meiner Hand sei Dank stehe ich gleich darauf vor meinem Ziel: dem „Club 27457“. Da will ich hin. Da ließt an diesem Abend Freundin Candy Bukowski und sie will ich hören.

Ein kleiner Raum, nackte Betonwand. Theke, Sitzgelegenheiten  an der anderen Seite. Holzgarnituren für die Lesung, etwas erhöht eine Lesetisch mit Mikrophonen, davor Boxen. Das Licht so lala, als Deko eine alte Tür, mit Ketten an die Wand gedübelt. Minimalistisch. Ein paar eReader hängen von der Decke herab und leuchten, verkaufsfördernde Dekoration des Sponsors für den Abend. Die Bude wird voll, es wird warm, der Drink auch.

Los gehts. Vorstellung der beiden Autoren durch die freundliche Verlagstante, das alte Frage- und Antwortspiel: warum geschrieben, was dabei gedacht, was gefühlt. Antworten, lächeln. Und dann, endlich, ließt sie. Aus ihrem Erstlingswerk, enstanden aus Geschichten, die über einen langen Zeitraum ihren Blog füllten. „Der beste Suizid ist es, sich tot zu leben„. Dreißig Kurzgeschichten. Ausgerechnet Kurzgeschichten, ein totes Format. Sowas zu machen erfordert Mut, Glauben an die Macht der erzählten Geschichte und an sich selbst. Um dann zu sehen, dass es funktioniert. Na siehste!

Der eigentlich Höhepunkt. Ein Stück aus ihrem Roman, dem kommenden, dem Sorgen- und Hoffnungskind, dem lebenbestimmenden Mittelpunkt des Denkens, entstanden aus unendlichem Fleiß und dem immer neuen Hinterfragen des eigenen Tuns. Im Spätsommer des nun kommenden Jahres wird er erscheinen,“Wir waren keine Helden“ heißen. Geschichten aus dem Leben, angefangen mit dem pupertären Werden in der Provinz in den 80érn, dort, wo seinerzeit „der Arsch der Welt“ war und wo er – die Chance ist recht groß – noch heute ist. Weitergesponnen zu den kleinen Lebensfreiheiten, den ersten, und zu den unweigerlich folgenden Niederlagen. Immer an der Kante des Lebens entlang, lange, bevor es einem richtig die Kante gab. Aus dem Vollen gefräst, nichts ausgelassen, koste es, was es wolle und es kostete manchmal viel. Das ganze mit knappen Worten und direkt unter die Haut. Natürlich schneidet sie es diesen Abend nur an. Eine Lesung halt, sie soll Appetirt machen.

Das Ende des Abends hat Gänsehautfeeling, jedenfalls für mich. Denn es kommt ein Satz aus einer ihrer Kurzgeschichten, ein Hinweis auf den „Nachtzug nach Murnau“. Das genau ist die Story, die mich von Anfang an fasziniert hat. Die mich für ihre Art zu Erzählen eingenommen hat. Vor langer Zeit in ihrem Blog gelesen, lässt sie mich jedesmal erneut frösteln und jagt mir Schauer den Rücken hinunter. Es ist die alte Geschichte vom Schicksalsschlag aus dem Nichts, von drohendem Tod und der Rettung in letzter Minute. Die Story vom langen, harten Weg zurück und vom durch-den-Staub-zu-den-Sternen gehen. Von der Reise durch die Nacht, in doppeltem Sinne und ein Jeder der Protagonisten auf seine ihm eigene Art. Sie handelt nicht zuletzt davon, wie man Verantwortung übernimmt, einfach so und weil man glaubt, das man genau deshalb an diesen Ort gestellt ist. Sie ist – in meinen Augen – das Beste, was sie bisher geschrieben hat.

Der Abend danach endet mit Herumlaufen, Suchen, aufkeinendem Hunger und einer mitleidigen Geburtstagsgesellschaft mit zuvielen Brötchen. Mit einer freundlichen Gulaschsuppe, vielen schönen Gesprächen, einem langen Fussmarsch durch das Hafenviertel und einer Cola- & Coffeingepowerten Rückfahrt über die nächtliche Autobahn.

Aber das ist eine andere, eigene Geschichte.